Christopher Nolans „Die Odyssee“ ist der Film des Jahres. Anja Bettenworth, Professorin für Klassische Philologie, hat ihren eigenen Blick auf die Homer-Adaption. Mit Spoilern!
Kölner Antiken-Expertin zur „Odyssee“„Das Raffinierte, Erotische, Lustige ist nicht Nolans Sache“

Die Trojaner ziehen das verräterische Pferd an Land. Filmszene aus „Die Odyssee“
Copyright: Universal Studios
Anja Bettenworth ist Professorin für Klassische Philologie an der Universität zu Köln. Zu ihren Forschungsgebieten gehören unter anderem das antike Epos und die Rezeption der Antike im Kinofilm. Wir haben uns mit ihr über Christopher Nolans Adaption von Homers „Die Odyssee“ unterhalten. Der Film hat sich als Phänomen sowohl unter Kritikern als auch an der Kinokasse entpuppt.
Frau Bettenworth, geht man als Professorin für Klassische Philologie und Expertin für antike Epen eigentlich mit einer gewissen Nervosität in eine „Odyssee“-Verfilmung?
Nein, ich erwarte von einem Drei-Stunden-Film nicht, dass er all das abbilden kann, was so ein komplexes Werk wie „Die Odyssee“ enthält. Im Gegenteil, ich fände es langweilig, wenn das ein reiner Lehrfilm wäre, der brav alle Szenen abarbeitet. Interessanter ist, ob der Film in sich kohärent ist und ob der eine Aussage hat, die uns in ein paar Jahrzehnten erlaubt zu sagen: Das ist ein Film aus dieser Epoche, diese Dinge waren den Menschen damals wichtig. Deswegen hat mir der Film gut gefallen, obwohl er natürlich ganz anders ist als die „Odyssee“.
Bleiben wir positiv: Gab es Szenen, von denen Sie sagen würden, die sind Christopher Nolan besonders gut gelungen?
Da gab es mehrere: etwa die Darstellung der Totenszene, bei der die Toten aus diesem Vulkanfeld herauskommen. So hatte ich mir die Unterwelt nie vorgestellt. Aber das fand ich gut gelöst, weil Nolan weniger auf Spezialeffekte gesetzt hat und mehr auf die persönliche Begegnung und die isländische Natur. Die Darstellung von Circe hat mich zuerst ein bisschen überrascht, ich hatte sie mir immer etwas jünger vorgestellt. Aber so tritt sie dem Odysseus als reife Persönlichkeit gegenüber. Und wenn sie dann über seine Gefährten, die sie in Schweine verwandelt hat, sagt: Ich habe nur ihre eigentliche Gestalt gegeben, ist das ein Gedanke, den es in der Antike schon in ähnlicher Form gegeben hat.
Homers Odysseus versucht sogar, seine Schutzgottheit Athene anzulügen.
Wo findet man diesen Gedanken denn?
Am Anfang von Sallusts „Catilina“ findet sich der Gedanke, dass Tiere ans Irdische gebunden sind und vor allem ans Fressen denken, während Menschen sich durch ihre geistigen Kräfte über diese Grundbedürfnisse erheben können. Wer das Körperliche über das Geistige stellt, gleicht demnach eher einem Tier. Es gibt aber auch ein Plutarch zugeschriebenes Werk namens „Gryllos“, der Grunzer. Darin soll ein von Kirke zum Schwein verzauberter Gefährte des Odysseus wieder in einen Menschen zurückverwandelt werden – will das aber gar nicht. Es entspinnt sich eine Debatte darüber, ob Menschen oder Tiere das bessere Leben führen und wer moralisch höherstehend ist. Da wird die Circe-Geschichte zu einem Katalysator für die Frage nach der Natur des Menschen. Bei Nolan ist die Stoßrichtung eine etwas andere, aber die Idee, dass diese Schweineszene etwas über das Wesen des Menschen aussagen könnte, die gibt es bereits in der Antike. Ansonsten fand ich, dass der Film von seiner ganzen Attitüde her sehr modern daherkommt, sehr amerikanisch: Odysseus als dieser von Schuld zerfressene Kriegsveteran, das ist etwas, das man in der „Odyssee“ gar nicht findet.
Wie würden Sie denn Homers Odysseus beschreiben?
Er schwindelt, wo er nur kann, und kommt dabei trotzdem sehr charmant rüber, jedenfalls größtenteils. Er versucht sogar, seine Schutzgottheit Athene anzulügen. Die lächelt nur und streichelt ihn und sagt: Odysseus, selbst ein Gott hätte Mühe, Dich an Listigkeit zu übertreffen. Das hat mir im Film gefehlt, das passt natürlich nicht zum Schuldkomplex. Aber natürlich ist die Figur im Film für ein amerikanisches Publikum sehr aktuell.
Nolans Odysseus erinnert eher an J. Robert Oppenheimer aus seinem vorangegangenen Film. Ein vernunftbegabter, strategisch denkender Mensch, der versucht, immer die jeweils richtige Entscheidung zu treffen, aber damit gerade die Schuld auf sich lädt. Dabei geht der Humor der Vorlage freilich flöten.
Ja, und das erklärt auch, warum in dem Film die Götterebene komplett herausgefallen ist. Gut, Athene ist da, aber die wird hinterher als diese Priesterin entlarvt, die in Troja abgeschlachtet wird. Das verändert nicht nur Odysseus’ Persönlichkeit, sondern die ganze Handlungsstruktur. In der originalen „Odyssee“ ist kein Platz für Schuld, weil die Götter alles eingefädelt haben. Der Fokus liegt dort eher auf der Frage: Wie kann ich nach einer so langen Abwesenheit ein vertrauensvolles Zusammenfinden mit meinen Verwandten und Freunden ermöglichen? Die Frage stellt sich auch für Penelope und die Wiedererkennungsszene zwischen Odysseus und Penelope ist eine der stärksten Szenen in der „Odyssee“.

Anja Bettenworth, Professorin für Klassische Philologie an der Universität zu Köln
Copyright: Anja Bettenworth
In der stellt Penelope ihren heimgekehrten Gatten auf die Probe, indem sie vorgibt, das Ehebett, das er aus einem unverrückbaren Olivenbaum gebaut hat, könne verstellt werden.
Und erst, wenn er der Penelope auf den Leim gegangen ist, merkt man, wie gut die beiden zusammenpassen. Die sind beide so trickreich. Jetzt haben wir im Film nur diese Statuette der Athene, mit der sich Odysseus identifiziert.
Die mich an den Kreisel erinnert hat, mit dem sich Leonardo DiCaprios Figur in „Inception“ an der Realität festhält.
Das muss man natürlich berücksichtigen, dass der Film auf andere Filme anspielt, nicht nur auf Nolans eigene. Viele haben auch gesagt: Die Rüstung von Agamemnon, die sieht so aus wie der Anzug von Batman.
Oder der von Darth Vader. Der Moment, in dem sich die Tore von Troja öffnen und Agamemnon in seiner schwarzen Rüstung erscheint, zitiert den Anfang von „Star Wars“, als Vader das Raumschiff von Prinzessin Leia kapert.
Die antike Literatur lebt auch nicht davon, dass sie Sachen neu erfindet, sondern greift auf frühere Werke zurück. Bei Homer selbst ist das für uns schwierig zu beurteilen, weil er für uns ganz am Anfang der überlieferten Literatur steht, aber bei späteren Werken besteht der Spaß oft darin, dass man die Anspielungen beim Lesen erkennt, dass man dadurch viele Schichten wahrnimmt, dass es beim Wiederlesen immer interessanter wird, je mehr man weiß. Das Gleiche gilt für die Anspielungen im Film. Und es ist auch völlig legitim, die Vorlage abzuwandeln.
Dass Lupita Nyong'o die Helena mit einer Narbe spielen muss, hat bei mir ein ungutes Gefühl hinterlassen.
Trotzdem muss Nolans Interpretation nicht die Ihre sein. An welchen Filmszenen haben Sie sich am meisten gerieben?
Ein Störgefühl hatte ich vor allem dadurch, dass den Interaktionen zwischen den Personen die Vielschichtigkeit und Leichtigkeit fehlte. Das Schuldthema hat alles überlagert. Ich hätte es besser gefunden, wenn Athene nicht nur eine Projektion aus der Vergangenheit gewesen wäre, sondern ein Gegenüber, mit dem man sich gegenseitig necken und reizen und ein bisschen austricksen kann. Ich fand es auch sehr merkwürdig, dass der Zyklop hier einfach so geblendet wird.
Nolan lässt das berühmte Wortspiel weg.
Wo Odysseus zum Zyklopen sagt: „Mein Name ist Niemand.“ Und der, als seine Nachbarn ihn fragen: „Wer hat dich geblendet?“, sagt: „Niemand hat mich geblendet.“ Ja, das wäre nett gewesen. Mir hat aber vor allen Dingen der Wein gefehlt, mit dem Odysseus den Zyklopen betrunken macht, bevor er geblendet wird. Nur ein kleines Detail, aber es zeigt die Listigkeit des Odysseus. Das Raffinierte, Erotische, Lustige ist nicht Nolans Sache. Das ist ein bisschen schade, weil die historische Odyssee davon lebt, dass sie all diese Vielschichtigkeiten vereint. Schon in der Antike gab es den Gedanken, dass in der „Ilias“ und in der „Odyssee“ bereits alle Gattungen der Literatur angelegt sind. Aufgefallen ist mir auch die Szene mit Helena und Menelaos, in der Helena plötzlich eine riesige Narbe im Gesicht hat. Das finden sie nicht in der „Odyssee“.
Menelaos hat sie wie ein Stück Vieh gebrandmarkt.
Das verändert die Rolle der Helena total. Ich finde das auch deswegen so schwierig, weil in den USA eine Riesendebatte darüber entbrannt ist, dass Helena von einer schwarzen Schauspielerin gespielt wird. Der Hauptpunkt bei Helena ist ja, dass sie so schön ist. Lupita Nyong'o kennen wir unter anderem aus „12 Years a Slave“. Dass sie jetzt mit dieser Narbe spielen muss, hat bei mir ein ungutes Gefühl hinterlassen. In der „Odyssee“ ist Helena eine wichtige Persönlichkeit, Nolan hat ihre Rolle verringert. Dagegen ist diese ganze Debatte um die Hautfarbe, die unter anderem von Elon Musk verstärkt wurde, albern. Der antike Mythos ist hier ziemlich flexibel. Helena muss eine eindrucksvolle Persönlichkeit sein, kein Mauerblümchen. Aber ob sie schwarz oder weiß ist, ist für die Handlung völlig egal. Es gibt im Mythos sogar Personen, die bei manchen Autoren schwarz und bei anderen weiß sind, Andromeda zum Beispiel.
Im Film ist immer wieder vom „Gesetz des Zeus“ die Rede. Gemeint ist „Xenia“, das altgriechische Konzept der Gastfreundschaft, und erzählt wird, dass Odysseus dieses Gastrecht mit seiner Kriegslist vom Trojanischen Pferd verletzt habe …
Die Idee ist, dass man einen Fremden immer bei sich aufnehmen muss, denn der steht unter dem Schutz des Zeus. Dabei schwebt der Hintergedanke mit, dass sich hinter dem Fremden ein Gott verbergen könnte. Das sehen Sie in der Szene, in der Odysseus als Bettler nach Hause kommt, und ihn die Freier und auch Teile seiner Dienerschaft schlecht behandeln. Man erkennt, wer die Guten sind und wer die Schlechten. Aber wenn feindliche Soldaten eine Stadt einnehmen, kommen sie ja nicht als schutzbedürftige Fremde. Das gehört also gar nicht zusammen, die Griechen vor Troja sind ja nicht als Gäste da.
Da fällt mir noch mal „Oppenheimer“ ein: Der Vater der Atombombe wird im Film der amerikanische Prometheus genannt. Es ist ein anderes göttliches Recht, das hier verletzt wird. Das Trojanische Pferd entspricht der Atombombe.
Das erklärt natürlich, dass sie im Film immer wieder vom Zusammenbruch der Zivilisation und von diesen Seevölkern sprechen. Die spielen in der „Odyssee“ keine Rolle. Man merkt schon, dass da ein bestimmter Regisseur zu einer bestimmten Zeit diesen Film macht. Aber wie gesagt, ich finde das gut. Dadurch wird der Stoff lebendig. In der Antike ist der Troja-Stoff auch immer wieder neu verarbeitet worden, etwa von den klassischen Tragödiendichtern. Und die Odysseus-Gestalt selbst wurde ganz unterschiedlich gedeutet. Bei Platon kommt er eher negativ als Lügner weg. Seneca sieht ihn – von den Stoikern beeinflusst – dagegen positiv, als jemand, der in der Lage ist, viel zu ertragen und trotzdem zum Ziel zu kommen. Schade wäre es nur, wenn wir antike Werke als Monumente einfrieren und nicht mehr mit ihnen interagieren würden.
