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Kölner Staatenhaus Tcherniakovs Inszenierung von „Il trovatore“ überzeugt

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Giovanni Furlanetto und Scott Hendricks

  • Dmitri Tcherniakovs intensive Inszenierung von Verdis „Il trovatore“ läuft derzeit im Kölner Staatenhaus
  • Unser Autor war bei der Premiere am Sonntag dabei

Köln – Und wenn sie nicht gestorben wären, dann lebten sie noch heute – und machten eine Therapie“ könnte man mit der leicht veränderten Schlussphrase aus Grimms Märchen die Inszenierung von Giuseppe Verdis „Il trovatore“ durch den russischen Regisseur Dmitri Tcherniakov überschreiben, die am Sonntag im Kölner Staatenhaus Premiere feierte.

Tatsächlich leben sie alle noch, Leonora, Manrico, Luna, Azucena und Ferrando. Doch die Figuren aus dem ebenso düsteren wie verwickelten Drama sind nicht wirklich im Alltag angekommen, sondern tragen schwer an den seelischen Wunden der Vergangenheit. Es geht um Lüge, Liebe und Eifersucht, um Entführung, Kinds- und Brudermord und um Rache. All das will aufgearbeitet werden.

Vom 15. Jahrhundert in die Gegenwart geholt

Dazu holt Tcherniakov die Protagonisten des Dramas aus dem Bürgerkrieg, der im frühen 15. Jahrhundert im Norden Spaniens wütete, heraus und versammelt sie in der Gegenwart. In dem schönen Interieur eines stilvollen Gründerzeithauses mit roten Wänden und einem roten Ledersofa kommen sie zusammen, beschnuppern sich nach so langer Zeit kühl distanziert, um dann in langen Gesprächen immer mehr und emotionaler Vergangenheit noch einmal zu durchleiden.

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Marina Prudenskaya und Giovanni Furlanetto

Gastgeberin ist Azucena, die Zigeunerin aus Verdis Drama. Wenn sie die Tür schließt und den Schlüssel herumdreht, beginnt die Musik. Das gibt diesem seltsamen Familientreffen etwas Unentrinnbares. Einst hatte Azucena sich für den grausamen Scheiterhaufentod ihrer Mutter rächen wollen, indem sie einen der beiden Söhne des verantwortlichen Grafen von Aragón raubte, um das Kind ebenfalls im Feuer sterben zu lassen. Versehentlich jedoch warf sie ihren eigenen Sohn in die Flammen und zog daraufhin an seiner statt den überlebenden Adelsspross Garcia unter dem Namen Manrico auf.

Aufschub für die Liebenden

Das wird in Verdis „Il trovatore“ nicht auf der Bühne gezeigt, sondern nur erzählt, eine dramaturgische Strategie, die Tcherniakov nun radikal weiterdenkt, indem er die historische Ebene komplett verlässt und sie ausschließlich durch die Erinnerungen der fünf Protagonisten vergegenwärtigt. Aus großer Oper wird so ein dichtes Kammerspiel. Neben Azucenas Schicksal wird vor allem auch die Figur des Luna ins Licht gerückt. Ein Mann mit hohem Aggressionspotenzial, der die junge Leonora liebt, die jedoch ihrerseits ihr Herz dem Troubadour Manrico geschenkt hat. Wobei die Rivalen nicht wissen, dass sie Brüder sind. Bei Verdi endet der Konflikt für die Liebenden tödlich, Tcherniakov gewährt ihnen zwar Aufschub, doch die Situation eskaliert im Hause Azucenas immer mehr. Mit Wein und Bier als emotionalen Brandbeschleunigern. Immer weniger erträgt Luna die Erzählungen und Bekenntnisse der anderen, bis er schließlich zur Pistole greift und zum Geiselnehmer wird. Wie er mit der Waffe im Anschlag nervös herumrennt, sich immer wieder neben seine Geiseln aufbaut oder kaltblütig Ferrando erschießt, wirkt beklemmend wie ein moderner Psychothriller.

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Arnold Rutkowski, Giovanni Furlanetto, Aurelia Florian, Marina Prudenskaya und Scott Hendricks

Großartige Sänger mit viel Präsenz

Dass Tcherniakovs Experiment je länger der Abend wird, umso besser funktioniert, liegt auch an den großartigen Sängerdarstellern, deren virtuoses Kammerspiel für die Kölner Übernahme Joël Lauwers koordiniert. Der Bariton Scott Hendricks, der die Partie schon 2012 in der Brüsseler Premiere der Produktion sang, steigert sich regelrecht hinein in die Figur, verleiht ihr stimmlich-musikalisch wie darstellerisch eine beängstigende Präsenz. Aurelia Florias Sopran glüht als Leonora regelrecht, sie zeigt auf der Bühnen Verletzlichkeit und zugleich Entschlossenheit bis in den Tod. Marina Prudenskaya ist eine ideale Azucena, die ihre Rachegefühle nie zu dick aufträgt, sondern ihre Mezzo-Stimme immer unglaublich differenziert zu führen weiß.

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Bassist Giovanni Furlamento fügt sich da bestens ein. Pech hatte nur der Tenor Arnold Rutkowski, den eine Erkrankung zwang, das Singen am Premierenabend nach der Pause einzustellen. Während er auf der Bühne nur mehr die Lippen bewegte, lieh ihm vom Bühnenrand als Gast aus Bonn George Oniani seine kraftvolle, souverän eingesetzte Tenorstimme. Ebenfalls am Rand platziert waren der von der Bühne verbannte Chor (Einstudierung Rustan Samedov) und das Orchester. Trotz dieser akustisch nicht idealen Position gelang es Dirigent Will Humburg, das Feuer der Partitur zum Lodern zu bringen. Zügige Tempi und eine präzise Phrasierung sorgten für eine geschliffene Interpretation der Partitur und für eine emotionale Tiefe, die bis ins Mark berührt. Großer Applaus am Ende für alle Beteiligten.
Weitere Termine: 4., 7., 12., 14., 18.,  21., 25. und 29. März. Karten hier erhältlich.