Romeo Castellucci inszeniert bei den 106. Salzburger Festspielen Olivier Messiaens monumentale Heiligen-Oper über Franziskus von Assisi.
„Saint François d’Assise“ in SalzburgEin Meilenstein der Aufführungsgeschichte

Gerät zuweilen blutig: Die Inszenierung von „Saint François d’Assise“ in Salzburg
Copyright: AFP
Olivier Messiaens einzige Oper ist eigentlich gar keine Oper. Sie ist eher das, was Richard Wagner vorschwebte, als er sein letztes Musikdrama „Parsifal“ nicht als „Oper“, sondern als „Bühnenweihfestspiel“ bezeichnete. Bei Messiaen passiert allerdings noch weniger als bei Wagner, denn die mehr als vier Stunden reine Musik, unterteilt in drei Akte mit acht Bildern, erzählen keine Handlung, sondern schildern die spirituelle Entwicklung des heiligen Franziskus von Assisi. Ein harter Brocken also.
Die Szenen sind durchweg statisch angelegt, die Figuren nicht psychologisch gezeichnet und der 150-köpfige Chor ist überwiegend hinter die Bühne verbannt. Außer dem Heiligen erscheinen sechs Ordensbrüder, ein Engel und ein Leprakranker. Das Libretto verfasste Messiaen wie Wagner selbst. Es kreist unablässig um die Suche nach Gott und die Sehnsucht nach Transzendenz, um Leiden und Demut und die Feier der Natur. Insbesondere die Vögel betrachtete Messiaen wie Franziskus als Resonanzraum der Gegenwart Gottes und als direkte Vermittler zwischen Himmel und Erde. Allein 45 Minuten dauert in der Oper die „Predigt an die Vögel“, bei der Messiaen Bläser und Schlagwerk von der Kette lässt, sodass ein geradezu aberwitziger Raumklang entsteht.
Einhelliger Jubel für mehr als sechsstündige Aufführung in Salzburg
Das Publikum der Uraufführung 1983 in Paris soll darauf irritiert reagiert haben. Den säkularen Franzosen war der XXL-Katholizismus Messiaens wohl nicht geheuer. In Salzburg erntet die mit jeweils zwei einstündigen Pausen insgesamt mehr als sechsstündige Aufführung einhelligen Jubel. Wohl auch, weil man um die Bedeutung dieser Produktion in der Salzburger Festspielgeschichte weiß. Denn die Aufführung verweist auf die legendäre Salzburger Produktion von 1993 in der Regie von Peter Sellars, damals auf den Spielplan gesetzt vom legendären Gerard Mortier und künstlerisch prägend für dessen wegweisenden programmatischen Kurs.
Die aktuelle Neuproduktion aber war das Herzensprojekt von Markus Hinterhäuser, auf den die damalige Aufführung „lebensverändernd“ gewirkt hatte. Hinterhäuser wurde als Intendant im Frühjahr auf rüdeste Weise vom Hof gejagt, ein Thema, das in Salzburg noch immer heiß diskutiert wird. Regisseur Romeo Castellucci bezeichnet Hinterhäuser im Programmheft auch ganz offen als „Opfer der Arroganz einer kleinkarierten Politik“.
Tatsächlich muss man ein Mammutprojekt wie Messiaens Opus Summum nicht nur wollen und mit Vehemenz unterstützen, man muss auch genau wissen, wen man damit betraut. Und das wusste Hinterhäuser, der mit Romeo Castellucci den derzeit wohl idealen Regisseur für das Werk gefunden hat. Denn Castellucci sieht sich offenbar als Messiaens Bruder im Geiste.
Musikalisch ist es ein Abend der Superlative
Der Regisseur zeigt überwiegend ruhige Tableaus und kommt fast ganz ohne Requisiten und Mobiliar aus. Einmal zeigt er auf der Rückwand eine Mega-City, die auf dem Kopf steht. Ansonsten nutzt er das pure, monumentale Ambiente der Felsenreitschule mit ihrer rohen Gesteinswand souverän für puristische, atemberaubende Bilder, die viel Raum für Assoziationen lassen. Eine riesige Dornenkrone etwa oder ein golden leuchtender Balken, den Franziskus schleppt wie ein Kreuz. Einmal streunt als Anspielung auf eine berühmte Beuys-Performance ein Kojote über die Bühne. Dann fallen massenweise tote Vögel – natürlich aus Plastik – vom Schnürboden. Später zeigt sich ein Pfau und am Schluss trappelt eine friedliche Schafherde herein.
Castellucci gelingt es über weite Strecken, den meditativen und zugleich aufwühlenden Gestus der Musik aufzunehmen, den Text nicht einfach zu bebildern oder zu verdoppeln, sondern weiter zu verrätseln. Aber nicht immer vertraut Castellucci der Kraft der Assoziationen. Eine Schar Tänzerinnen und Tänzer ordnet sich zu allerlei Formationen und kratzt damit hart am Kunstgewerbe.
Und manchmal ist es einfach auch zu schön, da würde man sich eine Spur mehr Distanz und künstlerische Reibung wünschen. Denn Castellucci ordnet sich ganz unter, wenn er als tiefe Verneigung vor Messiaen kurz einblendet: „Je t’aime, Olivier, immense artiste!“.
Musikalisch ist es ein Abend der Superlative: Der junge Dirigent Maxime Pascal gebietet souverän über das rund 120-köpfige Orchester mit Schlagwerk-Außenstellen im Raum, sowie den riesigen Chor, als sei es ein Leichtes. Dabei ist der metrisch freie Gesang der Vögel so komponiert, dass er sich völlig frei vom Tempo und rhythmischen Puls des restlichen Orchesters entfaltet, was bedeutet, dass er jede Menge improvisatorische Elemente erst wecken und dann wieder einfangen muss. Das Ensemble ist famos, der auch darstellerisch sich entäußernde Philippe Sly in der Titelrolle und Lauranne Oliva als Sopran-Engel ragen heraus. Ein Meilenstein der Aufführungsgeschichte.
