Interview

Dirigent Titus Engel vor Konzert in Köln
„Melting Pot baut Brücken zum Publikum von Morgen“

Lesezeit 4 Minuten
Der Dirigent Titus Engel

Der Dirigent Titus Engel.

Dirigent Titus Engel springt für François-Xavier Roth am Wochenende für ein außergewöhnliches Konzert des Gürzenich-Orchesters ein

Breakdance und Poetry-Slam treffen in Bernhard Ganders „Melting Pot“ auf großes Orchester. Titus Engel hat es vor ein paar Jahren schon einmal in Bozen dirigiert. Jan Sting sprach mit dem 48-Jährigen über seine Erfahrungen.

Sie sind sehr kurzfristig für François-Xavier Roth eingesprungen, der nach schweren MeToo-Vorwürfen von Orchestermusikerinnen seine Arbeit ruhen lässt. Haben sie zu „Melting Pot“ miteinander telefoniert.

Ich habe mit   Komponist Bernhard Gander direkt gesprochen.

Was ist sein „Melting Pot “ für ein Stück?

Es ist für Sinfonieorchester und sehr verschiedene Solisten:   Zwei Rapper, ein DJ, zwei Slam-Poetry-Künstler, zwei Beatboxer und Breakdancer. Wie der Titel schon sagt, geht es um die Vermischung verschiedener Welten.

Und um was für eine Geschichte geht es?

Die Erzählung hängt sehr von den jeweiligen Solisten ab. Die beiden Kölner Rapper Retrogott und MC Rene haben mir schon Ausschnitte geschickt. Sie gehen auch darauf ein, dass sie mit dem Orchester auftreten. In ihrem Part geht es um Drogen, Grenzerfahrungen, Statusdenken. Und es geht auch viel um Daten, KI und Konzerne. Auch soziale Gerechtigkeit spielt eine große Rolle.

Gander gilt als Rebell, der keine Grenzen zwischen U- und E-Musik zieht. Wie gefällt Ihnen das?

Das Tolle bei dem Stück ist, dass Gander den Künstlern eben Freiraum lässt. Bei Crossover-Projekten ist es manchmal so, dass klassische Komponisten vorgeben, wie was zu empfinden ist. Dabei geht es bei den Solisten doch um eine ganz andere Musikwelt. Bei „Melting Pot“ gibt es einen großen Zusammenhang. Die Musik hängt über Beats und Rhythmik des Orchesters zusammen. Inhaltlich herrscht totale Freiheit.

Ist Gander ein Brückenbauer zum Publikum von Morgen?

Total. Als ich das Stück beim Transart Festival in Bozen dirigiert habe, hatte ich noch ein zweites, reines Orchesterstück von ihm dabei. Nachher kamen die Poetry-Slammer zu mir und sagten, das sei wirklich megacoole Musik, mit der sie sich beschäftigen wollten. Es ist diese kernige Rhythmik, die Grooves, die sich verschieben. Das ist sehr komplex und nicht einfach fürs Orchester. Aber es geht sofort durch den Körper, ist keine Kopfmusik.

Sie selbst gingen als Jugendlicher einen ungewöhnlichen Weg, wechselten von der Geige zum Kontrabass. Was war der Auslöser?

Na ja, ich habe mit der Geige angefangen, und irgendwie habe ich gemerkt, dass diese hohen, feinen Töne nicht so meins waren. Als ich dann zum Kontrabass wechselte, ging es richtig los: Jugendorchester, Jazzband, Barockbegleitung. Als junger Bassist wird man überall gebraucht. Das hat mich dann musikalisch breit aufgestellt. Das gab mir eine groovige Basis, von der ich heute noch zehre.

Schon bald haben Sie das Schulorchester mit einem Konzert von Alessandro Rolla für Bassetthorn dirigiert.

Und der Solist war auch Saxophonist in meiner Jazzband. Wir haben uns das Konzert zusammen überlegt. Das war mein erster Einsatz als Dirigent, eine tolle Erfahrung.

Vor vier Jahren wurden Sie vom Magazin „Opernwelt“ als Dirigent des Jahres ausgezeichnet. Sie wurden dabei nicht als Dominator, sondern als Primus inter Pares bezeichnet. Was ist Ihrer Ansicht nach entscheidend in dem Beruf?

Je größer die Orchesterformation, desto klarer muss die Führung sein. Desto weniger Demokratie ist im Probenprozess. Mit kleineren Ensembles ist es noch eher möglich, dass von den Musikern in den Proben Ideen kommen. Aber egal, ob großes Orchester oder klein, ich finde ganz wichtig, dass sich jeder Musiker geschätzt fühlt und dass man die Ideen aus ihren Reihen aufnehmen kann. Das geht auch ohne Worte. Wichtig ist es, dabei ein gutes Klima zu schaffen, wo alle einfach ihr Bestes geben können.

In Köln findet nun ein Umbruch statt: Ewa Bogusz-Moore wird in einem Jahr Intendantin der Philharmonie, und in zwei Jahren wird Marie Jacquot Chefdirigentin des WDR-Sinfonieorchesters. Was schätzen Sie, wird in den nächsten Jahren anders laufen, wird es neue Wege geben?

Die Reise hat schon begonnen. Es muss diverser werden. Auch mit solchen Programmen wie „Melting Pot“ wollen wir andere Zielgruppen ansprechen. Man muss die klassische Musik vom Elfenbeinturm in die breite Gesellschaft bringen. Ich mache mir mehr Sorgen um die klassischen Abonnementkonzerte, mit der immer gleichen Abfolge Ouvertüre, Konzert, Sinfonie. Bei solchen Programmen brauchen wir mehr Offenheit für Neues.


Beim Konzert „Melting Pot“ von Bernhard Gander aus dem Jahr 2012 trifft das Gürzenich-Orchester auf Künstler aus der lokalen Hip-Hop-Szene: die Rapper Retrogott und MC Rene, DJ HulkHodn, Poetry-Slammer Florian Cieslik Poetry, Ruben Michalik und Wole Crüsemann (Beatbox) sowie das Kollektiv nutrospektif (Urbaner) Tanz und Latete (Visuals). Nach dem Konzert am 15. Juni, 20 Uhr im Carlswerk Victoria findet im Club Volta die Aftershow-Party statt. DJ HulkHodn legt auf.

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