Künstlerin Valie Export im Interview„Feminismus drückt ein Statement aus“

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Valie Export stellt im Museum Ludwig ihr neues Buch vor.

Valie Export stellt im Museum Ludwig ihr neues Buch vor.

Valie Export (83) hat zu ihren häufig provokanten und radikalen Installationen, Filmen und Aktionen auch Texte über die weibliche Identität geschrieben, die das Museum Ludwig nun erstmals herausgegeben hat. 

Neben Ihrer Kunst haben Sie auch geschrieben. Gedichte, Essays – nun zu lesen in „Valie Export in eigenen Worten“. Wie würden Sie Ihre Ankunft jetzt in Köln beschreiben?

Ich war sehr gespannt auf die Stadt, in der ich von 1995 bis 2005 als Professorin für Multimedia-Performance an der Kunsthochschule für Medien gelehrt habe. Die Erwartung ist ähnlich, wenn ich mit dem Taxi vom Flughafen nach New York reinfahre. Da sieht man auch immer die Silhouette so gut. In Köln habe ich gedacht, wo ist sie? Aber sie war da, zwar mit neuen Häusern, die ich nicht kannte, aber vielleicht auch vergessen habe. In der Fußgängerzone waren früher kleine Fachgeschäfte, da habe ich immer schöne Sachen gekauft. Jetzt hat es keinen Charme mehr.

Wäre Schreiben für Sie auch Option gewesen?

Gedanklich schon. Aber ich bin darauf gekommen, dass ich nicht den Anspruch erfüllen kann, den ich mir setze. So gut bin ich nicht. Nur immer Gedichte hinschreiben – diese Karrieren kennt man. Ich konnte mich da nicht wirklich künstlerisch ausdrücken, so wie durch Installationen, durch Filme.

Sie haben einmal gesagt, das Schreiben sei zu wutzelig. Was meinten Sie damit?

(Lacht) Da sitzt man und kämpft um jedes Wort, jeden Ausdruck.

Sie haben in vielen Medien gearbeitet, Fotos, Filme, Platten. Was würde Sie heute reizen: die KI?

Künstliche Intelligenz ist für mich nichts Neues, da haben wir uns schon vor Jahren mit beschäftigt. Es ist ein Thema des Aufbruchs, der Utopien. Die hatten wir ja alle in den 60er Jahren. Ihre Körperaktionen sorgten damals für Aufsehen.

Wäre das heute möglich, Passanten aufzufordern, durch einen Kasten vor dem Körper, Brüste zu betasten – wie im „Tapp und Tastkino“?

Heute können sie das nicht mehr machen. Es würde sofort die Polizei kommen und abführen. Damals hat man abgewartet, was passiert und die Aktionen akzeptiert. Heute müssen Demonstrationen angemeldet werde. In der Coronazeit habe ich beobachtet, wie ein, zwei Demonstranten aus der Gruppe rausgegangen sind. Die Polizei hat sie sofort wieder reingewunken. Man kann demonstrieren, das ist die Demokratie – aber mit Einschränkungen. Das ist total reglementiert.

Heute gibt es auch wieder Bewegungen, auf die Straße zu gehen. Was halten Sie von Klima-Aktivisten?

Dass sie für das Klima auf die Straße gehen, ist schon richtig. Aber das Ankleben irritiert mich. Sie müssten mehr zu den großen Firmen gehen. Müssten die Betriebe lahmlegen. Das ist die richtige Zielgruppe. Auf der Straße zu sein, ist zu wenig. Eine Demo zu machen, ist richtig. Aber ein Sitzstreik verpufft und macht Autofahrer nur grantig.

Ihr Buch, mit dem das Museum Ludwig eine neue Reihe startet, reicht von 1967 bis 2020. Was änderte sich für Frauen in Kunst und Gesellschaft?

Auch wenn es abgedroschen klingt, aber sie sind sichtbarer geworden. In der Kunst gibt es Kuratorinnen, Museumsdirektorinnen, Galeristinnen – die haben sich zum großen Teil auch mit Kunst von Künstlerinnen auseinandergesetzt. Mit den Surrealistinnen, die waren ja vorher scheinbar gar nicht existent. Aber auch mit Happenings und Fluxuskunst.

Vor wenigen Wochen ist deren Wegbereiterin Mary Bauermeister gestorben.

Ich habe sie sehr geschätzt. Wir haben uns bemüht, den Feminismus hervorzuheben. Auch wenn man sagt, es ist ein Ismus – Ich bin für den Begriff. Er drückt ein politisches Statement aus und ein kulturelles. Kunst ist ein Teil der Kultur- und Kunst ist Politik.

Zur Person

1940 in Linz, Österreich, geboren, gilt Valie Export als Ikone und Pionierin konzeptueller Medien-, Film- und Performancekunst. Das Museum Ludwig gibt nun ihre theoretische Essays, Vorträge, Ausstellungskonzepte, Gedichte, Notizen und Interviews heraus. Der Auftakt einer neuen Schriftenreihe mit zeitgenössischen Künstlerinnen und Künstlern. 

VALIE EXPORT: In eigenen Worten. Schriftenreihe des Museum Ludwig, 424 S., 24,80 Euro.

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