In Köln überzeugt "Figaro" mit einer kraftvollen Inszenierung von Katharina Thoma, herausragenden Solisten und eindrucksvollen Bühnenbildern.
„Figaro“ als ZeitreiseOper Köln zeigt Mozarts Klassiker mit modernen Anspielungen und historischer Tiefe

„Le Nozze di Figaro“ mit Selene Zanetti, Kathrin Zukowski und Germán Olvera
Copyright: Thilo Beu
Echtes Glück und vollkommene Harmonie gibt es erst, als alle weiß gewandet sind, die überflüssigen Accessoires in die Ecke gepfeffert haben und in ihrer textilen Uniformität vor ebenfalls weißem Hintergrund einfach nur Menschen sein dürfen, die sich lieben. Das Orchester spielt noch einen kurzen Tanz auf. So entlässt die Neuproduktion der Oper Köln von „Le Nozze di Figaro“ („Die Hochzeit des Figaro“) das Publikum beschwingt in die Frühlingsnacht.
Bei diesem Stück kann man allerdings wenig falsch machen. Wolfgang Amadeus Mozarts „Figaro“, von Lorenzo da Ponte nach einer französischen Komödie in italienischer Sprache gedichtet, ist seit Jahrhunderten ein Publikumsliebling und gehört zu den meistgespielten Opern weltweit. Die Liebesgeschichten und Gefühle begeistern unabhängig von Zeit und Ort, die Melodien gehen zielsicher zu Herzen. Der neue Kölner „Figaro“ zeigt sich in dieser Tradition herzenswarm und unterhaltsam.
Schimmel im Schloss
Das gelingt mit handverlesenen internationalen Gesangs-Solistinnen und -Solisten, geschmeidigem Mozart-Klang des Gürzenich-Orchesters und einer Inszenierung von Katharina Thoma, die als Zeitreise in die Vergangenheit angelegt ist. Diese legt die menschlichen Beziehungsmechanismen offen, die sich seit Mozarts Zeit nicht verändert haben und nur buchstäblich in anderen Gewändern erscheinen.
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Im ersten Aufzug ist das Schloss der Grafen Almaviva verfallen, die Wände schimmeln, allerlei Kram ist in der Ecke gestapelt. Es soll nach Renovierung 2026 wieder eröffnen hoffentlich! Das ist nur der erste kleine Insider-Witz für Operngänger, der in der Produktion versteckt wurde. Der Graf (Germán Olvera) ist hier der zudringliche, überhebliche Direktor im Anzug, Figaro der Haustechniker, Figaros Verlobte Susanna eine Angestellte. Das Machtgefälle zwischen Chefs und Beschäftigten ist deutlich.
Musikalische Wohlfühlatmosphäre
Sopranistin Selene Zanetti als Gräfin Almaviva und der charmante, stattliche Bass Adolfo Corrado als Figaro geben ihre Hausdebüts an der Oper Köln und überzeugen ab dem ersten Auftritt. Die Besetzung ist mit internationalen Sängerinnen und Sängern in den Hauptrollen sehr gelungen. Als mädchenhafte Susanna steht Kathrin Zuckowski, eine wiederkehrende Größe, auf der Bühne des Staatenhauses. Gesang und der griffige, moderne Klang des für Mozart groß besetzten Gürzenich-Orchesters unter Generalmusikdirektor Andrés Orozco-Estrada schaffen durchgehend eine musikalische Wohlfühlatmosphäre.
Katharina Thomas Personenführung wählt reduziertes, natürliches Bewegungsrepertoire ohne Hampelei und setzt auf eine bedeutungsstarke Ausstattung (Bühne: Johannes Leihacker, Kostüme: Irina Bartels). Diese ist es, die im zweiten Aufzug im selben Raum die Handlung ins Jahr 1939 zurückverlegt.
Von den 1930ern ins Rokoko
Statt der Schimmelflecken ist nun eine Tapete an die Wände projiziert, die Kaffeemaschine ist weg, der Graf ist ein Fiesling in Knobelbechern und der putzige Schwerenöter Cherubino (Anita Monserrat, wurde am Premierenabend nach dem Applaus mit einem „Happy Birthday“ geehrt) kommt in eine Uniform der Weltkriegszeit. Die Intrigen sind dieselben.
Wer auf Details achtet, sieht, dass der kaputte Sessel vom Anfang nun heil, aber durchgesessen ist. Im dritten Aufzug ist er frisch aufgepolstert, die Tapete weicht Stuckpaneelen, die Gräfin trägt statt goldgelbem Morgenmantel nun goldgelbe Rokoko-Robe. Es ist 1789, das Jahr, in dem der „Figaro“ uraufgeführt wurde und Gesellschaftskritik bot, indem die höfischen Machtstrukturen angeprangert wurden.
Die Gräfin leidet
Doch egal in welcher Zeit – die Figur der Gräfin leidet in allen ihren Arien gleichermaßen, sehr schön ausgesungen von Selene Zanetti. Genuss fürs Auge sind die Rokoko-Kostüme des Chors in Pastellschattierungen passend zur Wandfarbe, und wer noch eine Meta-Ebene sucht, darf’s als Referenz an den Kostümdrama-Hype durch die TV-Serie „Bridgerton“ verstehen. Ein stattlicher lebendiger Schäferhund auf der Bühne grüßt nach Bonn, wo 2024 in den „Meistersingern“ der Hund nicht auf die Bühne durfte.
Im vierten Akt mit den Verwechselspielen geht es zurück in eine mythische Antike, Arkadien, einem Skulpturengarten mit wirklich entzückenden lebenden Marmorstatuen.
Hier sind die Menschen ihrer Standesunterschiede entledigt, und hier finden die Liebenden nun ohne Schranken zueinander. Hinter dem versöhnlichen Ende steht aber auch die Erkenntnis, dass diese reine Menschlichkeit ohne Statussymbole und Machtgefälle im echten Leben nicht erreichbar scheint – in keiner Epoche.
210 Minuten (inkl. Pause). Wieder am 4., 6., 12., 18., 20., 26. und 28.3., jeweils 19 Uhr, 8.3., 18 Uhr plus 22.3., 16 Uhr.
