In der Komödie „Taxi für zwei“ treffen Christian Berkel und Andrea Sawatzki als ungleiches Duo aufeinander. Im Gespräch sprechen sie über erschütternde Bücher, Meinungsfreiheit, Antisemitismus, Selbstzensur im Kulturbetrieb.
Christian Berkel und Andrea Sawatzki„Unsere Demokratie braucht Widerspruch“

Der Autor Gregor (Christian Berkel, r.) und die Taxifahrerin Elke (Andrea Sawatzki, l.) streiten vor ihrem Taxi
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In ihrer neuen Komödie „Taxi für zwei“ stehen sich Christian Berkel als grummeliger Erfolgsautor und Andrea Sawatzki als liebessüchtige Taxifahrerin gegenüber. Im Interview mit Philipp Ebert sprechen sie über erschütternde Lektüre und das Bücherkaufen als Last für den Haushalt.
Frau Sawatzki, in Ihrem neuen Film „Taxi für zwei“ essen Sie eine Fertiglasagne aus der Mikrowelle. Hand aufs Herz: Wie hat die beim Dreh wirklich geschmeckt?
Andrea Sawatzki: (lacht) Es ging. Ich esse ja kein Fleisch, insofern war das eine vegetarische Variante mit Sojaersatz. Das Problem war die Temperatur: Sie kam immer brühheiß aus der Mikrowelle, weshalb ich immer nur winzige Häppchen nehmen konnte. Aber insgesamt muss ich sagen: Kann man durchaus essen.
Im Film geht es um einen miesepetrigen Schriftsteller, und als Ihre Rolle, Frau Sawatzki, eines seiner Bücher liest, ist sie erschüttert. Welches Buch hat Sie im Leben zuletzt so tief berührt?
Sawatzki: Das waren Bücher und Berichte von Augenzeugen und Überlebenden des Hamas-Überfalls auf Israel am 7. Oktober 2023. Das hat mich tief erschüttert.
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Berkel: Bei mir war es eine Erschütterung anderer Art. Die existenzielle Wucht erlebte ich bei Marcel Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“. Mir wurde während des Lesens klar: Wenn ich die letzte Seite umschlage, werde ich meine damalige Ehe beenden.
Das klingt dramatisch.
Berkel: Das war es. Ich habe das nicht vorhergesehen, aber es war eine positive Erschütterung der Erkenntnis. Ich habe das Buch zugeschlagen und bin ausgezogen.
Im Film zitiert Ihre Rolle den englischen Philosophen Thomas Hobbes: Das Leben sei „kalt, schmutzig und kurz“. Welcher Philosoph sollte heute mehr Gehör in der Populärkultur finden?
Berkel: Vielleicht Voltaire. Oder, um jemanden aus der Gegenwart zu nennen, der französische Philosoph Alain Badiou. Er hat sehr klug über die Desorientierung unserer heutigen Gesellschaft geschrieben. Seine These ist, dass die Menschen aus Angst vor sozialer Ächtung sich nicht mehr trauen, ihre Positionen zu vertreten, sofern sie nicht sicher sind, dass das Gegenüber genauso denkt.
Ein wichtiges Stichwort. Viele Menschen äußern das Gefühl, man dürfe nicht mehr alles sagen.
Berkel: Wir leben in einer Demokratie, die Meinungsfreiheit ist gesichert. Wenn Menschen schweigen, ist das oft eine Form von Selbstzensur. Natürlich gibt es laute Gruppen, die versuchen, zu diktieren, was sagbar ist. Aber ich kann nur raten: Lasst euch nicht beeindrucken. Unsere Demokratie braucht uns als Demokraten, die diese Freiheit verteidigen. Was soll schon passieren? Dann denkt eben jemand anders als ich. Das muss man aushalten.
Haben Sie Situationen erlebt, in denen es Mut erforderte, Ihre Meinung zu sagen?
Sawatzki: Durchaus rund um meine Positionierung im Konflikt zwischen Israel und der Hamas. Zu betonen, dass der Ursprung des Krieges das Massaker und die Entführungen der Hamas sind, ist mittlerweile heikel. Ich finde, bei Großdemos sollte man genau schauen, wem man sich anschließt. Auch Empathie für das furchtbare Leid der Menschen in Gaza rechtfertigt nicht, sich radikalen Islamisten anzuschließen. Mich stört an der Debatte massiv, dass sie oft von Leuten geführt wird, die nicht hinreichend informiert sind, um die Situation vor Ort wirklich beurteilen zu können. Ich maße mir kein abschließendes Urteil an, aber viele tun so, als wüssten sie alles ganz genau.
Berkel: Wenn es heißt: „Das hat alles eine Vorgeschichte“, dann stimmt das natürlich. Aber diese Vorgeschichte rechtfertigt nicht den Terrorangriff vom 7. Oktober. Da werden oft falsche Herleitungen betrieben. Und wenn wir uns einschüchtern lassen und verstummen, verlieren wir die Fähigkeit zur Differenzierung. Dann werden plötzlich alle in einen Topf geworfen – muslimische Mitbürger und radikale Islamisten. Das ist der Nährboden für Rassismus. Dasselbe gilt für Israel: Hier wird oft die gesamte israelische Bevölkerung für die Handlungen ihrer Regierung in Haftung genommen. Dabei haben dort Hunderttausende gegen Netanjahu demonstriert. Eine solche Dimension von Protest gegen die eigene Führung habe ich auf palästinensischer Seite – gegen die Hamas – noch nicht wahrgenommen.
Spüren Sie aufgrund solcher Äußerungen eine Vereinsamung innerhalb der Kulturszene? Schließlich gibt es immer wieder auch Positionierungen von Kulturschaffenden gegen Israel.
Sawatzki: Ich merke eine gewisse Distanz bei manchen Leuten. Aber bei meinen aktuellen Projekten habe ich zu meiner positiven Überraschung festgestellt: Es gibt viele leise Stimmen. Das Gerücht, der gesamte Kulturbetrieb habe sich gegen Israel positioniert, stimmt so nicht.
Berkel: Das erlebe ich auch bei meinen Lesungen. Wenn man die Problematik – den gegenwärtigen Antisemitismus, gerade vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte – klar benennt, sind viele Leute dankbar. Diejenigen, die anders denken, sind oft verunsichert und still. Die Lauten stehen nicht zwangsläufig für die Mehrheit. Und solange kontrovers diskutiert wird, ist das gut. Gefährlich wird es erst, wenn Gegenpositionen gar nicht mehr gehört werden.
Würden Sie sich als religiös bezeichnen?
Sawatzki: Nicht im Sinne einer Kirchenzugehörigkeit. Für mich bedeutet Religiosität eher eine große Demut gegenüber der Natur. Ich ordne mich da unter und versuche, das Leben um mich herum zu schützen. Wenn ich sehe, wie wir mit Tieren umgehen, etwa in der Massentierhaltung, dann glaube ich schon, dass sich das irgendwann rächen wird. Das ist mein Glaube: Respekt vor dem Leben.
Berkel: Ich verstehe die Sehnsucht, habe aber ein Problem mit religiösen Institutionen, weil dort immer ein politisches Element hineinspielt. Ich bin froh, dass wir in einem säkularen Staat leben. Ein demokratischer Politiker muss sich rechtfertigen. Wenn aber Religion Macht ausübt, heißt es: „Du musst glauben.“ In politischen Dingen möchte ich mich aber an Fakten halten.
Herr Berkel, als Sohn einer jüdischen Mutter gelten Sie nach dem jüdischen Religionsgesetz als Jude. Unter Juden in Europa wird öfter davon gesprochen, einen Notfallkoffer für die schnelle Ausreise nach Israel bereitstehen zu haben. Wie ist es bei ihnen?
Berkel: Ja, ich könnte den israelischen Pass beantragen. Und ja, das Thema des Auswanderns ist durch die politischen Veränderungen und den massiven Rechtsruck in ganz Europa präsent geworden. Wir führen diese Diskussionen oft mit jüdischen und israelischen Freunden: Soll man auswandern, wenn es sich hier weiter zuspitzt?
Das klingt sehr ernst.
Berkel: Es ist ernst. Wenn man sich die Umfragewerte einer als gesichert rechtsextrem eingestuften Partei ansieht... Ich möchte nicht von dieser Partei regiert werden, um es klar zu sagen, und ich will es nicht ausprobieren
Kommen wir zu leichteren Themen: In „Taxi für zwei“ sieht man eine Wohnung voller Bücher. Wie sieht es bei Ihnen aus: Ist der Bücherkauf ein Streitthema?
Sawatzki: Oh ja! Wir bräuchten eigentlich einen Anbau. Christian kauft ununterbrochen neue Bücher, eigentlich täglich. Unsere Regale sind in dreifacher Reihe bestückt, man findet die Bände hinten gar nicht mehr und kauft sie dann versehentlich noch einmal. Wir haben auch so eine schöne antike Bibliotheksleiter – die können wir gar nicht mehr benutzen, weil sie unter Bücherstapeln begraben ist. Ich habe mich zum Schreiben mittlerweile ins Esszimmer geflüchtet, weil ich im Arbeitszimmer keinen Platz mehr habe. Das ist mein Trick.
Berkel: (lacht) Sei froh, dass ich nicht Damien Hirst bin und jeden Tag Kunstwerke kaufe. Wir haben mal versucht, eine alphabetische Ordnung in den Bücherschrank zu bringen, aber mittlerweile liegen die Neuen einfach obenauf. Es ist ein gewisses Chaos, das stimmt.
Sie schreiben beide erfolgreich Romane. Redigieren Sie gegenseitig die Texte?
Berkel: Nein. Wir haben das erst bei den letzten beiden Romanen angefangen, überhaupt den Text des anderen vor der Veröffentlichung zu lesen, aber auch da erst, wenn das Buch schon fertig lektoriert war. Vorher liest vielleicht mal der eine dem anderen ein Kapitel vor, aber das Schreiben selbst ist ein einsamer Prozess.
Was tun Sie bei einer Schreibblockade?
Berkel: Ein guter Trick ist es, einen Brief an eine fiktive Person zu schreiben und ihr zu erklären, warum es gerade nicht weitergeht. Indem man über das Problem schreibt, löst es sich oft auf. Wichtig ist, überhaupt am Tisch zu sitzen. Und wenn in vier Stunden nur eine halbe Seite entsteht, ist das auch okay.
Welches Buch möchten Sie unbedingt noch schreiben?
Sawatzki: Ich gehe jetzt erst mal auf Lesetour. Danach schwanke ich: Entweder ein Thriller, worauf ich große Lust hätte, oder ein weiteres Buch in meiner Reihe rund um Gundula Bundschuh. Aber vielleicht wird es auch wieder ein soziales Thema. Meine letzten Bücher handelten von Alzheimer, Demenz, der Pflegesituation oder Kindern in Deutschland. Ich merke, dass diese Themen die Menschen sehr bewegen, und da gibt es noch unerschöpflich viel zu erzählen.
Berkel: Das Buch, das ich schreiben möchte, ist immer „das Nächste“. Es gibt grobe Ideen, Bilder, Gefühle. Man sucht sich die Geschichte nicht aus, sie findet einen.

