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Anish Kapoor im Lehmbruck MuseumDie Anziehungskraft des Unheimlichen

4 min
Zwei fließend geschwungene, sich selbst reflektierende Edelstahlschlangen

Anish Kapoors elegante und monumentale Skulptur „Double-S-Curve“ (2019) im Museum Lehmbruck in Duisburg

Der indisch-britische Künstler Anish Kapoor erhält den Wilhelm-Lehmbruck-Preis und eine Ausstellung in Duisburg.

Als der Bildhauer Anish Kapoor sich 2016 die Exklusivrechte auf das „schwärzeste Schwarz der Welt: Vantablack“ sichert, bringt er damit nicht nur manche Kollegen gegen sich auf, sondern irritiert auch sein Publikum. Vantablack wurde ursprünglich von Nanotechnologen als Tarnfarbe für militärische Zwecke entwickelt. Es absorbiert 99,9 Prozent des sichtbaren Lichts, kann also Dinge zum Verschwinden bringen. Selbstverständlich ist für einen Künstler ein Pigment faszinierend, das, auf der Oberfläche eines seiner Werke aufgetragen, dieses unsichtbar macht, es körperlich verunklärt, die dritte Dimension aufhebt. Kapoor erzählt belustigt, wie er Zeuge wurde, als ein Ausstellungsbesucher in Kassel erbost seine Brille auf „den schwarzen Teppich“ warf und völlig perplex war, als diese in das schwarze Loch fiel und verschwand. Später sollte Ähnliches auch einem Besucher selbst passieren, er kam ebenfalls mit einem Schrecken davon.

Aber was bedeutet das superschwarze Schwarz dem Künstler? Immer wieder hat er sich dazu geäußert: Für ihn enthält das Schwarz potenziell alles und ist dabei immer zugleich auch Nichts, es löst sich vom Gegenstand, bringt diesen gar vor unseren Augen zum Verschwinden. Diese Ambivalenz interessiere ihn, aber auch die Versöhnung der Gegensätze. Kapoor spielt in seiner Kunst mit diesen Polaritäten und scheinbaren Widersprüchen. Das Erhabene kann gleichzeitig auch das Furchterregende sein. Er selbst habe sich immer schon hingezogen gefühlt zu den Dingen, die ihm auch ein bisschen Angst machen. Er kenne sie gut, die Anziehungskraft des Unheimlichen.

Ein bisschen Anish Kapoor in Duisburg

Jetzt ist eine Vantablack-Arbeit („Mother as a Mountain“, 2019) auch in Duisburg zu sehen, ein bisschen. Das Lehmbruck Museum richtet dem indisch-britischen Künstler Anish Kapoor (*1954 in Mumbai) anlässlich des ihm verliehenen Wilhelm-Lehmbruck-Preises eine Ausstellung aus, in der es anhand von 16 Objekten einen Einblick in sein skulpturales Schaffen zeigt, obschon der Künstler immer schon mit ganz verschiedenen Medien und Materialien arbeitet. Gerne hätte man also in Duisburg auch ein paar Skizzen, Zeichnungen, Papierarbeiten, Malereien, Modelle gesehen, um die Entstehung seiner Werke nachzuvollziehen und den Künstler etwas besser kennenzulernen. Zur Verleihung des Lehmbruck-Preises reist Sir Anish Kapoor aus Venedig an, wo der vielgeehrte Künstler, Biennale-Teilnehmer und Turner-Preisträger gerade seine Ausstellung im Palazzo Manfrin Venice vorbereitet.

Anish Kapoor ist heute vor allem bekannt für seine monumentalen Arbeiten, die sowohl Stadträume möblieren als auch komplette Ausstellungsräume füllen und so deren Wahrnehmung lenken. So etwa die elegante „Double-S-Curve“ (2019), die in Duisburg einen eigenen Raum beansprucht und nur im Durchwandern überhaupt zu erleben ist. Gänzlich überblicken kann man die zwei fließend geschwungenen, sich selbst reflektierenden Edelstahlschlangen nie. Stattdessen befindet man sich mitten zwischen den eigenen verzerrt bewegten Spiegelbildern, wird klein und groß, dick und dünn und ist plötzlich nicht mehr da. Wo bin ich noch mal? Auch in den großen runden Arbeiten an den Wänden verschwinde ich irgendwann, aufgesaugt von der Dunkelheit und der eigenen Wahrnehmung.

Der Zeit beim Verstreichen zuschauen

Die Arbeit „Spire“ (2014), ein superspitz konkav zulaufender dünner Kegel, der im Lichthof des Altbaus genau an der Stelle von Lehmbrucks „aufsteigendem Jüngling“ steht, ist wohl die poetischste Arbeit der Schau, sie lädt geradezu zum Verweilen ein. Die Aufsichtsperson, die hier den Tag verbringt, hat wohl gerade, jedenfalls wenn die Sonne scheint, den schönsten Job im Museum, sie kann der Zeit beim Verstreichen zuschauen. Die spitze Spitze der glänzenden Skulptur funktioniert gewissermaßen wie eine Sonnenuhr. Eine Zeit-Lupe. Ein ähnlich meditatives und melancholisches Temperament sieht Anish Kapoor auch bei den Skulpturen von Wilhelm Lehmbruck, den er sehr verehre und in dessen Gesellschaft er sich ausgesprochen wohlfühle.

Die Arbeit „Past, Present, Future“ (2006) ist ein weiteres sinnliches, träges, behäbigeres Werk. Ein Viertel eines riesigen runden Öl-Wachskloßes an der Wand wird ganz langsam von einem dicken, rundlaufenden Metallwinkel „geschält“ oder gerakelt. Es sieht ein wenig martialisch aus, die fette Metallbramme an der formbaren, organisch anmutenden Gestalt; aber dann ist es doch auch etwas zärtlich, als würde der grobe Winkel zart und sachte die glatte Haut streicheln. Von dem dunkelroten Wachs rutschen an den Enden und zwischendurch unförmige Klumpen ab, bleiben an den Wänden und Rändern kleben, werden mitgeschleift. Es riecht nach Wachs – eine konkrete und psychophysische Komponente, die diese Arbeit besonders anziehend macht. Man möchte sie zu gerne berühren, hineinfassen, aber gleichzeitig ist es ja auch ein bisschen eklig … und hier verbleibt es auch für die Betrachterin, changierend irgendwo zwischen Anziehung und Abstoßung.

Andere Arbeiten hingegen zeigen mir die kalte Schulter; obschon der intensivfarbige, rosafarbene Onyx mit seinen hellen und dunklen Adern ein schöner Stein ist, wirken die aus ihm gefertigten drei tonnenschweren Objekte (Gossamer, 1985 und untitled, 2015 und 2020) mit ihren künstlich geglätteten Oberflächen eher abweisend und mit sich selbst beschäftigt. Der Unterschied zwischen menschengemacht und naturgemacht wird an ihnen schmerzhaft deutlich, ein Gegensatz, der manchmal wohl einfach unversöhnt bleibt.


Anish Kapoor, Lehmbruck Museum Duisburg, bis 30.8. 2026, Di.–Fr. 12–17 Uhr, Sa., So. 11–17 Uhr, www.lehmbruckmuseum.de