Die Berlinale bleibt ein politisches Kino-Festival: „Gelbe Briefe“ zeigt die Auswirkungen politischer Säuberungen in der Türkei eindrucksvoll.
Politisches Kino bleibt Berlinale-Markenkern„Gelbe Briefe“ thematisiert Auswirkungen der politischen Säuberungen in der Türkei

Szene aus dem Film "Gelbe Briefe mit Tansu Biçer und Özgü Namal.
Copyright: Ella Knorz/ifProductions/Alamode Film
Wenn die Berlinale das hat, was man in der Wirtschaft einen Markenkern nennt, ist es das Politische am Kino. Seit Jahrzehnten ist es hier stärker im Wettbewerb gewichtet als in Cannes oder Venedig und sorgte immer wieder für Debattenstoff und skandalisierte Preisvergaben bis hin zum Palästina-Dokumentarfilm „No Other Land“ 2024.
Auch Jurypräsident Wim Wenders lobte die Berliner Filmfestspiele noch im vorletzten Jahr als das politischste aller Festivals, aber was ist jetzt geschehen? Viral ging am Eröffnungstag seine Antwort auf eine Frage des Youtubers Tilo Jung.
„Gelbe Briefe“ thematisiert Säuberungen in der Türkei
Gebeten zu kommentieren, ob die Berlinale den Palästinensern jene Empathie verwehre, die sie gegenüber der leidenden Bevölkerung in der Ukraine und Iran bekunde, sagte der Regisseur: „Wir müssen uns aus der Politik heraushalten, denn wenn wir Filme machen, die dezidiert politisch sind, betreten wir das Feld der Politik. Dabei sind wir das Gegengewicht zur Politik, wir sind das Gegenteil von Politik. Wir müssen die Arbeit der Bevölkerung tun, nicht die der Politiker.“ Dabei könnten Filme durchaus die Welt verändern, hatte er zuvor gegenüber Pressevertretern erklärt, „aber nicht in einer politischen Weise. Kein Film hat je einen Politiker zum Umdenken gebracht.“
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Betritt der große Autorenfilmer mit seiner Abgrenzung einer Kunst für das Volk von einer politischen Klasse, die ohnehin mache, was sie wolle, etwa das Jagdgebiet der Populisten? Man muss ihn wohl persönlich deuten.

Özgu Namal (M.) und Tansu Biçer (L.) mit Regisseur İlker Çatak
Copyright: AFP
Wenders begann seine Karriere in den politisierten 68er-Jahren gegen den vorherrschenden Wind in der Kultur betont unpolitisch. Und vielleicht ist es doch eher eine individuelle Freiheit als die politische, die er seither in seinem Werk beschwört, eine Freiheit, die sich auf Landstraßen finden lässt, egal, wer gerade amerikanischer Präsident ist. Bedenklich ist seine Aussage aber, weil er ausgerechnet jene Spielart des Kinos in die Grenzen ihrer potenziellen Wirkungsmacht verweist, über das seine Jury in den nächsten Tagen wiederholt beraten wird. Beginnend mit einem jetzt schon herausragenden deutschen Beitrag.
Dabei könnte der Wettbewerb gar nicht politischer beginnen als mit „Gelbe Briefe“, dem nach „Das Lehrerzimmer“ fünften Spielfilm des deutschen Filmemachers İlker Çatak. Angeregt von den politisch motivierten Säuberungen in der Türkei, die zwischen 2016 und 2019 rund 2000 Künstler und Wissenschaftler betrafen, dekliniert er minuziös die Folgen dieser Maßnahmen.
Politik bringt Ehe in die Krise
Zugleich ist es ein hochintensives Drama einer Künstlerehe, die an dieser äußeren Krise zu zerbrechen droht. Getragen von außerordentlichen Leistungen zweier türkischer Schauspieler, Özgu Namal als Theaterstar Derya und Tansu Biçer als ihr Ehemann Aziz, einem Dramaturgen und Hochschullehrer.
Für das Blacklisting reichen Kleinigkeiten, ein verweigertes Selfie der Schauspielerin mit einem Politiker, Ermunterungen der Studenten zu einer Friedensdemo durch den Dozenten. Auf die Geldnot folgt der Verlust der Wohnung, und die zugesagte finanzielle Hilfe eines Verwandten bleibt aus opportunistischem Kalkül verwehrt.
Zugleich prallen Künstleregos aufeinander, wenn der Mann, der sich inzwischen als Taxifahrer durchschlägt, mit seiner Frau eine freie Theaterproduktion aufziehen will, diese jedoch nicht nur in seinem Schatten stehen will. Zugleich nutzt die 14-jährige Tochter (imponierende Neuentdeckung: Leyla Smyrna Cabas) die plötzlich lückenhaft gewordene Überbehütung für einen bedrohlichen Fluchtversuch.
Überzeugende Drehorte
Lückenlos dagegen die erzählerische Dichte während der gut zwei Stunden, in denen man studieren kann, was politisches Kino im besten Sinne leistet: Es lässt erleben und erfühlen, was Statistiken nicht mitteilen. Çatak macht deutlich, wie zerbrechlich sich gerade die mühevoll erarbeiteten Karrieren in Kunst- und Wissenschaft erweisen, wenn ein als sicher geglaubter rechtsstaatlicher Schutz entzogen wird, schnell und leise wie ein Teppich. Nicht nur an Ungarn und die USA musste man bei der Vorführung denken, auch an aktuelle Fälle von Cancelling oder der Forderung danach an deutschen Hochschulen.
In eine allgemeinere Deutungssphäre rückt den Film zugleich der künstlerische Coup, die Türkei in Deutschland zu inszenieren: Berlin spielt überzeugend Ankara, Hamburg ist gut besetzt als Istanbul. Daraus entsteht ein dezenter Verfremdungseffekt, der vorzüglich zum Theatermilieu passt und zugleich als Rückversicherung dient gegenüber jedem Naturalismus, wie er politischem Kino häufig innewohnt. Ob sich Wenders umstimmen ließe?
Homage an Bill Evans
Die Frage stellt sich womöglich nicht, denn das Jazz-Biopic „Everybody Digs Bill Evans“ im Wettbewerb könnte beinahe von ihm selber sein. Von Grant Gee im Schwarz-weiß klassischer Jazz-Fotografie gehalten und nur gelegentlich durch farbige Vorausblenden unterbrochen, konzentriert es sich auf eine persönliche Krise des Pianisten 1961.
Mit einem noch unveröffentlichten Live-Album im Kasten, muss er den Unfalltod des Bassisten Scott LaFara verarbeiten. Evans nimmt sich eine Auszeit im Elternhaus in Florida, wo er Versuche tröstlicher Kontaktaufnahme ebenso wortkarg an sich abgleiten lässt, wie er die Lebensbeichten seines von Bill Pullman gespielten Vaters erträgt.

Anders Danielsen Lie verkörpert Everybody Digs Bill Evans den berühmten Jazzmusiker.
Copyright: Britta Pedersen/dpa
An der Oberfläche so makellos vorgetragen wie die frühen Aufnahmen des Bill-Evans-Trios, verfangen die brüchigen Harmonien und Synkopen dieses Dramas erst allmählich. Denn hier geht es nicht nur um Evans selbst, den Anders Danielsen Lie auch pianistisch überzeugend verkörpert.
Es geht um das Phänomen, dass Künstler ihre Emotionen manchmal eben nur in ihrer Kunst ausdrücken können, selbst wenn die Menschen, von denen sie geliebt werden, vielleicht daran zerbrechen. Ein großes Politdrama, ein richtig guter Jazzfilm, was verlangt man mehr von einem Festivalauftakt?
