Der 1951 erschienene Roman, im Original „The Catcher in the Rye“, hat inzwischen rund 80 Millionen Exemplare verkauft. Seine Entstehungsgeschichte ist dramatisch.
75 Jahre „Der Fänger im Roggen“Wie J. D. Salinger in der Eifel den Teenager erfand

Robert Vickrey malte dieses Porträt von Salinger 1961 für das Time Magazine
Copyright: Smithsonian Institute
Im Jahr 1944, schreibt Jon Savage in seiner Monografie „Teenage“, beginnen die Amerikaner, das Wort „Teenager“ zu verwenden. Eine Bezeichnung für junge Menschen zwischen 14 und 18 Jahren, die eine Phase des Experimentierens und der Rebellion durchleben. Eine neu definierte Zielgruppe, die es als Konsumenten einzuhegen gilt. Der „Teenager“, so Savage, ist zuerst einmal ein Marketingbegriff.
In der Mitte des Jahres 1944 nimmt Jerome David Salinger als Spionageabwehr-Agent des 12. Infanterieregiments an der Landung der Alliierten in der Normandie teil. Seine Einheit verfehlt Utah Beach um einige Kilometer in Richtung Süden, ein Umstand, der dem 25-jährigen Sohn eines Händlers für koscheren Käse wahrscheinlich das Leben rettet. Unter seiner Uniformjacke verbirgt er, seinem inoffiziellen Biografen Kenneth Slawenski zufolge, sechs Kapitel eines unvollendeten Romans. Noch inmitten der Kampfhandlungen – 1900 von 3000 Soldaten seines Regiments sterben in der Normandie – schreibt J. D. Salinger weiter. Dazu, erzählt er später, habe er nicht mehr gebraucht als einen unbesetzten Schützengraben.
Ernest Hemingway ist schwer beeindruckt
In Paris lernt Salinger Ernest Hemingway kennen, der dort als Kriegskorrespondent arbeitet. Während der Schlacht im Nordeifeler Hürtgenwald, die mit 12.000 Gefallenen zu den verlustreichsten Kämpfen der US-Armee im Zweiten Weltkrieg zählt, trifft er erneut auf Hemingway. Diesmal gibt er ihm die Manuskripte zu lesen, die er unter seiner Uniformjacke verborgen hat: „Jesses, der hat echt ein unglaubliches Talent“, lobt der spätere Literaturnobelpreisträger.
Diese Begegnung, schreibt Salinger nach dem Krieg an Hemingway, sei eine der wenigen guten Erinnerungen an diese Zeit gewesen. Die schlimmste ist die Befreiung einer Außenstelle des Konzentrationslagers Dachau in Kaufering im April 1945. SS-Offiziere haben vor ihrer Flucht die Gefangenenbaracken in Brand gesetzt, rund 300 Insassen, die meisten von ihnen jüdisch wie Salinger, verbrennen. „Den Geruch von verbranntem Fleisch bekommst du nie ganz aus der Nase, egal wie lange du lebst“, wird er später seiner Tochter Margaret erzählen. In Nürnberg weist er sich wegen seines Kriegstraumas selbst in ein Zivilkrankenhaus ein.

Buchumschlag der Originalausgabe von "The Catcher in the Rye"
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Zurück in den USA, zurück in Manhattan, schreibt Salinger weiter. An Kurzgeschichten, von denen nur eine namens „The Magic Foxhole“ auf seine Erlebnisse an der Front zurückgreift – sie bleibt unveröffentlicht. Von denen dafür umso mehr über die hochbegabten, tief verzweifelten Kinder der Varieté-Familie Glass erzählen. Und er schreibt weiter an dem Roman, dessen erste Kapitel ihn am D-Day begleitet haben: „The Catcher in the Rye“. „Der Fänger im Roggen“, in der Übersetzung, die Heinrich Böll, noch ein späterer Nobelpreisträger, elf Jahre nach der US-Ausgabe des Buches für den Kölner Verlag Kiepenheuer & Witsch anfertigt.
Holden Caulfield, der rastlose Erzähler des Romans, ist der Prototyp des Nachkriegsteenagers, ein radikalisierter Nachfahre Huckleberry Finns. Ein 16-jähriger Schulabbrecher, Aufständischer gegen die Arschlochgesellschaft, ein Rebell mit verdammt guten Gründen, Kämpfer gegen alles, was er für heuchlerisch („phony“) oder affektiert („corny“) hält. Ein selbsterklärter und auch ein wenig selbstgerechter Bewahrer der Kindheit. Der Titel stammt von einem Robert-Burns-Gedicht, das Holden am Broadway gehört und missverstanden hat: In seiner Vorstellung steht er am Rand eines Roggenfelds und fängt Kinder auf, die über die Klippe in den Abgrund zu fallen drohen.
Was sie dort unten erwartet? Das Erwachsenenalter, der Verlust der Unschuld. Eine Welt, in der das amerikanische Jahrhundert und mit ihm der Siegeszug des Teenagers angebrochen ist. Eine Welt, die spezielle Produkte für diese neu entdeckte Zielgruppe braucht – der „Catcher“ ist das erste, beste und ehrlichste „Young Adult“-Buch. Doch diese Teenager-Welt ist kein Paradies, sie ist eine Welt, in der der Holocaust stattgefunden hat.
Daher rührt das dunkle Herz von Salingers einzigem Roman. „An Holden Caulfield, von Holden Caulfield: Das hier ist meine Stellungnahme“, hat Mark David Chapman in seine „Catcher“-Ausgabe geschrieben, erworben am selben Tag, an dem er John Lennon erschießt. Auch Reagan-Attentäter John Hinkley Jr. identifiziert sich mit Holden. Heute gilt Salingers Protagonist zudem als Vorbild der Incel-Bewegung. Zum Erbe eines Weltbestsellers mit 80 Millionen verkauften Exemplaren (laut „NY Times“) gehören solche Fehlinterpretationen. Aber Holden Caulfield ist kein prophetischer Held, sondern ein Entwicklungsgestörter, der aus einer psychiatrischen Einrichtung heraus erzählt, verdammt dazu, auf ewig Teenager zu bleiben.
