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Louise StompsWiederentdeckung einer menschennahen Bildhauerin

3 min
Louise Stomps fertigte den „Sklaven“ im Jahr 1965.

Louise Stomps fertigte den "Sklaven" im Jahr 1965. 

Das Käthe Kollwitz Museum widmet der Bildhauerin Louise Stomps eine eindrückliche Retrospektive. 

Sie war eine Spätberufene und als solche auch als 88-Jährige immer lern- und experimentierfreudig. Als die Bildhauerin Louise Stomps 1988 an den Folgen eines Motorradunfalls starb, stand in ihrem Atelier in einer alten Mühle in Oberbayern noch die nicht ganz vollendete Skulptur mit dem Titel „Der Aussteiger“.

Leiden in Hiroshima

Den schrundigen Strukturen des Holzes auf den Grund gehend, folgte die Künstlerin bis zuletzt ihrer Intuition, ging ins Zwiegespräch mit dem Material, dem sie eine innere Struktur entlockte, wobei sie ihre geistigen Bilder freisetzte, die sie aus der Politik ebenso wie aus der Mythologie abrufen konnte. So entstand eine Kreisgruppe symbolisch für das Leiden in Hiroshima, ein Flügel aus Holz für den vom Blitz erschlagenen Jüngling „Euphorion“.

Etwas Aussteigerhaftes wie ihr letztes Werk hat auch ihre Biografie: 1927, nach der Scheidung, entschloss sie sich als alleinerziehende Mutter, ihrer Passion des Zeichnens und Modellierens zu folgen, besuchte zwar keine Akademie, vertiefte ihr Handwerk aber bei Bildhauerin Milly Steger (1881 bis 1948) in Berlin und nahm an abendlichen Aktzeichenkursen teil. In ihrer Arbeit erfasste sie das Menschliche, dabei wog weniger das Äußerliche als die Seele. Das wiederum verbindet sie für Kuratorin Lynn Busch mit Käthe Kollwitz.

Frühe Meisterschaft erlangt

Das gleichnamige Museum räumt der lange in Vergessenheit geratenen Künstlerin nun unter dem Titel „Konturen des Inneren“ eine Retrospektive ein. Diese macht den Betrachter glücklich. Glücklich darüber, dass das Werk wieder zugänglich ist. Darüber hinaus schafft das Betrachten Zufriedenheit, erdet, ist kontemplativ. Stomps’ Atelier und Wohnung wurden im Zweiten Weltkrieg ausgebombt. Vom Frühwerk ging der überwiegende Teil verloren.

Die 1928 entstandene Sandsteinskulptur „Die Sitzende“ zeigt die große Meisterschaft der Künstlerin, die über die Jahrzehnte immer mehr zur Abstraktion gelangte. Begleitet wird die Schau von Fotos, die Stomps mal auf dem Motorrad zeigen, dann im Atelier oder im Obstgarten zwischen Apfelbäumen mit einer Skulptur, die wirkt, als sei auch sie dort organisch aus der Erde gewachsen. Ständig war Stomps auf der Pirsch nach Holzstämmen, wurde sogar bei ausrangierten Telegrafenmasten fündig.

Diese begrüßen in der Ausstellung als schmale Hünen, die in ihrer Anmutung an die feingliedrig-mageren Arbeiten von Alberto Giacometti erinnern. Stämme, die zur Flussregulierung Jahrhunderte lang im Inn gelegen hatten, dabei durch Gerbsäure geradezu steinhart wurden, verarbeitete die Künstlerin zu Skulpturen mit dem Namen „Woodo Woodo“ oder „Laokoon“, wobei es ihr laut Lynn Busch auf die Namen gar nicht so ankam.

Auseinandersetzung mit Erinnerungskultur

Abstrakte, grafische Arbeiten zeugen von ungemeinem zeichnerischen Können, mit Filzstift schuf Louise Stomps Schraffuren, die geradezu dreidimensional wirken. Eindrucksvoll sind auch ihre Projektskizzen zu internationalen Ausschreibungen wie dem „Denkmal des unbekannten politischen Gefangenen“, mit denen sie 1952 in die engere Auswahl nach London am Institute of Contemporary Arts gelangte.

Oder ihre Entwürfe für ein Denkmal, das 1948 für die Gedenkstätte Plötzensee ausgeschrieben wurde. Gespaltene Schädel mit einer Physiognomie, aus der jede Lebenskraft schwindet, stehen für Tötung durch das Beil. Ein einziges Foto vom Modell, das 1958 als ihr Beitrag für ein Denkmal in Auschwitz entstand, zeigt ihre starke Auseinandersetzung mit der Erinnerungskultur.

Lynn Busch, die im Vorfeld Kontakt zu Nachfahren aufgenommen hatte, erhielt bereits erste Eindrücke von der Vielschichtigkeit des Werks der Bildhauerin, war aber nochmals überwältigt, als die 45 Skulpturen und 30 Papierarbeiten im Museum Kollwitz eintrafen. „Es ist sofort klar, dass da jemand ganz intensiv mit dem Material gearbeitet hat.“

Bis 28. Juni, Di bis So 11 – 18 Uhr, Neumarkt 18-24.