Abo

Buh-Orkan nach „Götterdämmerung“Ein Ring, der nicht mehr zu retten ist

3 min
Auf einer grün erleuchteten Treppe stehen Menschen.

Soll in der Nacht vor der Premiere bis vier Uhr morgens umprogrammiert worden sein: die Inszenierung von Wagners „Götterdämmerung“

Der Bayreuther mit KI-Projektionen gestaltete „Ring“ ist ein szenischer Totalausfall. Auch die Inszenierung der „Götterdämmerung“ vermag daran nichts zu ändern.

Nach dem „Rheingold“ und der „Walküre“ war eigentlich schon abzusehen, dass der neue „Ring“ wohl kaum als Erfolg in die Inszenierungsgeschichte Bayreuths eingehen würde. Immerhin wird das Tempo der sich bislang in rasendem Morphing fortquälenden Bilder bei „Siegfried“ nun erstmals spürbar gedrosselt. Denn das Team hat registriert, dass Publikum und Presse einhellig entsetzt sind. Magische Momente gibt es am dritten Abend dann nur musikalisch, wenn Christian Thielemann im Graben impressionistische Farben zum Leuchten bringt und die Musik plötzlich spricht und plastische Kontur gewinnt. Auch die Sänger haben sich nach zaghaften Versuchen in der „Walküre“ nun für eine Art von improvisierter Personenregie entschieden. Sie spielen einander an, sie berühren sich, sofern das mit den steifen Kostümen überhaupt möglich ist. Das wirkt dann zwar wie in einer abgespielten Produktion aus den 1970er Jahren in der tiefsten Theater-Provinz, aber es wird als spürbare Erlösung aus der vorherrschenden Lähmung empfunden.

In der Nacht vor der „Götterdämmerung“ soll das Programmierteam – das drohende Desaster beim Schlussapplaus vor Augen – dann bis vier Uhr morgens umprogrammiert haben. Tatsächlich stehen die Bilder nun minutenlang, die Fehlgriffe der KI, die sich im Zeitstrahl nun bis ins letzte halbe Jahrhundert vorgearbeitet hatte, präsentierten aber erneut Albernheiten wie die Sonderbriefmarke zur deutschen Wiedervereinigung, oder Helmut Kohl und Ronald Reagan. Aber auch immer wieder verschwommene Fotos des Schlussgesangs der Brünnhilde aus Patrice Chéreaus legendärem „Jahrhundertring“. Bilder, die noch immer die Kraft dieser Inszenierung und ihrer ästhetischen Reichweite atmen.

Ein Triumph der Musik

Aber dem heutigen „Ring“ konnten auch sie nicht mehr aufhelfen, er ist einfach nicht mehr zu retten. Weil das Konzept die Sänger höhnisch auf die Tonproduktion reduziert, weil die KI mit wahllosem Blödsinn gefüttert wurde und vor allem überhaupt nicht weiß, wie Theater funktioniert. Sie hat keinen Sinn für Dramatik, sie kann Bezüge nicht hierarchisieren und vor allem hat sie einen sehr schlechten Geschmack. Aber Schwamm drüber, dieser „Ring“ wird nicht wiederholt und verschwindet vom Spielplan.

Reines Glück dagegen kommt bei der „Götterdämmerung“ aus dem Graben, wie etwa Siegfrieds „Trauermarsch“, da schließt sich der Vorhang. Das gehört mir, will Christian Thielemann damit wohl sagen. Durchwachsen bleibt die sängerische Bilanz: An der Spitze der derzeit unangefochtene Michael Volle als Wotan und Wanderer, Klaus Florian Vogt ist als Marathon-Mann beschäftigt, singt nicht nur den Feuergott Loge, sondern auch Siegmund und Siegfried, meist grandios, immer mühelos. Für Camilla Nylund ist die Brünnhilde eine grenzwertige Partie, sie kämpft aber beherzt gegen die szenische Starre und mit ihrem bedrohlich unruhigem Vibrato, trumpft im Schlussgesang aber groß auf. Den einhelligsten Jubel aber erntet Christian Thielemann. Ein Triumph der Musik.