Bonn – Diese Inszenierung muss man lesen. Sie braucht eigentlich einen Anmerkungsapparat wie ein hermetisches Stück Literatur oder eine Ausstellung, die sich ohne Begleitkatalog nicht verständlich machen kann. Doğan Akhanlıs Stück „Medea 38 / Stimmen“ mit Texten und nach Motiven von Christa Wolf, Euripides und Seneca ist eine Herausforderung fürs Publikum. Das von Nuran David Calis inszenierte Auftragswerk des Bonner Theaters, mit dem die Saison 2022/23 im Schauspielhaus eröffnet wurde, praktiziert drei Stunden lang (inklusive Pause) Schauspiel als hyperkomplexes polit-historisches Seminar.
Massiven Textblöcken hilflos ausgeliefert
Worum geht es? Der deutsch-türkische Autor Akhanlı (1957-2021), der seit 1992 in Köln lebte, stellte die Geschichte der Medea, „in eine Art Transitraum, einen Erinnerungsort, der das Griechenland alter Zeiten und das Deutschland der Neuzeit mit den Geschehnissen vor, nach und während des Jahres 1938 in der Stadt Dersim in der Osttürkei verband, in der ein Massaker an der kurdischen Bevölkerung stattfand“. So steht es im Programmheft. Medea ist hier nicht mehr die Frau von göttlicher Herkunft und mit krimineller Vergangenheit, die aus Rachsucht ihre eigenen Kinder umbringt, sondern eine Frau in einem patriarchalen Machtsystem.
Medea findet sich in drei Figuren wieder. Wir begegnen Sabiha (Ursula Grossenbacher), der Adoptivtochter Mustafa Kemal Atatürks; Sekine (Julia Kathinka Philippi), der Frau des Heerführers vom Berg Ararat; und Sara (Linda Belinda Podszus), einer Amazone aus Dersim. Eingerahmt werden ihre Stimmen von den Autoren Doğan Akhanlı (Christoph Gummert) und Christa Wolf (Lena Geyer). Markus J. Bachmann, Christian Czeremnych, Paul Michael Stiehler und Daniel Stock tragen als Männerchor meistens schwarze Uniformen und verkörpern übergriffig und brüllend totalitäre Macht.
Ungeklärt bleibt fast alles: Wer? Was? Wo? Wann? Wie? Warum? Woher?
Das in der Einleitung angedeutete Problem des Theaterabends liegt nun in der Struktur des Textes. Er drückt sich im gehobenen Ton à la „Denn die Wände der Zeit sind durchlässig“ aus und enthält den Zuschauern die sieben W-Fragen, die Journalisten immer beantworten müssen, weitgehend vor: Wer? Was? Wo? Wann? Wie? Warum? Woher? Den in den Raum gestellten massiven Textblöcken sind wir hilflos ausgeliefert: keine Orientierung, nirgends. Erst allmählich schält sich Akhanlıs Deutung der türkischen Staatsgründung heraus. Sie basiere, heißt es, auf einem Genozid.
Auf einen Blick
Das Stück: Eine polit-historische Tour de Force.
Die Inszenierung: Sie vermittelt Einsichten, aber keine Emotionen.
Die Schauspieler: Sie halten die schweren Textbrocken souverän in der Luft, lassen das Publikum aber schuldlos kalt. (dk.)
Das beschreibt der Autor und bebildert die Inszenierung mit Stimmen, nicht mit Menschen. Die Schauspieler reproduzieren Einsichten, Erfahrungen und Erinnerungen. Emotionen erlaubt ihnen das Stück nicht. Die aufgerufenen Konflikte entladen sich nicht im verbalen Gegeneinander, in explosiven Dialogen, sondern parallel, als direkte Ansprache ans Publikum, Botenbericht und antiker Chor.
Anne Ehrlichs angemessen düstere Bühne, in deren Mittelpunkt die Schreibhütte der Autoren steht, macht die vielen Perspektiven durch Spiegelflächen, Kamera und XXL-Bildschirm sinnbildlich. Viele Themen werden verhandelt: zum Beispiel kurdische Identität, Patriarchat, Feminismus, Klassengesellschaft, Revolution, Rassismus und die Massaker des 20. Jahrhunderts. Medea geht da im Laufe des Abends irgendwie verloren.
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Eine Botschaft ist aber unüberhörbar: „Widerstand ist Leben“. Die Schauspieler kommen uns, wie gesagt, nicht wirklich nahe, selbst wenn sie in Großaufnahme auf dem Bildschirm erscheinen. Podszus als Sara, der Kämpferin für Kurdistan, gelingt es mit fanatisch glühender Mimik noch am ehesten, Bühnen-Charisma zu entfalten. Philippi hat einen großen Auftritt als furchteinflößende Furie. Immer wieder kommt das Ensemble in Bewegung (Action!) und zerlegt einmal sogar das Mobiliar. Bewundernswert, wie es die tonnenschweren Textbrocken mit nicht nachlassender Energie in der Luft hält.
Nach der Pause verabschiedet sich das Theater vollkommen von seiner Kernkompetenz: Geschichten zu erzählen. Der Rest ist gleichsam Symposion, Seminar, Podiumsdiskussion, TV-Doku mit Experten und projizierter E-Mail-Austausch zwischen Akhanlı und der Dramaturgin Nadja Groß.
Die nächsten Vorstellungen: 23. und 24. September, 6. und 20. Oktober.


