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Neue Perspektive auf das AlternBodo Kirchhoff thematisiert das Scheitern einer Ehe nach 50 Jahren

4 min
Bodo Kirchhoff

Bodo Kirchhoff veröffentlich ein neues Buch: „Nahaufnahmen einer Frau, die sich entfernt“.

In seinem neuen Roman thematisiert Bodo Kirchhoff die Komplexität und Fragilität zwischenmenschlicher Beziehungen und einer zerfallenden Ehe.

„Alte Paare sind auch Festungen, weh dem, der sie stürmen will“, schrieb Bodo Kirchhoff in einem früheren Roman. Im neuen Werk „Nahaufnahmen einer Frau, die sich entfernt“ wirkt die Trutzburg von Vigo und Terese nach 50 Ehejahren allerdings arg ruinös. Die attraktive 68-Jährige reist ihrem ein wenig älteren Mann nach Mumbai nach – allerdings keineswegs aus Sehnsucht.

Während der pensionierte Gründer einer Denkfabrik für globale Gewaltlosigkeit dort Buchrecherchen macht, will sie nur klären, „welchen Sinn es noch hat, zusammenzubleiben“.

Überraschend verliebt

Die Konfrontation bleibt zunächst aus, dafür begegnen beide nacheinander den gleichen Menschen: einem allzu smarten Schweizer Drohnenfabrikanten, einer jungen Ukrainerin mit schrecklichem Witwenschicksal – und vor allem dem deutsch-indischen Guesthouse-Betreiber Rana Walter Panjabi, in den sich Terese heftig verliebt.

Als Vigo sehr viel später fragt, wie er die Abtrünnige zurückgewinnen könne, sagt sie: „Von dir absehen. Einmal im Leben.“ So begräbt der Abservierte die geplante Buch-Utopie einer Welt ohne Waffen und schreibt am einst gemeinsamen Frankfurter Esstisch den Roman seiner scheiternden Ehe. Durch Tereses Augen – „zweifellos eine Anmaßung, meine alte Schwäche“ – blickt er auf sich als den Mann, an dem sie sich längst sattgesehen und -gehört hat.

Sensibilität für weibliche Figuren

Der 77-jährige Autor („Infanta“) wählt hier eine gefährlich herausfordernde Erzählperspektive, hat freilich schon im Meisterwerk „Die Liebe in groben Zügen“ seine Sensibilität für weibliche Figuren bewiesen. Dennoch fragt man sich anfangs, wie genau Vigo denn Tereses Lust in Ranas Armen kennen könne, woher er wisse, was genau sie in Indien tut und lässt.

Wenn Kirchhoff seine Heldin aber in den urbanen Mahlstrom Mumbais taucht, zwischen Garküchen, Nachtmärkten und Bordellgassen, lässt die szenische Dichte samt höchster Sprachbrillanz alle Zweifel verfliegen. Der Sog des Romans triumphiert über die heikle Konstruktion.

Tochter zwingt Eltern zusammen

Ranas zärtliche Leidenschaft dominiert lange, während Vigo nur in Erinnerungssplittern erscheint: bei den ersten Urlaubsabenteuern mit dem VW-Käfer, dem Ritual des gemeinsamen Lesens von Carson McCullers, aber auch als Leidtragender von Tereses früherem Ehebruch mit ihrem Doktorvater Hans Schellenberg.

Erst als die gemeinsame Tochter Ava ihre Eltern in einer wichtigen Angelegenheit nach London zitiert, treffen die Entzweiten wieder aufeinander. Hier, in der Mitte des Romans, zündet Kirchhoff dessen zweite Stufe. Schlimm genug, dass Ava ihrem glühend pazifistischen Vater den allerfalschesten Verlobten präsentiert. Und ihrer Mutter, immerhin Frankfurter Psychotherapeutin für autistische Jugendliche, gefällt Avas abgekapselter Bankjob ganz und gar nicht. Viel verhängnisvoller aber jene Nacht, als Vigo seiner Frau im gemeinsamen Hotelzimmer gegen deren erklärten Willen Sex aufzwingt – „ein irreparabler, unverzeihlicher Akt“.

Psychologische Finesse

Bodo Kirchhoff bemüht sich seit langem erfolgreich um eine angemessene, weder verklemmte noch vulgäre Prosa für das Begehren. Der rauschhaft schwebenden Selbstverständlichkeit von Tereses indischer Affäre stellt er Vigos Übergriff in sehr viel härterer Sprache entgegen: als drastisches Zeitlupenprotokoll weiblicher Qual.

Gleichwohl weiß die Genötigte auch, dass man aus einem langen gemeinsamen Leben „nicht heraussteigen kann wie aus einer Badewanne, wenn das Wasser kalt wird“. Entscheidung also vertagt.

Überhaupt fasziniert Kirchhoffs psychologische Finesse, fast so, als besäße er einen präzis kalibrierten Seismografen für leichteste emotionale Beben und gemischte Gefühle. Die gibt es auch zwischen Rana und Terese: Ihr Leichtsinn des frisch Verliebtseins droht allmählich der weniger verlockenden Schwerkraft eines gemeinsamen Alltags zu weichen.

Aktuelle Bezüge

So subtil der Roman Innenwelten ausleuchtet, spielt er doch nicht im luftleeren Raum. Vielmehr scheinen die kriegerischen Druckwellen aus der Ukraine und aus Gaza auch das Private erzittern zu lassen. Am Ende dieses Requiems einer Ehe mögen viele Fragen zur Zukunft der Protagonisten offen bleiben. Eins aber steht fest: Hierzulande kann kaum jemand so schonungslos einfühlsam über das Wachsen und Schwinden der Liebe schreiben wie dieser Autor.

Bodo Kirchhoff: Nahaufnahmen einer Frau, die sich entfernt. Roman, dtv, 572 S., 28 Euro. Die lit.Cologne-Lesung (11.3., 19.30, Filmforum im Museum Ludwig) ist ausverkauft.