Am 2. September startet das Schauspiel Köln in die neue Spielzeit. Intendant Stefan Bachmann erzählt im Gespräch mit Axel Hill die Pläne für die kommenden Monate.
Wie war die vergangene Spielzeit für Sie?
Künstlerisch war es eine tolle Spielzeit! Es wurde in der zweiten Hälfte aufgrund der steigenden Inzidenzen zunehmend schwierig, den Spielbetrieb aufrecht zu erhalten. Das steckt uns in den Knochen, weil wir so tapfer dafür gekämpft haben, dass . der Lappen hochgeht – egal was passiert.
Es gab viele Vorstellungen, bei denen wir die Rollen von positiv getesteten Schauspielern mit Kollegen umbesetzt haben. Teilweise hatten wir Produktionen, in denen wir auch die Umbesetzung noch mal umbesetzt haben. Irgendwann mussten wir aber vor dieser Coronawand kapitulieren. Am Ende waren es wenige Tage während weniger Wochen, an denen wir nicht spielen konnten, aber es war schmerzhaft die Zuschauer enttäuschen zu müssen.
Kann man Vorkehrungen treffen für einen Plan B?
Es würde unseren künstlerischen Ansprüchen widersprechen, wenn wir von Anfang an mit einer Doppelbesetzung arbeiten würden. Bei uns entstehen Inszenierungen sehr stark aus der Persönlichkeit der Schauspieler heraus. Und wir hätten gar nicht die Ressourcen: Dann müsste das Ensemble doppelt so groß sein – mindestens.
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Wohin geht die Reise in der kommenden Spielzeit?
Am Anfang zeigen wir mit „König Lear“, inszeniert von Rafael Sanchez, und „Der eingebildete Kranke“ in meiner Regie zwei Geschichten von alten Herrschaftsmodellen, die leider immer noch nicht aussterben, sondern, wie wir gerade sehen, immer wieder erstarken. Daneben haben wir aber auch auffallend viele junge Regisseurinnen: Saar Magal, Saliha Shagasi, Pınar Karabulut, Mina Salehpour, Lucia Bihler und Marie Schleef, die die Spielzeit mit „Once I lived with a stranger“ eröffnen wird. Ein schönes Zeichen dafür ist, dass sich etwas verändert im Theaterbetrieb.
Wir leben in einer Zeit des Umbruchs, der Unsicherheit. Finden die Zuschauer im Schauspiel Antworten?
Theater reagiert immer auf die Zeit, wenn auch nicht immer unmittelbar. Theater ist eine Kompostieranstalt, wo sich Gefühle, Gedanken, Befürchtungen, Ängste vertiefen und auf anderen Ebenen noch einmal reflektiert und dargestellt werden. Wir haben aber ganz bewusst kein Stück zur Pandemie gesucht, weil wir dachten, das fault uns irgendwie weg.
Auch nicht das Stück zum Krieg in der Ukraine?
Wir haben ja im letzten Herbst „Reich des Todes“ von Rainald Goetz gezeigt, das den Krieg im Irak behandelt. Als wir mit der Inszenierung die AutorInnen-Tage am Deutschen Theater in Berlin eröffnet haben, war der Ukraine-Krieg im vollen Gange, und die Menschen sahen das komplett in dem Stück gespiegelt.
In dieser Spielzeit stehen „Die Troerinnen“ auf dem Spielplan, ein vor dem Hintergrund der Ukraine sicherlich hochaktuelles Stück und „Die Revolution lässt ihre Kinder verhungern“ setzt sich mit der Geschichte der Ukraine auseinander.
Seit der Pandemie gibt es die Zögerlichkeit der Menschen, wieder in die Kulturbetriebe zurückzukommen. Wäre es da nicht an der Zeit, andere Schichten ins Visier zu nehmen? Was in Ihrer Intendanz bislang auch gefehlt hat, ist das weihnachtliche Stück für die ganze Familie.
Das stimmt. Ich finde das eigentlich eine schöne Sache. Den Gedanken hatte ich bereits, als ich die Intendanz vorbereitet habe, aber da wusste ich nicht, ob das Depot überhaupt für Familien zumutbar ist. (lacht) Wir wollten auch anderen Theatern in der Stadt, wie etwa der Comedia, nicht das Wasser abgraben. Aber es ist nach wie vor eine berechtigte Frage, ich finde kein Argument, das unmittelbar dagegenspräche.
Und die Menschen, die einfach nur schlicht unterhalten werden möchten?
Ich finde nicht, dass wir zu schnell einknicken sollten, weil die Besucher zurzeit vielleicht noch etwas zögerlich sind. Das Schauspiel ist, wenn man sich die Zahlen anguckt, ganz gut durch die Pandemie gekommen. Es ist großartig wie treu unser Publikum ist.
Die Zukunft von Richard Siegal und seinem Ballet of Difference
Im Bühnenausschuss am 30. 8. soll eine Vorlage behandelt werden, die über die Zukunft des Ballet of Difference (BoD) entscheidet. „Dass das BoD hier ist, ist eine Initiative des Schauspiel Köln und der Tanzkuratorin Hanna Koller“, sagt Stefan Bachmann. „Es begann 2018 mit einem Crossoverprojekt von Richard Siegal mit Tänzern und Schauspielern. Ab 2019 konnten wir mit Hilfe des Landes NRW die Kompanie ans Schauspiel angliedern.“ Die Finanzierung des Landes läuft bis Ende 2023 – also nur für die erste Hälfte der Spielzeit 2023/24. Die Finanzierung bis Sommer 2024 übernehmen die Bühnen, die benötigten 722 400 Euro sollen durch Rücklagen gesichert werden.
„Für die Zeit danach geht es jetzt darum, einen Beschluss vom Rat für eine eigenständige Tanzsparte der Bühnen zu bekommen, die gleichberechtigt neben Oper und Schauspiel angesiedelt wäre“, so Bachmann. Es sei offen, wer diese Sparte führen werde, die Leitung müsse in einem transparenten Verfahren gesucht werden. Der Erfolg von Siegal und BoD hätten auf jeden Fall gezeigt, dass der Bedarf an Tanz über das tolle Gastspielprogramm hinausgehe, und mit dem Depot gebe es den passenden Raum. „Das ist wie eine reife Frucht, die man nur noch zu ernten braucht. Es wäre eine kulturelle Bankrotterklärung, wenn man diese Möglichkeit verfaulen ließe.“ (HLL)
Zum Unterhalten: Meine Inszenierung von „Der eingebildete Kranke“ wird unterhaltsam und lustig. Das Stück wurde von Barbara Sommer und Plinio Bachmann neu übersetzt und überarbeitet, also von meinem Bruder und meiner Schwägerin, aber man wird es noch gut erkennen.
Ein Familienprojekt?
Wenn sie so wollen…Die beiden sind sehr erfolgreiche Drehbuchautoren in der Schweiz und haben ein sehr gutes Händchen für die Modernisierung alter Stoffe und Stücke. Mein Auftrag war: Bleibt ganz eng bei der Dramaturgie von Molière, aber bringt den Text in eine heutige Sprache, die neu zündet. Die Kostüme werden historisch sein – also gibt es eine Reibung.
Die Hauptfigur wird von Rosa Enskat gespielt. Was bedeutet das für das Stück?
Nix! Sie spielt einen Mann. Die Besetzung ist komplett durcheinander. Aber das verändert nicht die Figuren an sich. Ich möchte, dass alle alles spielen dürfen! Der schwule Asiate soll nur von einem schwulen Asiaten gespielt werden? Nein! Umgekehrt möchte ich auch einer schwarzen Schauspielerin nicht verbieten, Miranda im „Sturm“ zu spielen, weil der Vater möglicherweise weiß besetzt ist. Das ist doch alles Quatsch. Diversität muss selbstverständlich werden, nicht verkrampft und dogmatisch.
Nach den neuesten Zahlen wird die Bühnensanierung noch mal teurer. Gehen Sie davon aus, im Herbst 2024 am Offenbachplatz zu spielen?
(lacht) Ich finde es toll, dass Hein Mulders, der neue Opernintendant, mit Überzeugung sagt, wir ziehen da 2024 ein! Ich habe ihm schon gesagt, ich freue mich, dass du die Rolle übernimmst – ich kann es dir nicht ganz so unbeschwert gleichtun. (lacht) Aber es ist vertrauenserweckend wie transparent Herr Streitberger das Projekt leitet. Und so lange er daran glaubt, tue ich das auch.
Die Premieren im September: 9.9.: „Once I lived with a stranger“; 23.9.: „König Lear“; 29.9.: „Der eingebildete Kranke“. Mehr Informationen unter schauspiel.koeln


