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Felix NussbaumErstes Kunstwerk zum Pogrom nachgewiesen

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Die Röntgenaufnahme des Bilduntergrunds der "Rue triste" von Felix Nussbaum zeigt ein vorheriges Bild mit Menschen in Ruinenlandschaft, das in den Jahren 1938 oder 1939 entstanden sein muss.

Das Institut für Restaurierungs- und Konservierungswissenschaft (CICS) der TH Köln entdeckte in der Röntgenaufnahme der Rue Triste von Felix Nussbaum ein weiteres Bild mit apokalyptischem Szenario.

Experten haben Felix Nussbaums „Rue triste“ durchleuchtet und datieren das Bild nun zehn Jahre später als im Werksverzeichnis. Es entstand in Folge der Pogromnacht. 

Wenn Flucht oder Kampf nicht möglich sind, kann Erstarrung folgen. So wie bei der schwarzen Katze in Felix Nussbaums Bildkomposition – neben einem entblätterten Baum ist sie das einzige Lebewesen auf menschenleerer Straße.

Pestfahnen wehen aus dunklen Fensterlöchern der uniformen Häuserzeilen. „Rue Triste“ (Trostlose Straße) nennt der 1944 in Auschwitz ermordete Maler sein Bild. Das Werksverzeichnis interpretierte es bislang als „visionäre Todesahnung“ und datierte die Arbeit des Malers der Neuen Sachlichkeit auf das Jahr 1928.

Straße der Kindheit

Doch nachdem das Zentrum für verfolgte Künste Solingen und das Institut für Restaurierungs- und Konservierungswissenschaft der Technischen Hochschule Köln, die „Rue triste“ unter die Lupe nahmen, kommen sie nun zu einem anderen Schluss und datieren neu auf die Jahre 1938/39. Demnach wäre es das erste historische Kunstwerk zur Pogromnacht am 9. November 1938.

„Ich habe alle Lebensorte Nussbaums besucht, habe mir Plätze angeschaut und bin Wege abgegangen“, sagt Jürgen Kaumkötter, Direktor des Solinger Zentrums. „Und als ich das Bild 2004 zum ersten Mal sah, dachte ich, dass da etwas mit der Entstehungszeit gleich nicht stimmt.“

Die Form der Schlote ließ ihn vermuten, dass es erst im späteren Exil in Brüssel entstanden sein könnte, wo diese Bauweise typisch sei. Städtebaulich angelehnte die „Rue triste“ der Johannisstraße, der Straße seiner Kindheit und Jugend in Osnabrück. 

Für Nussbaum und seine Familie war es ein tiefer Einschnitt, als der jahrelange Terror und die Verfolgung der Juden in der Reichspogromnacht auf die Straße getragen wurde. Die letzten verlassenen die alte Heimat.

Vom „Teufelsbad“ schrieb Felix Nussbaum in einem Brief. Bereits 1937 hatte er versucht, die Eltern nach Belgien zu holen. Philipp und Rahel Nussbaum flohen unmittelbar nach dem 9. November von Köln nach Amsterdam. Nach dem erzwungenen Verkauf der Firma Gossels & Nussbaum in Osnabrück im Frühjahr 1933 war die erneute Flucht eine weitere Station von Verfolgung und Erniedrigung.

Das Bild wurde Mitte 1942 in einem Brüsseler Depot versteckt. Ende der 1960er Jahre entdeckte es eine Cousine Nussbaums, die Erbengemeinschaft verkaufte es über die Galerie Hasenclever Mitte der 1970er Jahre an den Autoren und Journalisten Jürgen Serke, der es seit 2008 dem Zentrum für verfolgte Künste als Dauerleihgabe zur Verfügung stellt.

Menschen in Ruinenlandschaft

Über die Restauratorin Marielena Bounaiuto kam der Kontakt zum Kölner Institut, das das Bild in der Zeit der Pandemie im Rahmen eines Studienprojekts durchleuchtete. Die Röntgenaufnahmen ermöglichen den Blick auf ein übermaltes Werk Nussbaums, dessen Darstellung auf zwei Zeichnungen aus den Jahren 1938/39 wiederzufinden ist, die Menschen in einer Ruinenlandschaft zeigen.

Von diesen Vorzeichnungen, so Kaumkötter, habe man bisher angenommen, dass es sich um Darstellungen des Kriegsbeginns im September 1939 handelte. Jetzt sei jedoch klar, dass dies nicht sein kann, da das Bild „Rue Triste“ – also die spätere Übermalung – schon am 11. Februar 1939 in der niederländischen Zeitung „Nieuwe Rotterdamse Courant“ besprochen worden sei.

Es gibt kein anderes Ereignis, mit dem man es verbinden kann."
Museumsdirektor Jürgen Kaumkötter

Das einzige Ereignis, das für das enge Zeitfenster infrage komme, sei die Pogromnacht, sagt Kaumkötter. „Es gibt kein anderes Ereignis, mit dem man es verbinden kann.“ In der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem sei man tief bewegt über die neue Erkenntnis gewesen.

Mittels Infrarotstrahlen konnten auch die letzten Überarbeitungen während des Malprozesses an der „Rue triste“ identifiziert werden. Vor der aufgeschreckten Katze hatte Nussbaum ursprünglich einen Schutthaufen angedeutet, vor dem sie in Angriffsstellung geht. Auf der Infrarotaufnahme lässt sich erahnen, dass Fensterkreuze und Glasscherben der Katze den Weg versperren. (mit dpa)