Die deutsch-luxemburgische Chansonsängerin Adrienne Haan (47) pendelt zwischen New York und Bonn. Wir haben mit ihr über ihr Leben in den USA und ihre Arbeit gesprochen.
Chansonsängerin Adrienne Haan„In New York gehen immer mehr Menschen gegen Trump auf die Straße“

Adrienne Haan und Schauspielerin Lucca Züchner in New York.
Copyright: Adrienne Haan
Die deutsch-luxemburgische Chansonsängerin Adrienne Haan (47) pendelt zwischen USA und Europa. Im Gespräch mit Jan Sting spricht sie über ihre Eindrücke, was die Kulturszene angesichts der Regierung Trump umtreibt.
Sie leben seit 30 Jahren in New York, haben die Greencard. Gerade sind Sie in Bonn. Was treibt Sie um, wenn Sie auf die Kulturszene in den USA schauen?
Die Stimmung ist aufgeheizt in den USA. Und wer darunter leidet, nachdem schon die Pandemie so viel zerbrochen hat, das sind die Künstler. Eine Auszeit habe ich mir über Weihnachten genommen. Gerade mache ich eine kleine Tour in Deutschland mit Chansons d’Amour, das ist was für die Seele.
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Donald Trump hat im Washingtoner Kulturzentrum, dem Kennedy Center, alle Demokraten gefeuert, sich selbst zum Chef des Gremiums wählen lassen. Drag-Shows hat er als erstes gestrichen. Aber was er auf der Bühne sehen will, ist unklar. Countrymusik?
Das Kennedy Center steht immer im Fokus. Aber es gibt noch 150.000 andere Einrichtungen, und da halten einige Leute auf der Bühne mit ihrer Meinung nicht hinterm Berg. Ich sage nur Bruce Springsteen, der jetzt wieder auf seiner Tour gegen Trump gewettert hat. Aber viele Künstler sind nicht politisch. Da, wo Kabarett und Comedy auf dem Programm stehen, hüten sie sich, was zu sagen, einfach weil sie Angst haben. Aber es gibt große Satiriker wie Stephen Colbert oder Jimmy Kimmel, die von Trump verunglimpft wurden, Zwangspausen einlegen mussten. Dann hatte Disney riesige Verluste und plötzlich wurden die Shows doch irgendwie wieder ins Programm aufgenommen. Wie immer ist es so, dass wenn das Geld regiert, passiert auch nicht viel.
Unter Ihren Förderern sind auch Republikaner, trotzdem machen Sie auf der Bühne den Mund auf. Singen Sie den Song „Puttin’ on the Ritz“ von Irving Berlin. Sie erinnern daran, dass er auch Immigrant war, sagen, dass er sich heute wahrscheinlich im Grab umdrehen würde.
Ein reicher Republikaner kam tatsächlich und sagte, ich solle das nicht auf der Bühne kundtun. Aber ich kann doch nicht so tun, als wäre nichts. In meinem Umfeld gibt es indes überwiegend knallharte Demokraten, in New York herrscht absoluter Wokismus im Gegenzug zum populistischen Rechtsextremismus im Land, der tatsächlich auch so genannt werden kann. Beides ist Mist. Das Problem ist, dass die Mitte weg ist. Wir haben in Westeuropa immer noch das Glück, dass wir das Mehrparteiensystem haben.
Wie gehen Sie persönlich damit um, wenn gegen Immigranten gewettert wird? Sie sind auch eine. Und ihr Partner am Klavier ist Republikaner und konservativ.
Wenn ich ihm erzähle, dass in der New York Times jetzt ein Artikel darüberstand, dass ein kubanischer Häftling in einer ICE-Einrichtung in El Paso ermordet wurde, schimpft er über die Lügenpresse. Richard ist bald 80, ein herzensguter Mensch und wir sind schon 24 Jahre gemeinsam auf der Bühne. Auf der einen Seite ist das eng, aber privat sind wir überhaupt nicht befreundet.
Der Gouverneur des bevölkerungsreichsten US-Bundesstaats Kalifornien, Demokrat Gavin Newsom, wurde kurzfristig vom Wirtschaftsforum in Davos ausgeladen. Er kritisierte daraufhin auf dem Sender Sky die europäische Unterwürfigkeit.
Recht hat er. Ich habe gelacht. Aber ich muss gleichzeitig sagen, dass ich froh bin, keine Politikerin zu sein, dass ich keine Entscheidungen treffen muss. Wenn ich jetzt so ein Merz wäre, würde ich mich genau fragen, wie ich mit Trump umgehe. Was sagen Sie zu dessen Kehrtwende im Grönlandkonflikt? Ich persönlich fand es sehr gut, dass die Europäer sagten, „wir stehen jetzt hier und das mit Grönland wird nicht passieren“. Aber ganz ehrlich, wieso durchschauen die meisten nicht, dass das Ganze ein politisches Spiel ist? Ein Ablenkungsmanöver von Themen, die in den USA gerade innenpolitisch brennen: Dass die Wirtschaft und der Dollar am Ende sind, und dass Trump kurz vor dem Ausstieg steht wegen dieser Jeffrey -Epstein-Geschichte.
Der deutsche Cellist Jan Vogler, der wie Sie viel in den USA ist, sprach im Interview davon, dass es um Trump gerade bröckelt. Man höre überall, dass auch sein Lager nicht zufrieden mit ihm sei.
Sagen wir mal, es bröckelt im Sinne von, dass immer mehr Leute was machen. Das bekommt man in Deutschland vielleicht nicht immer so mit. In New York gehen immer mehr Menschen in den „No Kings-Demos“ auf die Straße, um Trumps von vielen als monarchisch, ja faschistisch empfundene Politik zu kritisieren.
Und die Kritik aus der Kultur?
Viele Stars wehren sich. Anfangs zuerst in der Filmwelt, jetzt auch viele andere Künstler, die zum Beispiel nicht mehr im Kennedy Center auftreten, es boykottieren. Ich bin in den USA kein großer Star, trete in einem Off-Broadway Theater mit 130 Sitzen auf der 72. Straße auf. Kurt Weill und seine damals zeitkritischen Bühnenwerke kommen in New York gerade total an. Ich darf immer noch meine Meinung sagen, einen Bogen zwischen der heutigen Situation und der Zeit in der Weimarer Republik und Deutschland im Jahr 1933 schlagen, Parallelen zu Donald Trump seit 2016 ziehen. Es wurde schlimmer und schlimmer bis dahin, wo wir jetzt sind.
„Chansons d’amour“ präsentiert Adrienne Haan am 1. Februar, 19 Uhr, im Senftöpfchen. Uraufgeführt bei den Vereinten Nationen in New York im Rahmen der Generalversammlung, erwartet den Zuschauer eine aufregende musikalische Reise durch Paris: Mit Klassikern von Edith Piaf, Charles Aznavour, Jacques Brel, Georges Moustaki, Michel Legrand, Alain Romans, Patricia Kaas und Desireless. Die Chansons, verspricht Haan, werden emotional, verführerisch, witzig moderiert und damit äußerst kurzweilig zu sein. Begleitet wird sie von i Benjamin Schaefer am Klavier.
