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Harfenistin im Interview„Als Musiker ist man immer ein bisschen Außenseiter an Schulen“

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Harfenistin Swantje Wittenhagen nimmt am Deutschen Musikwettbewerb teil.

Harfenistin Swantje Wittenhagen nimmt am Deutschen Musikwettbewerb teil.

Harfenistin Swantje Wittenhagen nimmt am Deutschen Musikwettbewerb teil, der Donnerstag in Köln beginnt. Jan Sting hat mit ihr gesprochen.

Am Donnerstag beginnt der Deutsche Musikwettbewerb in Köln, Bonn und Siegburg. Eine der Teilnehmerinnen ist die 23-jährige Harfenistin Swantje Wittenhagen, die gerade zwei Jahre an der Akademie des Gürzenich-Orchesters absolvierte. Mit der Musikerin, die mehrfach Bundespreisträgerin im Wettbewerb „Jugend musiziert“ war, sprach Jan Sting.

Sie sind mit fünf Jahren schon sehr früh zur Harfe gekommen. Was war der Auslöser?

Ich war mit meinen Eltern beim Tag der offenen Tür der staatlichen Jugendmusikschule Hamburg und habe alle Instrumente ausprobiert. Die Harfe war es dann.

Und Sie konnten sofort loslegen?

Nun, wenn so eine Vierjährige so etwas sagt, denken die Eltern zuerst ,lass mal gut sein'. Nachdem ich den Wunsch aber ein Jahr lang immer wiederholt habe, haben sie geguckt, wie viel ein Instrument gebraucht kosten würde. Dann haben sie meine erste Lehrerin ausgesucht.

An der Musikschule?

Nein. In Hamburg ist zwar die größte Musikschule Deutschlands. Harfenunterricht gibt es aber erst ab acht Jahren. Und es gibt Wartezeiten. Ich habe nicht dort Unterricht genommen, sondern privat. Es ist mit Lehrern im Norden nicht so einfach. Im Süden gibt es sie – durch die Volksmusik – ein bisschen häufiger, vor allem in Bayern.

Wie kamen Sie in ein Orchester?

Ich hatte das Glück, dass die Dirigentin des Hamburger Musikschulorchesters mich mit acht Jahren ins Orchester aufnahm. Als Musiker ist man im Vergleich zum Sport immer so ein bisschen ein Außenseiter an den Schulen. Im Orchester habe ich Leute getroffen, die ähnliche Ideen hatten wie ich. Später im Bundesjugendorchester bin ich auf noch mehr Gleichgesinnte gestoßen. Heute kenne ich fast in jeder Stadt jemanden. Ich hätte auch im European Union Youth Orchestra spielen sollen, aber dann kam Corona.

Und zuletzt haben Sie an der Akademie des Gürzenich-Orchesters teilgenommen. Wie empfanden Sie Köln als jemand, der aus dem Norden kommt? War es für Sie ein Kulturschock?

Es ist sehr anders. Wir sind im Norden eher kühl. Ich glaube, für einen Norddeutschen nach Köln zu kommen, ist deutlich einfacher als umgekehrt. Ich war die letzten beiden Jahre sehr glücklich hier in der Stadt. Die Orchestermitglieder sind alle wahnsinnig nett. Man wird direkt mit eingebunden. Wenn ich könnte, würde ich bleiben.

Als Harfenistin sind Sie sehr wahrscheinlich eher eine Einzelkämpferin.

Total. Wenn sich Harfenisten treffen, merkt man das ganz stark, dass das ein Thema ist. Die meisten Orchester haben, wenn überhaupt, eine Harfe. Die großen mit Opernorchester zwei – und wenn man mit der Akademie drei Harfen hat, ist das sehr viel.

Wie ist das, wenn man nur einen Einsatz in einer ganzen Sinfonie hat? Zählt man alles durch?

Man lernt, dass man wenig spielt, man lernt, Verbündete zu finden. Ich war zuletzt in Richard Wagners „Fliegendem Holländer“ dabei. Die Harfe spielt in der Ouvertüre und dann die letzten acht Takte von der Oper. Beim Schlagzeug war es ähnlich. Wir sind kurz was essen gegangen und dann wieder gekommen. Es gibt viele Opern und Sinfonien, in denen man sitzt und sitzt. Nach einer halben Stunde hört man die vertrauten Stellen, und dann kommt es auf die Millisekunde an. Man hat kalte Finger und hat lange gesessen. Da muss man mit dem Druck umgehen können, dass man aus dem Nichts diese eine Chance hat. Aber ich könnte mir auch nicht vorstellen, wie es ist, als Geiger, die ganze Zeit in Bewegung zu sein.

Wie geht es jetzt weiter bei Ihnen?

Mein Plan ist es, in einem Orchester zu spielen. Das ist bei der Harfe nicht ganz einfach, weil es nicht viele ausgeschriebene Stellen gibt. In Hamburg sind alle Orchesterstellen für Harfe besetzt – mit Kollegen Anfang 30. Aktuell könnte man sich nur in Sydney bewerben.

Auch nicht schlecht. …

Stimmt. Ich hatte meinen Bachelor vor der Akademie im Gürzenich-Orchester abgeschlossen und werde jetzt meinen Master in Brüssel fortsetzen.

Erhöht der Deutsche Musikwettbewerb die Chancen, in ein Orchester zu kommen?

Im Lebenslauf hilft es vielleicht, eingeladen zu werden. Aber auch da zählt die Teilnahme an einer Akademie noch etwas mehr. Es ist eher für die solistischen Tätigkeiten ein gutes Aushängeschild und für Stipendien.

Was werden Sie spielen?

In der ersten Runde das Händelkonzert. Dann spiele ich „Gesine“, ein modernes Stück von Toshio Hosokawa, und die Hindemith-Sonate. Für die dritte Runde, sie nennt sich ,Carte blanche', mache ich eine Mischung aus Literatur und Musik, weil es dort um das Thema Atem geht. Und abschließend spiele ich das Konzert von François Adrien Boieldieu. Gelegenheiten wie der Deutsche Musikwettbewerb sind ein gutes Ziel, ein Programm zu einem bestimmten Zeitpunkt fertig zu haben.

Was hat Sie bewegt genau diese Stücke auszuwählen.

Es sind Stücke, die mich als Musikerin ausmachen. Ich spiele ein Werk von Isang Yun, „In Balance“. Diese östliche moderne Musik kann ich, glaube ich, gut rüberbringen. Das liegt mir, es ist Musik, mit der ich mich identifizieren kann. Die Hindemith-Sonate spiele ich schon seit vielen Jahren, auch bei Wettbewerben.

Wie gehen Sie auf das Podium beim Wettbewerb?

Meine Lehrerin vermittelte mir, dass man alles vorbereiten kann. Aber in der eigentlichen Situation des Wettbewerbs kommt es dann darauf an, dass man vor allem Spaß hat, Musik macht und nicht auf den Ausgang des Ganzen so konzentriert ist. Ich glaube, das hat mir immer bei den Wettbewerben geholfen. Zu denken: „Jetzt darf ich für die Leute spielen.“

In 39 Kategorien, die jährlich wechseln, wird seit 1975 der Deutsche Musikwettbewerb des Deutschen Musikrats ausgetragen. In Köln, Bonn und Siegburg sind junge Spitzenmusiker in den Fächern Gesang, Cello, Kontrabass, Harfe, Trompete, Tuba, Bläserquintett und Komposition dabei.

78 Talente zwischen 18 und 30 Jahren treten vom 10. bis 17. August in vierRunden an. In der ersten Wettbewerbsphase, die im Frühjahr digital stattfand, waren 145 junge Musiker angetreten.

Die Gewinner erhalten Förderung wie Vermittlung bei Solo- und Kammerkonzerten im In- und Ausland, Karriereberatung oder CD-Produktionen. Die 30-köpfige Jury setzt sich für die finalen Runden aus allen Fachjurys zusammen. www.deutscher-musikwettbewerb