Mit Tiger, Bär und Tigerente prägte Janosch Generationen von Kindern. Nun ist er im Alter von 95 Jahren gestorben.
Janosch ist gestorbenDieses unheimliche und schöne Leben

Illustrator und Geschichtenerzähler Janosch posiert am 25.09.2010 in der Ludwig Galerie Schloss Oberhausen vor seinem Bild „Der Tiger mit grüner Nase“
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Eine Tigerente ist eigentlich eine denkbar schlechte Identifikationsfigur. Ein Holzspielzeug, das nicht sprechen kann, keinen eigenen Willen und keine eigene Stimme hat und demjenigen folgen muss, der es hinter sich herzieht. Aber sie rührt einen eben doch an. Diese kleine gelbe Ente, die sich mit dem tigerähnlichen Streifenmuster nur notdürftig als viel größer und stärker ausgibt, als sie eigentlich ist. Und vielleicht ist sie genau deshalb bei Kindern – und vielen Erwachsenen – so beliebt.
Ihr Schöpfer Janosch fand es lange ärgerlich, dass sein mehr als 150 Bücher umfassendes Werk auf dieses Maskottchen, das unzählige Tassen, Teller, Fahrräder und Schnuller ziert, reduziert wird. Doch irgendwann hat er sich mit ihr ausgesöhnt: „Die Tigerente steht für das Wesen des Menschen: Der Mensch ist eine Mischung aus Tiger und Ente, manchmal überwiegt eines von beiden. Nach außen ist er ein Tiger und innen eine Ente. Manche sind eine Bestie und sehen aus wie eine Ente. Er selbst ist nicht handlungsfähig, handelt nur, wenn etwas anderes ihn bewegt.“
Es ist dieses Nebeneinander von Schönem und Traurigem, von Glück und Unheil, das sich durch das Leben des Mannes zieht, der mit bürgerlichem Namen Horst Eckert hieß, und der nun im Alter von 95 Jahren in seiner Wahlheimat Teneriffa gestorben ist.
Seine Kindheit war die Hölle
Es gibt Kinderbuchautorinnen wie Astrid Lindgren, die den Zauber und die Geborgenheit ihrer eigenen Kindheit in ihren Büchern konserviert haben. Im Fall von Janosch war es ganz anders. „Die ersten Jahre meines Lebens waren die totale Zerstörung meiner Person“, sagte er einmal der „Süddeutschen Zeitung“.
1931 wurde er in Oberschlesien, im heutigen Polen, in eine katholische Familie geboren. Seine Kindheit bezeichnete er als Hölle. Sein Vater war Alkoholiker, die strenggläubige Mutter schlug den Jungen. „Dabei sagte sie, wenn du nicht aufhörst zu heulen, schlag ich dich tot“, erzählte er in Interviews. Und die katholischen Priester pflanzten ihm „eine Schuld, die man nie loswird“ ein.
In der Zeit des Nationalsozialismus versuchte sein Vater, seine polnische Herkunft zu verschleiern und sich bei den Nazis einzuschmeicheln. Als der Zweite Weltkrieg vorbei war, zog die Familie in die Region um Oldenburg. Janosch war damals 15 Jahre, sein Bruder Christian vier Jahre alt. Der Teenager besuchte später in Krefeld die Textilfachschule und verdiente Geld mit Stoffentwürfen.
Doch Janosch wollte Maler werden. In den 1950er Jahren besuchte er für kurze Zeit die Akademie der Schönen Künste in München, ohne die Ausbildung beenden zu dürfen. „Ich konnte einfach nicht zeichnen.“ Von der Ablehnung ließ er sich jedoch nicht entmutigen. Wenn man Sachen mache, die man nicht könne, komme häufig etwas Interessantes dabei heraus, sagte er dem „Spiegel“ einmal.

Der Zeichner und Erzähler Janosch sitzt in einem nachgebildeten Kinderzimmer in Aachen.
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Schließlich wurde der Verleger Georg Lentz auf ihn aufmerksam, dem Janosch auch sein Pseudonym verdankt. 1960 erschien sein erstes Kinderbuch „Die Geschichte von Valek dem Pferd“ in einer Auflage von 100 Stück. Nur 15 Bücher verkaufte der Verlag, 65 wurden verschenkt. Wie schon der Vater kämpfte auch Janosch lange mit dem Alkohol. Während das Manuskript für den autobiografischen Roman „Cholonek oder Der liebe Gott aus Lehm“ entstand, leerte er nach eigenen Angaben angeblich 41 Flaschen Gin.
„Bücher sollten ein kaputtes Leben reparieren können“, hat Janosch viele Jahre später einmal der „Frankfurter Rundschau“ gesagt. Das klingt pathetisch. In seinem Fall war es sicher wahr.
1978 erschien das Buch, das seinen Ruhm als Kinderbuchillustrator und -autor begründen sollte: „Oh, wie schön ist Panama“. Der Kleine Bär und der Kleine Tiger leben darin glücklich in einem Haus an einem Fluss. Eines Tages fischt der Kleine Bär eine Kiste mit der Aufschrift „Panama“ aus dem Wasser. Und weil die so herrlich nach Bananen duftet, beschließt er, Panama sei das Land seiner Träume. Gemeinsam mit der Tigerente, die hier erstmals in Janoschs Welt auftaucht, machen sie sich auf den Weg. Am Ende ihrer Reise kommen sie wieder genau da an, wo sie losgegangen sind. Doch weil ihr Haus ein wenig zugewuchert ist, erkennen sie es nicht. Sie sind sich sicher, in Panama angekommen zu sein.
„Jeder lebte schon immer im Paradies, hat es nur nicht gewusst“, kommentierte Janosch die Geschichte. Sie zeigt, dass der Blick auf das, was wir haben, entscheidet, ob wir glücklich sind. Und da ist er dann doch bei Astrid Lindgrens berühmtester Heldin Pippi Langstrumpf: Seine Figuren machen sich die Welt, wie sie ihnen gefällt. Bär und Tiger erkennen nicht, dass sie wieder zu Hause sind. Sie können deshalb auch keine Lehren daraus ziehen. Und das ist auch völlig egal. Sie sind glücklich.
Mit der Wahrheit nahm er es nie so genau
Mit der Realität und der Wahrheit nahm es Janosch vermutlich auch wegen seiner traumatischen Kindheitserlebnisse nie so ganz genau. „Ohne Lügen kommen Sie nicht durch! Das ist ein Spezialgebiet: wie man lügt, was man lügt. Man kann ja auch so lügen, dass der andere die Wahrheit erfährt“, sagte er dem „Spiegel“. Viel besser kann man die Macht der Literatur vielleicht nicht zusammenfassen.
Aufgrund der Niedlichkeit der alles überschattenden Tigerente wird manchmal übersehen, dass die Geschichten bei Janosch längst nicht alle rosarot sind. „O Bär“, sagte der Tiger in „Post für den Tiger“ zu seinem Freund, „ist das Leben nicht unheimlich schön, sag!“ „Ja“, sagte der kleine Bär, „ganz unheimlich und schön.“ Es ist eben beides, dieses Leben. Unheimlich und schön.
Im selben Buch fängt der Bär zwei Fische: „Einen zur Speisung und einen, damit er ihm das Leben schenken konnte. Damit er sich darüber freut; denn Freude ist für jeden schön.“ Das stimmt. Aber was mit dem anderen Fisch passiert, versteht eben auch jedes Kind und jeder Erwachsene sofort.
Auch wenn er die Augen nicht vor den Abgründen des Lebens verschließt, durchziehen seine Werke eine heitere Gelassenheit und ein immer wieder aufblitzender Sinn für Humor und ein Hang zur Anarchie. Wie soll man das Leben auch sonst ertragen? „Bei Janosch werden die zu Helden, die sonst niemand beachtet“, schrieb „Zeit“-Redakteur Tillmann Prüfer im Nachwort zum Buch „Herr Wondrak rettet die Welt, juchhe!“. Es vereint Janoschs Kolumnen im „Zeit“-Magazin, in denen sein Alter Ego Wondrak seit 2013 das Zeitgeschehen kommentierte.
1980 brach der Schriftsteller zusammen und flüchtete nach Teneriffa. Zuletzt führte er dort ein abgeschiedenes Leben mit seiner Frau Ines. Janosch gründete 2021 aus dem Vermögen die Stiftung Canarina, welche die Natur und Tiere auf den Kanarischen Inseln schützen soll. Ihre Finca gaben die Eheleute auf, dort sitzt nun die Stiftung mit vielen Mitarbeitern und auch einer Künstlerherberge. Künstler von den Kanarischen Inseln finden dort Unterkunft und können kreativ werden - wie es viele Jahrzehnte Janosch selbst war.
In seinen letzten Lebensjahren zog er sich immer weiter zurück, sagte fast alle Interviewanfragen ab. Er wollte seine Ruhe haben. Als seine Lieblingsjahreszeit bezeichnete er einmal „die Zeit der Ewigkeit nach dem Leben. Immer Sonne und kein Gott in der Nähe“. Nun kann er sich auf ewig an diesem Zustand erfreuen.
