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„Stromberg würde AfD wählen“Christoph Maria Herbst über seine Paraderolle und Grenzen des Humors

7 min
Christoph Maria Herbst, Schauspieler, kommt zur Verleihung des Ernst-Lubitsch-Preises in die Astor Film Lounge.

Schauspieler Christoph Maria Herbst

Comedy-Star Christoph Maria Herbst im Gespräch über seine Rolle als Büro-Ekel Bernd Stromberg – und warum er gerne mal einen richtigen Bösewicht spielen möchte.

Christoph Maria Herbst ist eines der bekanntesten Gesichter der deutschen Film- und Fernsehlandschaft. Insbesondere mit Komödien hat sich der 57-Jährige einen Namen gemacht. Im Interview mit Dominik Bögel spricht er über die Grenzen von Comedy, das Wahlverhalten seiner Paraderolle Bernd Stromberg und seine zwiespältige Ansicht zu Besetzungsquoten in den Medien.

Herr Herbst, in Ihrem neuen Film „Ein Fest fürs Leben“ versinkt eine minutiös geplante Hochzeit im totalen Chaos. Haben Sie etwas Ähnliches schon einmal auf einem Filmset erlebt?

In der Form wie im Film nicht, nein. Ist ja auch eine überspitzte Komödie. Was dem vielleicht etwas nahekommt, war ein Erlebnis am Set des „Stromberg“-Films: Die Handlung spielt im Frühjahr, gedreht haben wir aber im Februar. Eines Nachts fielen dann bestimmt über zwanzig Zentimeter Schnee. Die Produktion musste deshalb kurzerhand Flammenwerfer organisieren, um den Schnee zu schmelzen. Das schrappte ein wenig am Chaos vorbei.

Da hat man ja schnell noch eine Lösung gefunden. Sind Sie bei der Arbeit denn leicht aus der Ruhe zu bringen?

Nein, ich bin eigentlich recht gechillt. Das kommt wahrscheinlich auch von der langjährigen Berufserfahrung. Irgendwann hat man sich dran gewöhnt, dass nicht alles immer perfekt läuft. Mal regnet es, weshalb ein Drehtag draußen ausfällt, oder jemand fehlt krankheitsbedingt – da bleibe ich inzwischen ganz cool oder weiß zu improvisieren.

Es gibt nichts Peinlicheres als eine Komödie, die unglaubwürdig gespielt ist
Christoph Maria Herbst

Ihre Filmfigur Dieter aus „Ein Fest fürs Leben“ bleibt ja auch den meisten Teil des Films über professionell und ruhig, aber irgendwann ist auch seine Geduld hinsichtlich des ganzen Chaos am Ende. Gibt es auch etwas, was Sie auf die Palme bringen kann?

Puh, auf die Palme bringen so jetzt nicht. Was mich aber etwas stört, ist, wenn jemand unvorbereitet zur Arbeit erscheint. Das ist einfach mies gegenüber dem restlichen Team, denn einem Kollegen ist dann unter Umständen zu verdanken, dass alle Überstunden machen müssen, nur weil er seine fünf Zeilen nicht auswendig weiß.

Man hört heraus, Sie nehmen Ihre Arbeit sehr ernst. Reicht das bei Ihnen schon an Perfektionismus heran?

Diese -ismus-Endungen mag ich nicht. Auch das Wort Perfektionismus schreckt mich ab. Es klingt so ultimativ. Ich mache einfach meine Hausaufgaben: komme gut vorbereitet ans Set, habe eine klare Vision der Szene und versuche diese mit der Vision der Regie zusammenzubringen. Diese drei Faktoren sind für mich das Minimum bei der Arbeit. Auch im Genre Komödie muss man – man glaubt es kaum – die Arbeit sehr ernst nehmen. Es gibt nichts Peinlicheres als eine Komödie, die unglaubwürdig gespielt ist.

Hätten Sie zu Anfang Ihrer Karriere vor mehr als 30 Jahren gedacht, dass Sie einmal primär im Komödienfach landen werden?

Nein. Als ich in Wuppertal zum ersten Mal auf der Bühne stand, schien diese Welt noch weit entfernt. Wir waren damals nicht so viele Mitglieder im Schauspielensemble, und deshalb musste jeder mal jede Rolle übernehmen – zum Glück! Bereits anfangs nur auf einen Typus verengt zu werden, hätte ich als sehr langweilig empfunden. So konnte ich mich in fast jeder Sparte ausprobieren. Mit der Zeit ging es dann immer mehr in Richtung Komik. Aus dem simplen Grund, dass mir diese Art des Spiels am meisten Spaß gemacht hat.

Gibt es eine Rolle, die Sie gerne spielen würden, die nicht Ihrem Typus entspricht?

Ich würde gerne mal in einem Psychothriller mitspielen, das Genre fehlt mir noch. Da hätte ich schon Bock drauf. Dann aber lieber als Bösewicht, denn einen Kommissar habe ich in „Kreutzer kommt“ ja schon einmal gespielt. So einen richtig durchtriebenen Schurken. Aber ich habe auch noch Zeit, ich bin ja erst 57.

Wo wir bei Ekel sind: Wir kommen nicht drum herum, über Ihre Paraderolle Bernd Stromberg zu sprechen. Glauben Sie, die Serie könnte angesichts der Debatten um politische Korrektheit heute noch so produziert werden?

Nun ja, die Serie läuft auf den Streamingdiensten weiterhin hoch und runter. Die Beliebtheit ist also ungebrochen, und es scheint sie noch keiner „canceln“ zu wollen. Ob sich ein Studio aber heute noch trauen würde, Stromberg in der genau gleichen Machart zu produzieren, kann ich schwer einschätzen. Man müsste sich zumindest sensibler herantasten und bei manchen Formulierungen aufpassen.

Schlechte Laune brauche ich nicht am Set, genau wie Machtmissbrauchsfälle aller Art.
Christoph Maria Herbst

Inwiefern aufpassen?

Also was der Stromberg da so von sich gibt, war und ist natürlich bewusst grenzwertig. Angesichts manch eines Spruchs kann man schnell zu dem Gedanken kommen: Der würde heute bestimmt AfD wählen. Dazu kommt, dass Aussagen im Zeitalter von Social Media oft kontextfrei gepostet werden. Da könnte schnell Jubel von Seiten kommen, auf die man eigentlich gar nicht abzielt.

Dann kommt der Shitstorm der Gegenseite, daraufhin mischt sich diese Gruppe und dann jene ein, und keiner weiß mehr, worum es anfangs eigentlich ging. Dennoch muss es natürlich Formate geben, die den Leuten auf den Schlips treten und unbequem sind. Und das wäre bei Stromberg auf jeden Fall so.

Hat Comedy denn Grenzen?

Hinsichtlich unserer deutschen Geschichte gibt es gewisse Witze, die ich nicht machen würde. Bei Humor muss aber jeder seine eigene Grenze festlegen. Im Großen und Ganzen halte ich es mit Kurt Tucholsky. Was darf Satire? „Alles.“

Also auch über andere lachen?

Auf jeden Fall! Schadenfreude ist ein essenzieller Teil von Komik. Wir freuen uns, dass wir gerade nicht in der Situation der Figur sind, die auf der Leinwand die ein oder andere Peinlichkeit stellvertretend erlebt. Wir können uns im Kinosessel zurücklehnen und lauthals darüber lachen. Das hat auch etwas Reinigendes für die Seele.

Es gab bestimmt einige Comedians, die Sie sehr geprägt haben.

Sehr viele! Einer der ersten war Didi Hallervorden. Die Sketche aus seiner Sendung „Nonstop Nonsens“ habe ich damals auf dem Schulhof unter dem Gelächter meiner Klassenkameraden nachgespielt. Dann hatte ich aber zeitweise auch mal eine Otto-Waalkes- oder Jerry-Lewis-Phase – all die Großmeister. Über allem thront aber Vicco von Bülow alias Loriot. Aus meiner Sicht hat dieser einen zeitlosen Humor geschaffen.

Auch die junge Generation würde an dieser eigenwilligen Art von Humor weiterhin ihren Gefallen finden. Da bin ich mir sicher. Dieser scharfe Blick auf das menschliche Miteinander, das Sezieren von Beziehungen, das Setzen von Pausen vor der Pointe – herrlich. Da habe ich mich schon in meiner Kindheit halb totgelacht und später eine Menge abgeguckt.

Sind Sie am Set eher der Professionelle als der Spaßmacher?

Ach, nein. Ich versuche am Set immer eine gute Stimmung zu verbreiten. Als Hauptdarsteller hat man da einen gewissen Einfluss, der Fisch stinkt nun mal vom Kopf. Wenn man selbst anfängt rumzustänkern, wirkt sich das auch auf das gesamte Ensemble aus – und das ist Gift für die Kreativität. Schlechte Laune brauche ich nicht am Set, genau wie Machtmissbrauchsfälle aller Art.


Von der Bühne zum Kinostar

Komiker, Schauspieler, Synchronsprecher: Der 1966 in Wuppertal geborene Christoph Maria Herbst hat sich durch vielfache Tätigkeiten einen Namen in der Unterhaltungsbranche gemacht. Den schauspielerischen Anfängen an Theatern in Wuppertal, Dinslaken und Bremerhaven schloss sich 1997 der Sprung ins Fernsehen an.

Nach Auftritten in der Sendung „Ladykracher“ folgte 2004 der große Durchbruch als Abteilungsleiter Bernd Stromberg in der gleichnamigen Mockumentary. Für die Rolle des „Ekelchefs“ erhielt der gelernte Bankkaufmann 2006 den Adolf-Grimme-Preis sowie in den Jahren 2005, 2006 und 2007 den Deutschen Comedypreis.

Neben seinen Auftritten im Fernsehen ist Christoph Maria Herbst oft im Kino zu sehen, etwa in der Edgar-Wallace-Parodie „Der Wixxer“, der Komödie „Der Vorname“ oder dem Kinderfilm „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“. Sein neuester Film „Ein Fest fürs Leben“ erscheint am 19. Oktober in den deutschen Kinos. (dbög)