Der Kölner Männer-Gesang-Verein stemmte mit Max Bruchs Oratorium „Odysseus“ ein Mammutprojekt.
Kölner Männer-Gesang-Verein in der PhilharmonieHeimatliebe im Großformat

Dirigent Bernhard Steiner
Copyright: Bernhard Steiner
Es gab frenetischen Jubel in der Philharmonie, nachdem der Dirigent Bernhard Steiner Max Bruchs Oratorium „Odysseus“ mit den Worten „Nirgends ist’s lieblicher als in der Heimat … Triumph!“ zu Ende gebracht hat. Damit beglückwünschte das Publikum den Kölner Männer-Gesang-Verein, der wieder einmal ein Mammutprojekt gestemmt hat, wie immer am Anfang eines Jahres beim Divertissementchen – mit auf der Bühne waren vier Chöre aus Bonn, Stuttgart und Leipzig.
Die Begeisterung war also groß, obwohl man dieses pathosgetränkte, heimattümelnde, großformatige Chorwerk in der Vergangenheit eigentlich nicht vermisst hat. Die 250 Sängerinnen und Sänger boten einen spektakulären Rahmen: Sie huldigten einem Kölner Komponisten, der nach seinen Lehrjahren mit seiner Geburtsstadt wenig zu tun hatte. Er wirkte in Koblenz, Sondershausen, Berlin, Breslau, Liverpool und wieder in Berlin. Sein Refugium war freilich der Igler Hof in Bergisch-Gladbach, der den Papierfabrikanten Zanders gehörte. Angeblich fragte der 82-Jährige 1920 auf dem Sterbebett, ob er nicht noch einmal mit dem Zeppelin dorthin fliegen könne.
1873 ein großer Erfolg
Sein 1873 in Barmen uraufgeführtes Odysseus-Oratorium war ein großer Erfolg. Es passte in die Zeit, als im Rheinland jährlich große Musikfeste veranstaltet wurden, und man kann die Heimatliebe auch im Zusammenhang mit dem deutschen Patriotismus dieser Zeit sehen. Es gab Aufführungen in 36 Städten, auch in England und den USA. Warum das Werk heute, anders als etwa Brahms’ Requiem oder Wagners „Ring des Nibelungen“, im Musikleben keine Rolle mehr spielt, abgesehen von gelegentlichen Aktivitäten wie der des Kölner Männer-Gesang-Vereins, liegt wahrscheinlich weniger in seiner Ideologie als in der Anlage des Stücks.
Opern wollte Bruch nach dem Fiasko seiner „Hermione“ keine mehr schreiben. Für ein Oratorium ist die Geschichte von der Heimkehr des Odysseus aber denkbar sperrig. So richtig zur Geltung kommen die Chöre nur in einigen großformatigen Szenen wie dem Meerestosen, das Poseidon entfacht. Hier waren die Chormassen in der Philharmonie in ihrem Element und fluteten den Saal mit Klang. In den mehr erzählerischen Partien, wo quasi rezitativisch der Trojanische Krieg rekapituliert wird, fragte man sich, warum hier ein Männerchor die Töne hauchte. Und beim Gastmahl bei den Phäaken klang es bei „Willkommen Fremdling“ für einen Moment nach Festzeltgesang, der sich dann aber sehr schnell zu einem hymnischen Wohlklang steigerte.
Martin Berner als Odysseus-Solist hatte ein großes Gespür für die Tonsprache von Bruch, jenen romantischen Ton, der zwischen Pathos und Einfachheit pendelt. Sein Bariton klang raumfüllend, nachdrücklich und bestens artikulierend, aber einen agilen, alle Fährnisse umschiffenden Abenteurer spürte man da nicht. Monica Mascus als Penelope sang ihre Arie, in der sie von dem Gewand, das sie webt und wieder auflöst, erzählt, mit opernhaftem Ausdruck, aber ihre Partie bietet insgesamt wenig Profilierungsmöglichkeiten. Damit man, wie es so schön im Programmheft hieß, den Überblick nicht verliert, hat der Schauspieler Stefan Wilkening, oft eingebettet in instrumentale Zwischenspiele, Passagen aus der historischen Odyssee-Übersetzung von Johann Heinrich Voß eingestreut. Eine kluge Entscheidung, denn sonst wäre man in den Chormassen rasch untergegangen.
