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Arp-Museum RolandseckNichts ist langweiliger als der Mond

5 min
Ein Astronaut steht gelangweilt auf dem Mond.

Standbild aus „Bored Astronauts“ von John Wood und Paul Harrison. 

Was finden wir bloß am öden, menschenfeindlichen Universum? Eine Ausstellung im Arp-Museum Bahnhof Rolandseck gibt Antworten. 

Der Mond ist keine Partymeile. Hier gibt es weder Strandbars noch Musikbeschallung und nicht einmal Getränkeautomaten, aus denen man Sauerstoff in Dosen ziehen könnte. Was immer sich die beiden Raumfahrer von ihrer Mondreise erhofft haben, der Trabant bleibt es ihnen in der Liveschalte aus dem Studio von John Wood und Paul Harrison bitter schuldig. Als gelangweilte Astronauten stehen die beiden in einer staubigen Mondkulisse und treten verlegen von einem Bein aufs andere, wie touristische Michelinmännchen, die entdecken, dass ihr Reiseziel nicht mal als Hüpfburg taugt.

Auch die echten Mondfahrer brachten als wichtigste Erkenntnis von ihrer Reise mit, wie schön die Erde ist: so herzzerreißend blau, so zerbrechlich und ganz anders als der öde Steinbrocken, der unseren Heimatplaneten eifersüchtig umkreist. Trotzdem haben wir nach der ersten Mondlandung nicht schlagartig aufgehört, vom Mond oder ähnlich menschenfeindlichen Planeten zu träumen, sei es in der Hoffnung auf Erlösung oder in Erwartung besserer Welten. Doch auch Elon Musk wird noch entdecken, dass der Mars nur eine weitere Touristenfalle in den unendlichen Weiten des Sternenhimmels ist.

Warum der Weltraum zum Medium der Weltflucht wurde und warum er nicht aufhört, uns ins Unvorstellbare zu locken, diesen Fragen widmet sich jetzt das Arp-Museum Bahnhof Rolandseck. Unter dem Titel „Zu den Sternen“ hat Julia Wallner, Direktorin des Museums, einen bebilderten Reiseführer durch den Kosmos unserer interstellaren Sehnsüchte inszeniert – angefangen mit der sentimentalen Leserin, die auf einem Johann-Hasenclever-Gemälde von 1846 halb entblößt den Mond anschmachtet, bis zu einer selbstgebauten Raumkapsel mitsamt Fallschirm, die Mona Schulzek zur Ausstellungseröffnung auf den Museumshängen niedergehen ließ.

Wem die Erde als Jammertal erscheint, hofft auf himmlische Erlösung

Der zentrale Blickfang der Ausstellung ist allerdings, wie es sich im Sonnensystem gehört, die Sonne. Sie züngelt uns auf einem ikonischen Video von Katharina Sieverding entgegen, in Form eines 186-minütigen Bilderreigens, den Sieverding aus unzähligen NASA-Aufnahmen von Sonneneruptionen zu einer Endlosschleife des Sich-Verzehrens formte. Auf den Laien wirkt das, als würde die Sonne eher heute als morgen ausbrennen und verlöschen, aber was soll’s, wenn es nach dem russischen Revolutionskünstler El Lissitzky geht? Bereits 1923 feierte dieser in seiner berühmten Grafikserie „Sieg über die Sonne“ die menschliche Unabhängigkeit von außerirdischer Energiezufuhr. Hurra, wir machen uns die elektrifizierte Nacht zum Tag.

Julia Wallners These zur Weltallbegeisterung ist so altbekannt wie einleuchtend: Wenn uns die Erde als Jammertal erscheint, setzen wir unsere Hoffnungen auf himmlische Erlösung. Daran änderte sich auch nichts, nachdem die Säkularisierung die Götter aus dem Himmelszelt vertrieben hatte. Die vom Ersten Weltkrieg traumatisierten Künstler setzten anstelle des christlichen Gottvaters eben abstrakte Utopien ans Firmament oder eine Leere, die sich nach Belieben füllen ließ – wenn sie das Weltall nicht als friedliche Gegenwelt über einer irdischen Katastrophenlandschaft schweben ließen. Allerdings braucht es vor allem bei den Surrealisten etwas Fantasie, um konkrete Bezüge herzustellen. Dass Hans Arps „Milchstraßenträne“ von 1962 über die Toten zweier Weltkriege vergossen wurde, sieht man ihr nun mal nicht an.

Beim Konstruktivisten Alexander Rodtschenko wird es schon konkreter. In seiner hängenden Raumkonstruktion verortet er die Planetenbahnen im Sternensystem der Vernunft, als Gegenbild zum irdischen Chaos. Wenzel Habliks kunterbunter, bereits 1913 gemalter „Sternhimmel“ wirkt hingegen, als hätte man diesen in einem Kaleidoskop mal ordentlich durchgeschüttelt. In der Mitte steht nicht die Sonne, sondern Saturn und schickt Wellen einer höheren Ordnung durchs All.

Blick auf die entflammte Sonne mit Eruptionen.

Aus dem Video „Die Sonne um Mitternacht schauen“ von Katharina Sieverding

Was davon auf der Erde ankommt, stand bei Skeptikern schon immer im Verdacht des mehr oder weniger gefährlichen Spinnertums. Wallner genügt ein kleines, lange vor den Raketenstarts der Moderne vollendetes Meisterwerk von Carl Spitzweg, um dies zu illustrieren. Auf seinem „Astrologen“-Bild (1864) schaut ein unvorteilhaft hockender Feldherr Wallenstein durch ein Teleskop, während ihm sein Leibastrologe die Geschicke der Welt vom Himmel herunterlügt. In diesem Geist scheint Sylvie Fleury den schönen Versprechungen des Weltalls und seiner Möchtegern-Eroberer zu misstrauen. Das erste Raumschiff zur Venus endet bei ihr als schlapper Sitzsack; Sehnsüchte, die sich hartnäckig nicht erfüllen, können selbst die größten Utopisten ermüden.

Auch im Arp-Museum führt die Weltflucht verlässlich zu uns zurück, das schwarze All ist die ideale Projektionsfläche für Wünsche und Ängste, Utopien und Anti-Utopien. Selbst die Fantasiekostüme von Minya Diez-Dührkoop erscheinen in diesem Zusammenhang als „außerirdisch“, sie geben jedenfalls zu erkennen, dass sich ihre Träger in dieser Welt nicht heimisch fühlen. Bei Oskar Schlemmers Entwürfen für das „Triadische Ballett“ lassen sich die Wellen und Schwingungen ebenfalls als kosmisch deuten; der Mensch ist ein Empfänger für Sendungen aus dem All. Die kommen im Zweifel von Mariko Mori, die als poppige Milchstraßen-Göttin auf einem Planeten balanciert und Seifenblasen als neue Welten ins Universum bläst. Jeder schafft sich die Unendlichkeit, die ihm gefällt.

Der Rücksturz zur Erde ist dann mitunter schmerzhaft, zumal, wenn man sich nicht für ein Leben auf einer Ersatz-Biosphäre erwärmen mag, wie sie durch Yael Bartanas Videoinstallation „Farewell“ schwebt. Hier ist das Raumschiff Erde tatsächlich nur noch ein Raumtransporter und der blaue Planet möglicherweise unbewohnbar geworden. So weit sind wir zum Glück bislang nicht, auch wenn der Blick aus dem Museumsfenster auf einen austrocknenden Flusslauf fällt. So kann es nicht schaden, beim Abschied noch einmal bei Klaus Staecks Plakatklassiker aus dem Jahr 1983 vorbeizuschauen: Wenigstens aus der Ferne des Weltalls hat die Erde, diese schonend zu behandelnde Mietsache, nichts von ihrer Schönheit verloren.


„Zu den Sternen! Weltraum und Weltflucht in der Moderne“, Arp-Museum Bahnhof Rolandseck, Remagen, Di.–So. 11–18 Uhr, bis 10. Januar 2027