Karthäuserkantorei Köln und Philharmonischer Chor Bonn begeistern mit „Walpurgisnacht“.
„Die erste Walpurgisnacht“ in der PhilharmonieEine grandiose Aufführung

Dirigent Paul Krämer
Copyright: Christian Palm
Gleich mit dem ersten „Excelsior“ füllt der riesige Chor die Philharmonie bis zum Bersten mit Klang. Der Zusammenschluss von Karthäuserkantorei Köln und Philharmonischem Chor der Stadt Bonn bringt es auf mehr als 130 Sängerinnen und Sänger. Zu Beginn von Franz Liszts 1875 uraufgeführter Ballade „Die Glocken des Straßburger Münsters“ auf ein Gedicht von Henry Wadsworth Longfellow preisen die kraftvollen Kehlen das Kreuz auf der Spitze der Kathedrale in strahlendem Dur. Doch Luzifer hetzt höllische Scharen gegen das Symbol der Christenheit mit düsteren Attacken aus verminderten und Moll-Akkorden.
Unterstützung findet der Fürst der Unterwelt (Bassist Daniel Ochoa) im Philharmonischen Orchester Hagen mit allen möglichen Ingredienzien romantischer Sturm-Tonmalerei: Tremoli, Chromatik, gestopfte Hörner, fortissimo aufgewühlter Apparat. Doch die ketzerischen Anstürme des Satans bleiben allesamt vergeblich. Ein ums andere Mal werden sie von gregorianischen Melodien der Glocken beziehungsweise lateinisch singenden Chorherren zurückgeschlagen. Und am Ende triumphiert erwartbar die bereits zu Beginn gefeierte Christenheit mit strahlendem Choral, siegreichen Posaunen, tosender Orgel.
Tolle Wiederentdeckungen
Unter der ebenso packenden wie im Detail präzise gestaltenden Leitung von Paul Krämer boten Chöre und Orchester tolle Wiederentdeckungen selten bis nie aufgeführter Chorwerke von Liszt und Mendelssohn. Zum festen Repertoire gehört dagegen Hugo Wolfs Ballade „Der Feuerreiter“ nach Eduard Mörike. Orchester und Chor schlagen hier gleichermaßen Funken, lassen Flammen auflodern und Feuerstürme losbrechen, die sie zugleich entsetzt kommentieren. Zwischen beide Schauerszenarien fügte sich gut Camille Saint-Saëns’ orchestraler Totentanz „Danse Macabre“. Das Gespensterscherzo wechselt kleinteilig zwischen Sologeige, huschendem Geistertutti, wirbelndem Walzer, melancholischem „Zigeuner-Moll“ und klappernden Knochen des Xylophons.
Hauptwerk des ohne Pause kurzweilig durchgehenden Konzerts war Felix Mendelssohn Bartholdys 1833 uraufgeführte „Die erste Walpurgisnacht“ nach Goethe. Eine ausgedehnte Ouvertüre beschwört Winterstürme, die schließlich bukolischen Holzbläsern, säuselnden Violinen und einem heiteren Frühlingslied der Frauenstimmen weichen. Doch nicht die Christenheit mobilisiert hier zum Osterfest, sondern eine Schar Druiden zur Sonnwendfeier. Eine alte Frau (Mezzosopranistin Ulrike Malotta) beklagt die gewaltsame Christianisierung. Die alten Kelten oder Germanen rotten sich zusammen und schlagen den christlichen Wächter (Tenor Patrick Grahl) mit lärmendem Mummenschanz in die Flucht.
Frauen- und Männerchor entfachen abwechselnd und gemeinsam ein schrilles „Rundgeheul“, verstärkt durch schepperndes Tschingderassa-Bumm von Beckentellern und großer Trommel, apokalyptisch niederfahrenden Posaunen sowie spitzen Flöten und Pikkolo wie „mit Zacken und mit Gabeln und mit Glut und Klapperstücken“. Das furiose Paradestück diente dann auch als Zugabe.
Wie in Mendelssohns Oratorien und Psalm-Vertonungen krönt den Schluss ein glaubensfester Choral. Der aber feiert nicht das Erlösungswerk Christi, sondern das von dessen Anhängern als Hexentanzplatz diffamierte heidnische Lichter- oder Odinsfest auf dem Brocken. Die grandiose Aufführung wurde vom Publikum begeistert bejubelt.
