Peter Gilles malte mit seinem Blut und ließ Besucher in Ohnmacht fallen. Jetzt wird der Kölner Künstler in Bergisch Gladbach wiederentdeckt.
Ausstellung zu Peter GillesEndlich wieder Kunst für Unerschrockene

Peter Gilles im Krater Nea Kameni auf Griechenland
Copyright: Birgit Kahle
In den 1980er Jahren gehörte der Künstler Peter Gilles zum Kölner Stadtgespräch, vor allem dank seiner öffentlichen Performances, in denen insbesondere Männer, so geht jedenfalls die Legende, gerne oder auch weniger gerne in Ohnmacht fielen. Damals hatte sich Gilles einen Ruf als Extremkünstler erworben, der, auf der Suche nach dem wahrhaftigen Selbstporträt, mit eigenem Blut malte, indem er sich nackt und blutgetränkt gegen Leinwände drückte, sich zum Entsetzen des versammelten Publikums dabei schon mal eine Plastiktüte über den Kopf zog oder an den Rand eines aktiven Vulkans reiste, um mit lebensgroßen Kohlestiftzeichnungen die eigenen Grenzen zu umreißen.
Diese Sehnsucht danach, sich in Gefahr zu begeben und die eigene, blutende Wunde vorzuführen, faszinierte die einen, ließ die anderen gruseln – und verkaufte sich lange erstaunlich gut. Selbst der Großsammler Peter Ludwig erwarb von Gilles ein monumentales Werk, auf dem 34 blutige Körperabdrücke die Lebensjahre des Künstlers illustrieren, traute sich dann allerdings nicht, es in die Sammlung seines Kölner Museums zu geben. Stattdessen „versteckte“ er es im Aachener Ludwigforum. Andere hingen sich die mit Kohle, Acrylfarbe und mehr Blut bearbeiteten Blutbilder sogar ins Wohnzimmer. Allerdings fanden sich mit den Jahren immer weniger dieser Unerschrockenen. Als Peter Gilles 2017 starb, war sein Name beinahe vergessen und sein ungewöhnliches Werk für viele nur noch ein Gerücht.
Seine Selbstporträts sind voller Schatten, Geister und Dämonen
Jetzt erinnert das Kunstmuseum Villa Zanders in Bergisch Gladbach an den Ausnahmekünstler aus der Nachbarschaft, wenn auch nur in einer kleinen Kabinettausstellung, die der Kölner Sammler Hartmut Kraft komplett aus eigenen Beständen bestückte. Kraft gehörte zu den eifrigsten Sammlern der Gilles-Experience und zu den treuesten Freunden des Künstlers – ihn faszinierte, wie dieser sich extremen Situationen aussetzte, um sich in ihnen zu behaupten, und dabei Kunstwerke schuf, die außer von persönlichen Krisen auch vom Zustand der Gesellschaft erzählen. Für Kraft kam Gilles in den 1990er Jahren aus der Mode, weil uns die Welt nach dem Ende des Kalten Kriegs plötzlich nicht mehr blut-, sondern rosarot erschien. Heute sei die Zeit hingegen wieder reif für einen existenziellen, aus allen Poren blutenden Realismus.
Ob das stimmt, wird sich zeigen. Aber falls die Gilles-Renaissance ausbleibt, hat sich Kraft wenigstens nichts vorzuwerfen. Seine Gladbacher Ausstellung ist eine glänzende Einführung in Gilles’ Werk, mit lebensgroßen, erstaunlich frisch wirkenden Selbstporträts in Blut, die er gemeinsam mit gut abgehangenen Referenzwerken von Joseph Beuys, Hermann Nitsch oder Felix Droese präsentiert – nur für einen blauen Körperabdruck von Yves Klein haben die Finanzen nicht gereicht. Die einzelnen Zutaten von Gilles’ Arbeiten, das gesteht auch Kraft gerne zu, sind nicht unbedingt originell. Körperabdrucke dirigierte Klein bereits in den 50er Jahren (mit Mannequins), Nitsch feierte lange vor Gilles auf offener Bühne Mysterienorgien (allerdings mit Tierblut) und der Wiener Aktionskünstler Günter Brus verletzte sich in den wilden Sechzigern selbst vor Publikum, um mit seinem besonderen Saft zu malen. Aber Gilles fand einen Weg, diese körperfremden Inhaltsstoffe zu etwas Eigenem zu kombinieren.

Ein Körperabdruck in Blut von Peter Gilles
Copyright: VG Bild-Kunst, Bonn 2026, Foto: Eberhard Hahne
Anders als Brus und Nitsch suchte Gilles nicht den Kontrollverlust, sondern eine prekäre Balance zwischen Selbstverausgabung und Selbstbeherrschung. Stets ließ er sich das Blut von medizinischem Personal abnehmen (oftmals war dies die Ehefrau von Hartmut Kraft) und verstaute die mit Antigerinnungsmitteln versetzten Blutbeutel im Kühlschrank zur weiteren Verwendung. Seine Hauptwerke bestehen aus Körpersilhouetten, die er anschließend mithilfe von Kohlestiften, geworfenen Farbbeuteln oder Fontänen aus der Spritze weiter ausbluten ließ. Dabei griff er auf die Vorbilder der gestischen Malerei zurück, ohne die figürliche Welt hinter sich zu lassen. Man findet auf seinen Selbstporträts zahllose Schatten, Doppelgänger, gespaltene Persönlichkeiten, Geister, Dämonen oder Zwitterwesen.
All das ist ein Fest für Psychoanalytiker wie Hartmut Kraft, der seinem Freund nicht nur eine posthume Ausstellung bescherte, sondern auch ein Werkverzeichnis von Gilles' Performances herausbrachte (das Buch ist zugleich eine gelungene Einführung in Leben und gesamtes Werk des Künstlers). Welche Traumata ihn ins Extreme trieben, hat Gilles allerdings bewusst für sich behalten und sich auch keine verräterischen Bildtitel ausgedacht – das blutende Selbst sollte für sich stehen. So bleibt seine Kunst durchlässig für alle Deutungen, seien sie psychologischer, kulturhistorischer oder religiöser Natur. Am Ende gelang ihm damit ein sehr persönliches, säkulares Wandlungswunder: Aus seinem Blut wurde Farbe, so oft er sich zur Ader ließ.
„Am Rande des Vulkans“, Kunstmuseum Villa Zanders, Konrad-Adenauer-Platz 8, Bergisch Gladbach, Di., Fr. 14–18 Uhr, Mi., Sa. 10–18 Uhr, Do. 14–18 Uhr; bis 31. Oktober 2026.
Auch in Köln gibt es derzeit eine Peter-Gilles-Ausstellung: In der Galerie Koppelmann (Baudristr. 5, Do.–Fr. 14–18 Uhr, Sa. 11–15 Uhr) sind bis zum 30. August Arbeiten auf Papier zu sehen.
