Eva Marie Saint spielte geheimnisvolle Blondinen und duldvolle Ehefrauen mit der gleichen Überzeugung. Jetzt ist der Star mit 102 Jahren gestorben.
NachrufMit Eva Marie Saint stirbt auch die Glanzzeit Hollywoods

Eva Marie Saint, hier im Jahr 1956, starb am 6. Oktober 2026 im Alter von 102 Jahren in Los Angeles
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Eva Marie Saint, ein außergewöhnlich ernstes, zurückhaltendes Kind, wurde für Schulaufführungen regelmäßig als blonder Engel besetzt, und das nicht nur wegen ihres dreifach biblischen Namens. Schon damals muss ihre Erscheinung von überirdisch-zerbrechlicher und zugleich geheimnisvoller Schönheit gewesen sein.
Als sich Saint, inzwischen Oscar-Gewinnerin, viele Jahre später Cary Grant im Speisewagen eines Zuges in Richtung Nord-Nordwest vorstellt, ist sie nicht weniger engelhaft und enigmatisch: „Mein Name ist Eve Kendall, ich bin 26 und unverheiratet. Jetzt wissen sie alles.“ Aber es ist noch eine erdverbundenere Komponente dazugekommen. Die Heilige flirtet und das ziemlich unverhohlen. Grants unverschuldet unter Mordverdacht geratener Werbefachmann ist ihr haushoch unterlegen. Sie führt in diesem Tanz, er ist ihr Sexobjekt. Es ist, als hätte der voyeuristische Blick, dem sich Hitchcocks unterkühlte Blondinen regelmäßig ausgesetzt sehen, diesmal umgedreht.
Blaupause für Bond-Girls
Mit dieser Rolle in „Der unsichtbare Dritte“ schuf Eva Marie Saint nicht nur die Blaupause für das Bond-Girl – auch wenn wenige Gespielinnen des Geheimdienstlers an ihre Raffinesse und Eleganz heranreichten –, sie wagte auch den Schritt von der Charakterdarstellerin zum veritablen Filmstar. Jetzt müsse sie nicht mehr in freudlosen Schwarz-Weiß-Dramen über der Spüle schuften, eröffnete ihr ein begeisterter Alfred Hitchcock.
Eine Begeisterung, die Saint freilich nicht teilte: „Das kann ich dir nicht versprechen, Hitch. Ich liebe diese Dramen“, antwortete sie dem Spannungsmeister. Ihre ersten schauspielerischen Schritte hatten sie in Werbespots, an den Broadway und zum Fernsehen geführt, zu einer Zeit, als das noch zum großen Teil aus abgefilmtem Live-Theater bestand.

Cary Grant und Eva Marie Saint in Alfred Hitchcocks „Der unsichtbare Dritte“
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Als Elia Kazan sie 1954 als ehemalige Klosterschülerin für sein Dockarbeiter-Drama „Die Faust im Nacken“ besetzte, war Saint längst ein erfahrener Bühnenprofi – weshalb sie dem sanften Mädchen, das Marlon Brando auf den rechten Weg bringen sollte, einen sehr überzeugenden Unterton kaum gezügelter Leidenschaft für den streikbrechenden Preisboxer verleihen konnte.
Den Oscar für die beste Nebenrolle nahm die Hochschwangere mit den Worten „Ich bin so aufgeregt, vielleicht bringe ich das Baby gleich hier zur Welt“ entgegen. 1951 hatte sie den TV-Regisseur Jeffrey Hayden geheiratet, die Ehe hielt bis zu dessen Tod 2016. Ihr Sohn wurde zwei Tage nach den Academy-Awards geboren und Saint beschloss, fortan nur noch eine große Rolle pro Jahr anzunehmen. Ein Plan, von dem weder Hitchcock noch die Aussicht auf Cary-Grant-artigen Ruhm sie abbringen konnten.
Und die meisten ihrer Rollen fielen weniger ins glamouröse denn ins dramatische Fach, oft spielte sie die würdevoll-leidende Frau unsteter, getriebener Männer, etwa von Paul Newman in Otto Premingers zionistischem Monumentalfilm „Exodus“. In Vincente Minnellis „… die alles begehren“ betrügt Richard Burton sie mit Elizabeth Taylor, in Fred Zinnemanns „Giftiger Schnee“ ihr aus dem Koreakrieg heimgekehrter Ehemann mit seiner Morphiumsucht, in John Frankenheimers „Grand Prix“ verliert sie Yves Montand an die tödlichen Gefahren des Formel-Eins-Fahrens. Warren Beatty misshandelt sie als gewalttätigen Herumtreiber in „Mein Bruder, ein Lump“, in „Loving“ darf sie ihrem untreuen Ehemann George Segal immerhin eins mit der Handtasche überziehen.
Auf dem Papier sind all das undankbare Rollen, Eva Marie Saint machte dankbare daraus. Es sei wunderbar zu sehen, auf welche Talente sie zurückgreifen könne, schrieb die Film-Großkritikerin Pauline Kael anlässlich von „Loving“ über Saint. Wer sich noch etwas mehr wundern will, möge sich Saint an der Seite von Bob Hope in der Komödie „Ich heirate meine Frau“ anschauen, komisch konnte die nun gar nicht mehr zerbrechliche Schöne nämlich auch. Im Herbst ihrer Karriere kehrte Saint zum Fernsehen zurück, spielte etwa Cybill Shepherds Mutter in „Das Modell und der Schnüffler“. Mit 82 konnte man sie in „Superman Returns“ als irdische Adoptivmutter des Superhelden noch einmal auf der großen Leinwand bewundern.
Auf dem Hollywood Boulevard wird sie mit gleich zwei Sternen geehrt. Am Dienstag starb Eva Marie Saint im Alter von 102 Jahren friedlich im Kreis ihrer Familie in ihrem Haus in Los Angeles.
