Am Mittwochabend wurde in Köln von Gastgeber RTL der Deutsche Fernsehpreis verliehen. Die Gala stand unter politischen Vorzeichen.
Deutscher Fernsehpreis in Köln verliehenGlanz, Glamour und Weltschmerz

Glückliche Gewinner: Stefan Raab und Barbara Schöneberger (zugleich Moderatorin des Abends) gewinnen den Fernsehpreis für die beste Unterhaltungsshow
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Wenn gerade alles zu bröckeln scheint, was wir lange für selbstverständlich hielten, bekommt das Beständige eine immer größere Bedeutung. Das deutsche Fernsehen, und in seiner besonders kondensierten Form der Deutsche Fernsehpreis, sind ohne Frage eine solche Konstante.
Daran ändert auch die Entscheidung von RTL – in diesem Jahr turnusmäßiger Gastgeber –, die Preisverleihung von den Ossendorfer „MMC“-Studios in das einen Steinwurf vom Hauptquartier des Senders entfernte Kölner „Confex“-Center zu verlegen, nichts: ein erwartbar langer Abend, im gewohnten Studiosetting, moderiert mittlerweile zum neunten Mal von Barbara Schöneberger. Das Festhalten an den immer gleichen Abläufen wurde dem Fernsehen zurecht schon oft vorgeworfen, doch vielleicht war es zumindest an diesem Abend genau die richtige Entscheidung; sorgte man damit doch für die nötige Souveränität, um neben Glanz, Glamour und Unterhaltung auch Raum für ernste Botschaften zu schaffen – die es in diesem Jahr dann tatsächlich zahlreich gab. Auch die Fernsehwelt stand offensichtlich spürbar unter dem Einfluss der jüngsten Wahlergebnisse aus Sachsen-Anhalt.
Auffällig viele politische Statements
Anders als etwa im vergangenen Jahr, als die Nominierten nicht selten durch Abwesenheit glänzten, waren mit wenigen Ausnahmen alle persönlich erschienen, um ihre Preise entgegenzunehmen – und auffällig viele Ausgezeichnete fühlten sich in diesem Jahr berufen, ihre Stimme für politische Statements zu nutzen. Vielleicht am explizitesten machte es Florian Opitz, Autor und Regisseur der ausgezeichneten Mesut-Özil-Doku-Serie (ZDF/Flare Film/Undone): Er freue sich sehr über den Preis, gerade vor dem Hintergrund der Wahlergebnisse, denn: „Es ist eine Serie über Deutschland, über den schrägen Umgang der Deutschen mit Menschen mit Migrationshintergrund, über Rassismus, über Ambivalenzen und über mehr als Schwarz und Weiß.“
Auch Markus Lanz, Preisträger der Kategorie beste Information, richtete sich an die Menschen, die gerade angesichts der politischen Lage Angst haben: „Wir wandern nicht aus. Wir stehen da. Fürchtet euch nicht. Das, was jetzt gerade kaputtgeht, bauen wir irgendwann ganz lässig wieder auf.“ Fabian Köster, ausgezeichnet für die „heute show Extra: Next Stop Köster“ in der Kategorie beste Comedy-/Late -Night-Show, sagte in seiner Dankesrede, ein solches Format sei in nicht vielen Ländern auf der Welt möglich: „Wir müssen laut sein gegen Hass, Hetze und die Feinde der Demokratie, die so etwas abschaffen wollen.“ Und Karin Hanczewski, die als beste Schauspielerin für „Call my Agent“ geehrt wurde, rang sichtbar mit den Worten, sie wisse gar nicht, „was man in diesen Zeiten sagen soll“, und entscheidet sich schließlich für das knappe Statement: „Ich hoffe, dass wir auch in Zukunft noch in einer Demokratie leben werden.“
„Ich hoffe, dass wir auch in Zukunft noch in einer Demokratie leben werden.“
Gleich zu Beginn der Verleihung wurde das Biopic von Olivia Jones, produziert von ZDF und Florida Film, als bester Fernsehfilm prämiert – das den jungen Oliver Knöbel von seiner schweren Kindheit und Ablehnung in der niedersächsischen Provinz bis zum Durchbruch als schillernde Dragqueen-Ikone auf dem Hamburger Kiez begleitet. „Wir leben in Zeiten, in denen Vielfalt und Akzeptanz alles andere als selbstverständlich sind. Es werden Dinge infrage gestellt, die wir alle mal für selbstverständlich hielten“, so Hauptdarsteller Johannes Hegemann an diesem Abend. Er widmete den Preis der queeren Community und plädierte für Sichtbarkeit und Schutz für Minderheiten. Denn eine freie und pluralistische Gesellschaft sei nicht nur wichtig, sondern auch verdammt großartig. Und Olivia Jones selbst ergänzte: „Der Film zeigt, wie wichtig es ist, für seine Freiheit zu kämpfen und aufzustehen. Queer-Rechte sind Menschenrechte.“
Ein besonderer Augenmerk lag auch auf der Ukraine. So gewann die mehrstündige ProSieben/Florida-Entertainment-Doku „#dontlookaway“ für „Joko & Klaas LIVE“ in der Kategorie „beste Dokumentation/Reportage“. Statt der beiden TV-Gesichter war darin der ungefilterte Alltag im Kriegsgebiet zu sehen. Produzent Arne Kreutzfeld übergab die Dankesrede daher einem Ukrainer, der die Schrecken des Krieges selbst erlebt hat: „Ich habe vergessen, wie es ist, in einem Land zu sein, in dem kein Krieg ist“, sagte er und dankte Deutschland für die Unterstützung: „Bitte macht weiter und steht ein für eure Werte.“ Und auch „Welt“-Chefreporter Ibrahim Naber, der für seine Ukraine-Berichterstattung von der Front gewürdigt wurde, nutzt seine emotionale Rede, um seinem im Saal anwesenden Kameramann Viktor zu danken, der selbst „viel riskiert“ habe.
Ich habe in der Ukraine auch gelernt, dass man die Feste so feiern muss, wie sie fallen.
Als er von einem russischen Drohnenangriff bei einem Dreh berichtet, bei dem der Soldat, den sie begleitet haben, ums Leben kam, ist es sehr still im Saal. Trotzdem schließt Naber mit den Worten: „Ich habe in der Ukraine auch gelernt, dass man die Feste so feiern muss, wie sie fallen.“ Dieser Spagat, zwischen Feierlaune und den drängenden Themen unserer Zeit zu wechseln, gelingt an diesem Abend erstaunlich gut. Denn selbstverständlich war auch sehr viel Heiteres dabei, mit dem man sich alle Mühe gab, die vorprogrammierte Repetition der Veranstaltung so kurzweilig wie möglich zu gestalten: ob mit Anette Frier und Karl Lauterbach als „Verräter“, die den ersten Umschlag gemeinsam öffneten, mit einem – etwas sehr knapp geratenen – „Bangaranga“-Auftaktsduett zwischen Schöneberger und der ESC-Gewinnerin Dara, einem Entfesselungstrick der Ehrlich Brothers, dem tierischen Gastauftritt von Kommissar Rex oder Tanzeinlagen der „Let's Dance“-Artisten.
Tom Schilling, der für seine Rolle in „Achtsam Morden“ (Netflix/Constantin Film) als bester Schauspieler ausgezeichnet wurde, dankte unter anderem seinen „Produzenten“, die ihn vor 45 Jahren in einem Akt der Liebe gezeugt hätten, und stimmt zum gemeinsamen Geburtstagsständchen für Mama Kerstin an. Und Barbara Schöneberger ließ es sich nicht nehmen, das verängstigte Promipublikum immer wieder mit ihrer flapsigen bis leicht übergriffigen Art auf die Schippe zu nehmen, bevor sie dann selbst einen Preis entgegennehmen durfte: Gemeinsam mit Stefan Raab sorgte sie mit „Wer weiß wie wann was war?“ für einen von insgesamt vier RTL-Preisen des Abends.

Gewinner des Ehrenpreises: Peter Kloeppel
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ARD räumt die meisten Preise ab
Rechnet man die Preise hinzu, die bereits am Dienstagabend in der Kölner Flora an die Fernseh-Gewerke vergeben wurden, gingen neun der 29 Auszeichnungen an die ARD, acht an das ZDF, jeweils zwei an ProSiebenSat.1 und Netflix sowie je eine an MagentaTV, Disney+, HBO Max und WELT. Amazon Prime ging hingegen das erste Mal seit Jahren leer aus. Für Überraschung sorgte der erste öffentlich-rechtliche Sieg in der Reality-Kategorie für das ARD-Format „Werwölfe“. Und besonderen Grund zu feiern hatte in diesem Jahr Moderatorin Laura Wontorra, die gleich zweimal geehrt wurde: als beste Einzelleistung Unterhaltung und gemeinsam mit dem Team von MagentaTV für die Sportberichterstattung der WM 2026. In ihrer Dankesrede richtete sie sich an alle „kleinen Mädels da draußen“, die sie auffordert, nach den Sternen zu greifen.
Der letzte Teil des in immer höher frequentierte Werbepausen geteilten Abends stand dann ganz im Zeichen des langjährigen „RTL Aktuell“-Moderators Peter Kloeppel, der für sein Lebenswerk mit dem Ehrenpreis der Stifter gewürdigt wurde. Nach einem langen Rückblick auf seine TV-Karriere aus dem Off überreichte Ministerpräsident Hendrik Wüst unter dem sichtlich bewegten Kloeppel den Preis, nicht ohne ihn zuvor als „einen der besten Journalisten unserer Zeit“ zu bezeichnen. Nach stehenden Ovationen kritisiert der Moderator die Verwendung von Künstlicher Intelligenz und richtet sich an die vor ihm versammelte Branche: „Bleibt kritisch. Bleibt konstruktiv, bleibt kreativ. Kämpft für gutes Fernsehen, egal in welchen Positionen ihr auch seid.“
