Abo

Sanierung der Kölner OperLiebe auf den zweiten Blick

9 min
Unter Zuschauerlogen in einem Opernhaus befinden sich Sitzreihen.

Unverändert, nur komplett neu aufgebrettert: der Zuschauerraum der Oper

Die sanierte Oper leuchtet von innen in ungewohnter Farbigkeit – die Restauratoren haben das ursprüngliche Aussehen von 1957 mit großer Leidenschaft rekonstruiert.

Die Elbphilharmonie ist es nicht geworden. Der famose Neubau in Hamburg lässt sich allerdings, wenn man ehrlich ist, überhaupt nur in einer Disziplin mit der Kölner Oper vergleichen: in den Kosten, die in beiden Fällen dramatisch aus dem Ruder gelaufen sind. Ansonsten liegen die beiden Bauten so weit auseinander wie – sportlich gesprochen – ein nagelneues Eisstadion und ein historisches, aber umfassend saniertes und renoviertes Stadion für Fußball und Leichtathletik samt Laufbahn, Sprunggrube und Hürdenbecken. Oder, anders betrachtet: Hamburg hat die Architektur der 2010er-Jahre bekommen, während Köln die Architektur der 1950er-Jahre zurückbekommt.

Durch eine Glastür fällt Licht.

Leicht und hell: Die Zugänge vom Offenbachplatz

Und wie sie die zurückbekommt! Wilhelm Riphahn, der Architekt, war zum einen tief in der Stadt verwurzelt, sprach Kölsch, lachte viel und sagte zu seinen Bauten schon mal: „Ach was, ich kann über meinen eigenen Kram nichts sagen, seht ihn euch selber an.“ Auf der anderen Seite aber war er ein Könner seines Fachs, als Architekt auf der Höhe der Zeit, Kenner der gängigen Baustile, national wie international. Sein Grundgedanke für die Oper war bestechend und ging über den eigentlichen Theaterbau weit hinaus: Auf einem komplett zerbombten Areal im Zentrum plante Riphahn ein ganzes Kulturzentrum mit Oper, Schauspiel und Gastronomie, das mitsamt den umliegenden Geschäftsbauten einen neuen Platz umschloss – den heutigen Offenbachplatz, der ohne die später brutal hineingeschnittene Nord-Süd-Fahrt ein intimer Stadtplatz geworden wäre und nicht eine weite, zugige Fläche neben einer sechsspurigen Hauptstraße.

Massivität und Sichtbeton

Entstanden ist allerdings ein Haus, das heute nicht mehr jedem gefallen mag. Und trotzdem ein Bau mit großer Signalwirkung, sagt Stadtkonservator Thomas Werner: „Das war der erste große Opernbau, der nach dem Krieg in Deutschland entstand.“ Vielleicht wäre das heutige Urteil über die Außenansicht des Opernhauses milder, wenn Riphahn nicht in einer Überarbeitung seines ersten, 1952 entstandenen Entwurfs die ursprünglich konventionell angelegten Bühnenhaustürme nachträglich mit den charakteristischen Schrägfassaden versehen hätte. Sie verleihen dem gesamten Bau zwar Unverwechselbarkeit, aber auch ein deutliches Mehr an Massivität, verstärkt noch durch die Sichtbetonfassaden der Türme.

In einem großen Raum liegt blauer Teppichboden, hängen große Leuchtkörper an der Decke.

Festlich, aber nicht überfordernd: Das obere Foyer ist der letzte Höhepunkt vor Beginn der Aufführung

Der unbehandelte Beton, damals noch ungewohnt, war Riphahns Reminiszenz an den internationalen Stil, an Le Corbusier und die Nachkriegsmoderne. Doch selbst der Architekt hatte wohl seine Zweifel: „Das Bühnenhaus“, so erklärte er 1953 dem Kölner Stadtrat, „ist ein Stahlbetonbau und soll als Beton sichtbar bleiben. Das können wir riskieren, da dieser Bau weit von der Straße zurückliegt und erst in Höhe des dritten Geschosses ansetzt.“ Da lag er mutmaßlich falsch: Die Ablehnung des Sichtbetons muss auch in den kommenden Jahren so heftig gewesen sein, dass Riphahn selbst 1963 – als auch das angrenzende Schauspielhaus fertiggestellt war – kapitulierte und verfügte, die Betonfassaden der Operntürme weiß zu streichen. Nun ist der Beton zurück, bis in die Details der Schalungsspuren restauriert und wie 1957 in spannendem Kontrast zu den ebenfalls wieder im Original-Rot gehaltenen Geländern der Bühnenhaus-Balkone.

Alle Wände wurden weiß

Leider wurde auch im Inneren des Hauses jede Menge weiße Farbe vermalt. Spätestens seit den 1980er Jahren nämlich hatten die Hausherren, die Intendanten und Direktoren, die Idee, das einst in größtmöglicher farbiger Vielfalt ausgestaltete Haus zu vereinheitlichen. In Folge wurden Wände und Decken, Foyers und Treppenhäuser und auch alle Nebenräume im Opernhaus weiß, manchmal auch grau angemalt. Doch damit nicht genug der Verunstaltung: Im mehrstöckigen oberen Foyer, dem schönsten und eindrucksvollsten Raum des gesamten Opernhauses, wurde auch noch die Kinderoper eingebaut. Fortan verschandelte eine Art Zeltkonstruktion den zuvor ebenfalls in einfallsloses Weiß getauchten Raum noch ein ganzes Stück weiter.

Gegenüber einer Garderobe hängen Spiegel an der Wand.

Wieder im Originalzustand: die Garderobe im Opernhaus

Jetzt die gute Nachricht: Das alles ist Vergangenheit. Wer heute die Oper betritt, tritt ein in die Welt der 1950er Jahre, die hier aber – anders als vielleicht von außen – glänzt und strahlt, für gute Laune sorgt und für festliche Vorfreude auf Musik und Theater, aber auch auf Gesellschaft und Gemeinschaft. Und das alles, so war es von Riphahn geplant, ganz demokratisch-niederschwellig: Schon die Eingänge sind alle gleich gestaltet, gläserne Windfänge mit dünnen Profilen, durch die Licht von außen hereinfällt, die aber auch den Passanten den Blick auf das Opernpublikum ermöglichen.

Und dann beginnt sie, die Farbigkeit der frühen Moderne: Gelbtöne, Ocker, Blau in allen Schattierungen, sattes Rot, Beige – insgesamt 130 verschiedene Farbtöne hat Restaurator Gereon Lindlar unter der weißen Einheitsfarbe und anderen Verkleidungen entdeckt. Sie alle finden sich nun wieder an den gleichen Stellen wie bei der Einweihung der Oper im Jahr 1957. Die Garderobe etwa ist ein halbrunder Traum in Blau und Gelb, verstärkt durch die Wiederherstellung des ursprünglichen, zwischenzeitlich verspiegelten Thekenbezugs aus blauem Skai-Leder mit weißen Kopfnägeln. Dahinter die lange Reihe der metallenen Garderobenhaken an der ebenfalls gerundeten Rückwand: Auch hier hatte man es einst für eine gute Idee gehalten, das gebürstete Metall weiß zu lackieren. Nun ist der Originalzustand wiederhergestellt – zur Freude des Stadtkonservators: „Das sieht aus wie eine Skulptur.“ Selbstverständlich wurden auch die Schirmständer an der Wand wieder aufgearbeitet – inklusive der damals verwendeten Schlitzschrauben.

Lampen im Original erhalten

Dass man sich in kölscher Lässigkeit in früheren Jahrzehnten stets mit Übermalungen zufriedengab, dass man alte Böden mit Teppich überdeckte und manches, was nicht mehr gefiel, ganz einfach mit Abdeckungen kaschierte, kurz: dass man nie grundlegend sanierte, beglückt heute die Fachleute sehr. „Hätte man überall den Putz abgeschlagen, hätten wir die Farbtöne nie wieder rekonstruieren können“, sagt Thomas Werner. Zum Glück waren auch sämtliche Lampen noch vorhanden und mussten nur gereinigt und mit zeitgemäßer Technik versehen werden. Auch der Steinboden im Eingangsbereich und in den Garderoben liegt hier seit 1957, nur der blaue Teppichboden, der in den Treppenhäusern zum oberen Foyer und im oberen Foyer selbst verlegt ist, musste nachgefertigt werden, selbstverständlich ebenfalls im Original-Farbton.

Über einem Holztisch hängt ein Spiegel. Daneben stehen Holzspinde.

Charme der 1950er-Jahre: die Chorgarderoben

Auch die den Außenwänden vorgelagerten und voll verglasten Treppenhäuser folgen Riphahns demokratischem Ansatz: Zwischen Passanten und Operngästen sollte größtmögliche Offenheit herrschen, die Grenzen zwischen Außenraum und Innenraum so weit wie möglich verschwimmen. Die zweite Grundidee des Opern-Architekten zeigt sich hier ebenfalls erneut: „Licht war für Riphahn ein ganz wichtiges Element“, sagt Denkmalschützer Werner, „er nutzte es als viertes Baumaterial.“

Festlich, aber nicht überbordend

Ebenso zelebrierte er den Weg der Besucher, die aus dem Foyer – auf Straßenniveau – zunächst ein paar Stufen herabsteigen mussten, um sich ihrer Mäntel und Jacken zu entledigen. Dann aber ging es wieder hinauf, zum Licht und zur Kunst. Der Höhepunkt des Aufstiegs war schließlich das obere Opernfoyer – und das ist es heute definitiv auch wieder. Der dreigeschossig gestufte Raum in seiner wiedergewonnenen Farbigkeit, die abgerundeten Rangbalkone, die tiefblaue Decke, die schlanken Stützen, die den Raum gliedern, dazu die bald zehn Meter hohen Fensterflächen mit den vorliegenden Balkonen (sie sollen künftig vor Beginn und in den Pausen wieder geöffnet werden), dazu der Fries aus Glasbausteinen, der den Raum wie eine Krone abschließt – ein Gesamtkunstwerk, das die allermeisten der heutigen Besucherinnen und Besucher so noch nie gesehen haben werden, weil der Originalzustand eben so lange verborgen war.

Licht war für Riphahn ein ganz wichtiges Element, er nutzte es als viertes Baumaterial.
Thomas Werner, Stadtkonservator in Köln

„Der Kunstgriff ist der Schwung, die Rundung – das verleiht dem Foyer eine ganz besondere Atmosphäre“, schwärmt Thomas Werner. Riphahn habe hier einen Raum geschaffen, der leicht wirke und gleichzeitig festlich, aber eben nicht überbordend. Und dann geht es endlich in den Opernsaal, vom oberen Foyer getrennt durch die Originaltüren aus feinem Nussbaumholz, denkmal- und sicherheitsgerecht mit großem Aufwand aufgearbeitet. „Die Türblätter wurden komplett aufgeschnitten, Brandschutz eingearbeitet, dann wieder verschlossen, am Ende sind wir sogar bei der Originalstärke der Türen geblieben“, so Thomas Werner. Steht man dann im eigentlichen Herzstück des Opernhauses, dem Zuschauerraum vor der Bühne, stellt man möglicherweise fest: Hier hat sich am wenigsten verändert.

An einer blau gestrichenen Wand hängen silberfarbene Kleiderhaken.

Nicht mehr weiß angestrichen: Haken wie eine Skulptur

Der Saal mit seinen ikonischen Logen, die wie aufgezogene Schubladen aus den Wänden kommen, ist natürlich ebenfalls komplett aufgearbeitet – von der in die Decke eingearbeiteten Beleuchtung, die Riphahn selbst entworfen hat, über die Wandvertäfelungen aus persischem Nussbaum bis hin zum Bodenbelag aus Kautschuk, der zwar weitgehend fehlte, aber nach dem Fund von einigen Reststücken originalgetreu nachgefertigt werden konnte.

Mehr als nur das alte Haus

Ebenfalls im 1957er-Originalzustand, natürlich höchst fachgerecht aufgepolstert und neu bezogen, ist die Bestuhlung des Saals – und das dürfte vermutlich am wenigsten Anklang finden bei den Operngästen der Zukunft. Denn die Holzstühle waren von je her nicht gerade überbreit, nicht gerade super-bequem, dazu noch mit einem Knieraum, der in jedem Kino heute großzügiger ausfällt. Doch auch das ist eben Denkmalschutz, sagt der Konservator – und verweist im Gegenzug auf Riphahns Demokratiemodell, das auch im Zuschauerraum der Oper Gültigkeit hat: Gab es in Opernhäusern früherer Zeiten stets eine Loge für Fürsten, Herrscher und andere Honoratioren mit besonders bevorzugtem Blick auf die Bühne, sind in Köln alle Logen zum Mittelpunkt der Bühne ausgerichtet. „Jeder Besucher kann hier gleich gut sehen und hören“, sagt Werner.

Durch ein Fenster sind die Turmspitzen einer Kirche zu erkennen.

Schon in Richtung 1960er-Jahre unterwegs: Deckenleuchten im Schauspiel

Natürlich gehört zum Gesamtensemble auch das im Süden an die Oper anschließende Schauspielhaus, von Wilhelm Riphahn mit zeitlichem Abstand zum Opernhaus geplant und auch erst 1962 fertiggestellt. Es ist in Architektur, Ausstattung und Farbigkeit deutlich schlichter gehalten als die Oper. Und doch zeigt sich gerade in manchem Detail, dass man die 50er-Jahre bereits hinter sich gelassen hat: Vor allem der „Erfrischungsraum“ im ersten Obergeschoss, direkt über dem Eingang ins Schauspielhaus, weist mit seiner großartigen, doppelt hinterleuchteten Glasbausteinwand und mit den ebenfalls von Riphahn entworfenen Pendelleuchten – für die er die prägnanten Glasbaustein-Leuchten aus dem Opernhaus, von den Mitarbeitern „Butterdosen“ genannt, einfach umnutzte – bereits auf direktem Weg hinein in die 1960er-Jahre. Und bietet so einen spannenden Rahmen für die künftige Gastronomie, die auch den Außenraum zwischen Schauspiel und Oper bespielen soll.

Liebevolle Lösungen, tolle Details, intensive Farbigkeit, Volksnähe und trotzdem Glanz – all das bietet das sanierte Haus nun wieder. Und doch ist die sanierte Oper alles andere als „nur“ das alte Haus mit neuer Technik. Selbst unter langjährigen Stammgästen dürfte es kaum noch jemand geben, der sich an den – jetzt erstmals wiederhergestellten – Top-Originalzustand von 1957 erinnern dürfte. Allerdings werden sich Oper und Schauspiel –samt der neuen Bausteine Kinderoper und Kleines Haus – die Liebe der Besucher erst wieder erarbeiten müssen. Es ist eben keine Elbphilharmonie: Die Kölner Oper, sie verzaubert eher auf den zweiten oder dritten Blick.


Zur Serie:

Nach mehr als 14 Jahren im Exil kehren die Kölner Bühnen endlich in die Innenstadt an ihren angestammten Platz zurück. Wir begleiten den großen Treck an den Offenbachplatz im Kulturteil mit unserer Sommerserie „Der größte Umzug Kölns“ aus vielen Perspektiven, unter anderem von Sängerinnen, Bühnenarbeitern und Denkmalschützern.

Am 27. September startet die erste Produktion der ersten Saison in der sanierten Riphahn-Oper. Zuvor gibt es am 19. und 20. September als Eröffnungsfest Tage der offenen Tür mit einem Konzert des Opernensembles und am 24. September einen Festakt mit Ensemble, Chor und Diana Damrau als illustrem Gast.