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Führender Vertreter des ImpressionismusEine Zeitreise zu Monet

6 min
Eine Frau steht auf einer Brücke, die durch einen Garten mit Fliederpflanzen verläuft.

Der bekannte Garten von Claude Monet.

Vor 100 Jahren starb der große Impressionist Claude Monet. Eine Reise zu den Orten, die ihn prägten, von Le Havre über Paris bis zum Dörfchen Giverny.

Die Zeitreise mehr als 150 Jahre zurück kann beginnen, wenn man den richtigen Winkel gefunden hat. Wer sich unter das Aussichtsrohr am Quai de Southampton in Le Havre stellt, erkennt vor sich zunächst den heutigen Industriehafen mit seinen Verladekränen, Silos und Schiffen. Doch ein Blick hinauf in das Periskop zeigt diesen Ort, wie ihn Claude Monet einst sah. Hier erscheint jene Perspektive, die sich dem Maler an einem Novembermorgen 1872 kurz nach Sonnenaufgang bot: Dampfschiffe lagen im Wasser, dazwischen erhoben sich die Masten der Segelboote. All das bildet das runde Rohr ab, das der Künstler Guillaume Aubry im Rahmen des Straßenkunst-Festivals „Un été au Havre“ („Ein Sommer in Le Havre“) am Ufer aufgestellt hat.

Monet verarbeitete diesen Ausblick von seinem Balkon im „Hôtel de l’Amirauté“ seinerzeit nicht fotografisch genau, sondern mit jenem für ihn so charakteristischen Stil, indem er das Motiv sanft verfremdete. Auf seinem Gemälde „Impression, Sonnenaufgang“ („Impression, soleil levant“) lassen sich die industriellen Anlagen im Hintergrund erahnen. Davor schimmert das Wasser auf plastische Weise. Tiefschwarze Silhouetten in Booten setzen sich vom farbigen Hintergrund ab.

Mit seiner Installation geht der Künstler Aubry einen Dialog mit Monet ein, spiegelt das Damals im Heute. Sein Werk ist bewusst im Jahr des 100. Todestages von Claude Monet entstanden. Der Maler starb am 5. Dezember 1926 im Alter von 86 Jahren.

Ein Blick in das Periskop zeigt Le Havre, wie es Claude Monet einst sah

Verbunden wird er mit weiteren Orten: mit seinem Geburtsort Paris, mit den Vororten Argenteuil und Vétheuil, wo in seinen ehemaligen Häusern Sammlungen präsentiert werden. Besonders prägend war das Dörfchen Giverny in der Normandie, wo er die zweite Hälfte seines Lebens verbrachte. Mit seinem üppig bepflanzten Garten und einem Seerosenteich schuf er sich dort eine nie versiegende Quelle an romantischen Natur-Motiven.

Aber eben auch Le Havre, wo er zwischen seinem fünften und 35. Lebensjahr lebte, feiert ihn als einen berühmten Sohn der Stadt. „Diese Jahre waren entscheidend für die Ausgestaltung von Monets Blick auf die Natur und seine Technik“, erklärt die Museums- und Fremdenführerin Anne-Charlotte Perré. „Als Jugendlicher streifte er durch die Landschaften in der Umgebung, wo er Inspiration fand. Die Nähe zur Natur sollte er nie aufgeben.“

Museum in Le Havre verleiht derzeit Einblicke in frühe Lebensphase

Einblicke in diese frühe Phase seines Lebens und Schaffens verleiht das örtliche Museum für Moderne Kunst André Malraux (MuMa) zurzeit mit der Sonderausstellung „Monet in Le Havre“. Das moderne Gebäude befindet sich nur 300 Meter von jener Stelle am Quai de Southampton entfernt, wo einst das „Hôtel de l'Amirauté“ stand. Wie so viele andere Häuser fiel es dem Bombenhagel im Zweiten Weltkrieg zum Opfer. Im September 1944 wurden 82 Prozent des Zentrums zerstört.

Ein Mann blickt auf ein Gemälde.

Monets „Strasse im Flaggenschmuck“ im Museum in Rouen.

Mit dem Wiederaufbau beauftragt wurde nach dem Krieg der französische Architekt Auguste Perret, Pionier des Stahlbetonbaus. Er entwarf eine komplett neue Stadt, indem er ein striktes, modulares Rastersystem nutzte. Als herausragendes Beispiel für die Nachkriegsstadtplanung nahm die Unesco sie 2005 in die Liste der Weltkulturerbe auf.

Alte Fotografien und die Gemälde von Monet und seinen Zeitgenossen geben eine Vorstellung davon, wie sie zuvor aussahen. Bereits in seinen frühen Zeichen-Entwürfen ließ der junge Oscar-Claude, der erst später den ersten Teil seines Vornamens ablegte, eine feine Beobachtungsgabe erkennen. Zunächst fertigte er vor allem Karikaturen an, die ihm etwas Geld einbrachten. Eine künstlerische Ausbildung erhielt der Junge nicht, der in einem großbürgerlichen Haushalt aufwuchs und die Geschäfte seines Vaters, des Handelskaufmanns Adolphe Monet, übernehmen sollte. Doch Monet wählte lieber den prekären Weg des Künstlers, unterstützt von seiner Tante Marie-Jeanne Lecadre, mehreren Mäzenen, später auch von seinem Bruder Léon.

Zu Monets Zeiten war „Impressionist“ ein Schmähwort

Inspiriert durch seinen Mentor, den Maler Eugène Boudin, streifte Monet mit seinem Zeichenblock durch die Gegend und fertigte mit Bleistift und Kohle Skizzen der Landschaften oder auch der Küste an. Bald versuchte er sich auch an der Arbeit mit Ölfarbe. Die Pastelltöne, das Nachzeichnen der Wolkenbewegungen, die Transparenz des Wassers – er hatte schon einige seiner wichtigsten Leitmotive gefunden. Später wurden sie zu Merkmalen des Impressionismus.

Auf einem Foto ist ein Mann mit Bart zu sehen.

Ein Porträt von Monet im Haus in Giverny (l.).

In den 1860er-Jahren ging er nach Paris, wo er andere junge Künstler wie Pierre-Auguste Renoir und Alfred Sisley kennenlernte. Gemeinsam mit ihnen organisierte er 1874 eine unabhängige Ausstellung, weil ihre Bilder beim offiziellen Pariser Salon stets abgelehnt wurden. Die Schau wurde zum Skandal, machte die Künstler zum Gesprächsthema. Der Kunstkritiker Louis Leroy verglich Monets Gemälde „Impression, Sonnenaufgang“ mit einem Tapetenmuster, beschimpfte ihn als „Impressionisten“. Später wurde aus dem Schmähwort die Bezeichnung für eine der einflussreichsten Bewegungen der Kunstgeschichte.

Vorerst blieben die Zeiten aber noch schwierig. Wegen seiner Finanznot zog Monet mit seiner Frau Camille und den beiden Söhnen Jean und Michel weiter nordwestlich nach Vétheuil, ein Dorf an der Seine. Mit dem Tod seiner schwer kranken Frau 1879 erlebte er einen herben Schicksalsschlag, kam bald darauf aber mit seiner späteren zweiten Ehefrau Alice Hoschedé zusammen. 1883 folgte sie ihm mit ihren sechs Kindern nach Giverny rund 70 Kilometer nordwestlich von Paris.

Rund 250 der knapp 3000 Werke von Claude Monet zeigen Seerosen

Damals ein abgelegenes Dorf mit knapp 300 Einwohnern, handelt es sich heute um einen Touristen-Magnet. Die Anlage blüht selbst während der größten Hitzewellen in vollster Pracht und ohne eine einzige dürre Grasstelle. Pro Jahr besuchen sie mindestens eine halbe Million Menschen. Bunte Straßenschilder, die unter anderem die Entfernung zu Tahiti, New York oder auch zum Mond angeben, sind ein augenzwinkerndes Symbol dafür, wie Monet aus einem Provinznest einen internationalen Anziehungspunkt gemacht hat.

In Giverny besserte sich seine Lage allmählich. Mehr und mehr Sammler, vor allem aus den USA und Japan, interessierten sich für Monets Bilder. 1890 konnte er sein Haus kaufen, dessen Garten er erweiterte. Heute umfasst das Anwesen zwei Hektar und gliedert sich in zwei Hauptbereiche: den farbenfrohen Blumengarten vor dem Gebäude und den Wassergarten mit Seerosenteich, Trauerweiden und einer japanischen Brücke. Entdeckt hatte Monet die neu gezüchteten Pflanzen anlässlich der Pariser Weltausstellung im Jahr 1889: Unweit des gerade eröffneten Eiffelturms wuchsen prächtige Exemplare in Wasserbecken. Rund 250 seiner schätzungsweise knapp 3000 Werke zeigen Seerosen. Im Musée de l’Orangerie in Paris füllen die monumentalen Abbildungen die Wände zweier ovaler Säle.

Sowohl die Orangerie als auch das Musée d’Orsay widmen sich in diesem Jubiläumsjahr mit Sonderausstellungen Monet als einem Maler, der so lange um die Anerkennung seiner Kunst gerungen hat – und sie bis heute erhält wie wenige andere.

Dieser Artikel entstand nach einer Pressereise in die Normandie mit Unterstützung von „Normandie Tourismus“.


Ausstellungen und Sehenswürdigkeiten

Museum für moderne Kunst André Malraux (Muma): Ausstellung „Monet au Havre“, bis 27. September, 2 Boulevard Clemenceau, 76600 Le Havre

Haus von Monet in Vétheuil: 16, avenue Claude Monet, 95510 Vétheuil, geöffnet vom 1. April bis 31. Oktober, jeweils am ersten und dritten Wochenende jedes Monats, 9 bis 18 Uhr

Impressionistisches Haus von Monet in Argenteuil: 21 Boulevard Karl Marx, 95100 Argenteuil (Linie J vom Pariser Bahnhof Saint-Lazare aus)

Haus und Gärten von Monet in Giverny: 84, rue Claude Monet, 27629 Giverny, bis 1. November täglich 10 bis 18 Uhr, Ticketreservierung im Internet wird empfohlen

Musée de l’Orangerie: Ausstellung „Monet, peindre le temps“, vom 30. September bis 25. Januar 2027, Jardin des Tuileries, Place de la Concorde, Paris

Musée d’Orsay: Ausstellung „Je passe ma vie à peindre“ vom 30. September bis 24. Januar 2027, 1 Rue de la Légion d’Honneur, Paris