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Klosterfrau MelissengeistAm Kölner Wesen soll der Mensch genesen

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Ein Wohnmobil fährt auf einer Straße.

Der Klosterfrau-Werbebus tourte quer durch Europa.  

Vor 200 Jahren wurde die Kölner Erfolgsmarke Klosterfrau Melissengeist erstmals zusammengerührt. Jetzt wird ihre Geschichte neu erzählt. 

Als Maria Clementine Martin im Jahr 1825 nach Köln kam, hatte sie bereits ein bewegtes Leben hinter sich. Sie wurde von napoleonischen Truppen aus ihrem Kloster geworfen, pflegte nach der Schlacht von Waterloo preußische Verwundete und musste sich in Münster einer Anzeige wegen Quacksalberei erwehren. Warum es die 50-Jährige nach Köln verschlug, bleibt ein Geheimnis. Aber sie war offenbar entschlossen, in der Stadt der Wunder ihr Glück zu machen.

Heute beschäftigt die Klosterfrau Group mehr als 1500 Mitarbeiter

Bereits im Jahr ihrer Ankunft sicherte sich die ehemalige Klosterfrau mit einem eigenen Gemisch einen Platz im umkämpften Markt von Kölnisch Wasser – einem Geist und Körper belebenden Parfum und wichtigstem Exportgut der Stadt. Geschichte schrieb sie allerdings erst im August 1826 mit einer Annonce ihres Melissengeists, den sie so geschickt als Allheilmittel gegen Alltagsbeschwerden vermarktete, dass ihre Nachfolger darauf ein kleines Wunderwasser-Imperium gründen konnten. Heute beschäftigt die Klosterfrau Healthcare Group mehr als 1500 Mitarbeiter und wirbt weiterhin damit, ihr zu 79 Prozent aus Alkohol bestehender Verkaufsschlager sei „natürlich wirksam“ bei Schlaflosigkeit, Magen-Darm- und Erkältungsbeschwerden, Nervosität, Wetterfühligkeit und Muskelverspannungen.

Diese vor 200 Jahren begonnene Kölner Erfolgsgeschichte wurde schon oft erzählt, aber noch nie so ausführlich, üppig bebildert und gründlich recherchiert wie zu ihrem aktuellen Jubiläum. Martin Oehlen und Petra Pluwatsch, beide ehemalige Redakteure dieser Zeitung, haben über Maria Clementine Martin und ihr historisches Start-up zusammengetragen, was es zu wissen gibt – und das liest sich selten fromm. Offenbar richtete Martin ihr Tun intuitiv am kölnischen Ideal einer religiös bemäntelten Geschäftstüchtigkeit aus, indem sie ihrer in Alkohol aufgelösten Kräutermischung das verkaufsfördernde Etikett des Karmeliterordens anheftete. „Vermutlich hat sie ihren Lebenslauf an dieser Stelle auf fantasievolle Weise ergänzt“, schreiben Pluwatsch und Oehlen über die ehemalige Ordensfrau der Annuntiatinnen. Dass sie sich, wie von ihr wiederholt behauptet, jemals in einem Karmeliterkonvent aufgehalten habe, sei jedenfalls weder nachzuweisen noch sehr wahrscheinlich.

Auf dem Buchcover sind eine Nonne und eine Arzneiflasche zu sehen.

Das Jubiläumsbuch aus dem Kölner Greven-Verlag

Die Lebensleistung der Klosterfrau soll das nicht schmälern – sie setzte sich in einem für eine Frau denkbar ungünstigen Geschäftsumfeld durch und erwehrte sich erfolgreich zahlreicher Nachahmer und Widersacher. Wie sich Martin zu einer Gründerin entwickelte, die sich als Marke neu erfand, können allerdings auch die Autoren nicht erklären, denn dazu ist die Quellenlage zu dünn. Immerhin weiß man, dass die 1775 geborene Tochter eines Soldaten in eher prekären Verhältnissen aufwuchs, für die Pflege preußischer Soldaten eine königliche Rente erhielt (worauf sie sich später in Bettelbriefen an den König gerne berief) und sich bereits 1821 in Münster als freischaffende Heilkundlerin selbstständig gemacht hatte. Ob die Anzeige der Ärzteschaft wegen Quacksalberei sachlich begründet war oder auf Ressentiment und Konkurrenzdenken beruhte, lässt sich mangels kundiger Akten nicht mehr klären.

Die Autoren betten diesen Lebenslauf in eine Gesellschafts- und Kulturgeschichte des 19. Jahrhunderts ein, etwa mit Seitenblicken auf Frauen in der Medizin, die Arbeitswelt des Biedermeier oder ein Porträt des „verrückten Nests“ (so die Schriftstellerin Rahel Varnhagen 1819 über Köln), in dem die Klosterfrau heimisch und erfolgreich wurde. Manches davon bleibt kursorisch, aber dafür können Oehlen und Pluwatsch beim hochmögenden Spott über das frivole Köln aus dem Vollen schöpfen. Zugleich ermöglichte dieser städtische Charakter offenbar auch ungewöhnliche und international nachgefragte Geschäftsideen.

Über die Firma Klosterfrau in der NS-Zeit war bisher wenig bekannt

Wer etwa im Konkurrenzkampf der wässrigen Allheilmittel bestehen wollte, musste erfinderisch sein und sein Revier mit harten Bandagen verteidigen – ein Talent, das Martin offenbar auch ihrem Mitarbeiter Peter Schaeben zutraute. Als sie 1843 in Köln starb, vermachte sie ihm Marke und Rezeptur des Melissengeists, was eine in der Erbfolge übergangene Mitarbeiterin dazu ermunterte, ein eigenes Wässerchen zu brauen und einen Annoncenkrieg über das wahre Erbe der Klosterfrau zu beginnen. Die angebliche klösterliche Herkunft blieb weiterhin der Kern der Marke, auch wenn das berühmte Logo mit den drei Nonnen im gotischen Spitzbogen erst Anfang der 1920er Jahre entworfen wurde.

Unter Schaeben kam der Melissengeist zu internationalen Ehren. Bei der Londoner Weltausstellung von 1851 trug die Klosterfrau die Preismedaille mit dem Porträt des englischen Königspaars davon – eine Auszeichnung von nicht geringem Werbewert, die nach 1945 angeblich noch die britischen Besatzer davon überzeugte, das Kölner Unternehmen mit dem knapp gewordenen Alkohol zu beliefern. In der Zwischenzeit hatte das Familienunternehmen allerdings einen neuen Eigentümer bekommen; während der Weltwirtschaftskrise drängte Wilhelm Doerenkamp, ein vermögender Automobilmanager, die Schaebens aus dem Geschäft.

Über die Firmengeschichte während der NS-Zeit war bislang wenig bekannt. Hier können die Autoren einige Lücken füllen. So trat Doerenkamp pünktlich nach der „Machtergreifung“ in die NSDAP ein und erwarb später eine „arisierte“ Villa in Marienburg – offenbar zu halbwegs marktüblichen Konditionen, aber die außer Landes vertriebenen Vorbesitzer sahen davon keine müde Mark. Während des Kriegs setzte Klosterfrau Strafgefangene aus dem Klingelpütz in der Produktion ein, von Zwangsarbeitern aus KZs ist hingegen nichts bekannt. Nach Kriegsende wurde Doerenkamp problemlos entnazifiziert. Er gab an, aus reinem Geschäftsinteresse und keinesfalls aus politischer Überzeugung Parteimitglied geworden zu sein, und konnte zudem glaubhaft belegen, dass er mehrere Halbjuden beschäftigte.

Im Wirtschaftswunder stieg die Klosterfrau zur nationalen Marke auf – mit Leuchtreklamen an Kölner Wahrzeichen und dem eingängigen Werbespruch „Nie war er so wertvoll wie heute“. Für die Erzeuger des Melissengeists traf das sicherlich zu, bei den Konsumenten ging die natürliche Wirkung möglicherweise vor allem auf den Alkoholgehalt zurück. Am Ende machte es wohl keinen Unterschied: In einer versehrten Gesellschaft kann auch ein Betäubungsmittel ein Heilwasser sein.


Martin Oehlen, Petra Pluwatsch: „Klosterfrau – Eine Nonne erobert die Welt“, Greven Verlag, 200 Seiten, 153 Abb., 40 Euro. Buchvorstellung mit den Autoren und Gästen am 27. Mai, 18 Uhr, im Greven Verlag, Neue Weyerstraße 1–3, Köln. Eintritt frei. Anmeldung bis zum 25. Mai 2026 per E-Mail an info@greven-verlag.de