Am 13. August jährt sich der Beginn des Berliner Mauerbaus zum 65. Mal. WDR und MDR haben eine App entwickelt, in der Zeitzeugen über ihre Erlebnisse berichten.
Augmented Reality für den UnterrichtApp bringt Zeitzeugen der Mauerjahre ins Klassenzimmer

Zeitzeugin Elke Rosin erzählt Schülern, darunter Davidé Strazzulla (3. v. l.), wie sie den Mauerbau 1961 in Berlin erlebte.
Copyright: MDR/Reiner Freese
Mit 16 Jahren floh Elke Rosin, die 1945 in Berlin geboren wurde, aus der DDR. Bis zum Mauerbau 1961 lebte sie mit ihrer Familie in der Bernauer Straße – jener Straße, die den Wedding nach West-Berlin und Mitte nach Ost-Berlin abgrenzte, und in der sich heute die offizielle Gedenkstätte zur Erinnerung an die Mauerzeit befindet. Am 17. August, vier Tage nachdem die Arbeiten an der Berliner Mauer begonnen hatten, kündigten ihre Eltern am Mittagstisch an, dass sie nach dem Essen in den Westen gehen würden.
Warum trafen sie diese Entscheidung? Danach fragt die App „OstWest Zeitzeugen – Mauerjahre in AR“, die WDR und MDR gemeinsam mit der Hochschule Düsseldorf entwickelt haben. „AR“ steht für „Augmented Reality“, zu Deutsch „erweiterte Realität“. Mit dieser Technik können digitale Inhalte, wie zum Beispiel Videos, über die Smartphone- oder Tablet-Kamera in die eigene Umgebung projiziert werden. Plötzlich sitzt dann zum Beispiel Elke Rosin auf einem roten Sessel mit im Raum und berichtet, wie sie die Flucht erlebt hat.
Auch ein Volkspolizist kommt in der App zu Wort
„Mutter sagte: ‚Ach, lasst alles stehen, wir brauchen heute nicht mehr abzuwaschen.‘“ Rasch habe sie die Dinge zusammensuchen müssen, die sie mitnehmen wollte, dabei sogar fast ihren Wellensittich vergessen. „Und die Nachbarn, die haben dann schon meinem Vater zugerufen: ‚Beeilen Sie sich, beeilen Sie sich, die Vopos (Volkspolizei, Anm. d. Red.) kommen von hinten.‘“ Die Angst, die sie in diesem Moment verspürt habe, sei ihr noch lange nachgegangen, sagt Rosin. „Die war auch noch oft in meinen Träumen, immer so, dass wir getrennt werden.“

Zeitzeugin Elke Rosin zeigt Schülern die App „OstWest Zeitzeugen“.
Copyright: MDR/Reiner Freese
Neben Rosin kommen weitere Zeitzeugen zu Wort: Jörg Hildebrandt, der in der DDR blieb, obwohl er das politische System ablehnte, und Uwe Rutkowski, der als Volkspolizist die Grenzschließung bewachte. Ihnen konnten Schülerinnen und Schüler von Partnerschulen in Köln, Bergheim, Neuss, Halle und Leipzig während des Entwicklungsprozesses Fragen stellen. Hunderte weitere beteiligten sich zudem bei Online-Umfragen. Und auch Lehrkräfte brachten ihre Perspektiven ein, denn das Format ist für den Unterricht ab der 9. Jahrgangsstufe aller weiterführenden Schulformen ausgerichtet.
WDR-Redakteurin: „Augmented Reality“ kein reines Gimmick
Nach Anwendungen zum Dritten Reich und den Trümmerjahren ist es die dritte App, die sich im „Augmented Reality“-Format mit der deutschen Geschichte auseinandersetzt. „Es ist tatsächlich unsere Erfahrung, dass das nicht ein reines Gimmick ist, sondern, dass das wirklich einen Unterschied macht, ob da jemand bei mir sitzt“, sagt WDR-Redakteurin Lena Brochhagen. Es habe sie überrascht, wie groß die Aufmerksamkeit gewesen sei, als sie das erste Mal mit der App Schulen besucht habe.
Ich finde, das ist auf jeden Fall besser als ein Video.
Davidé Strazzulla, Schüler an der Trude-Herr-Gesamtschule in Köln-Mülheim, kann das bestätigen: „Es ist so, als würdest du in einer echten Interaktion mit dieser Person sein. Ich finde, das ist auf jeden Fall besser als ein Video.“ Strazzulla war Teil der Gruppe, die die Zeitzeugen befragte – eine Erfahrung, die ihn sehr beeindruckt habe: „Man könnte das mit heute vergleichen und sagen, ich reise aus, ich gehe nach Amerika. Das ist dann auch eine große Entscheidung, aber es ist nicht ansatzweise so schlimm, wie wenn man zu dem Schluss kommt: Ich kann in diesem System nicht mehr leben.“
Schrittweise Weiterentwicklung bis 2029
Schülerinnen und Schüler aus ganz Deutschland können von August bis Anfang Oktober 2026 online eigene Fragen an die Zeitzeugen einreichen. Die Fragen werden mit Unterstützung der „Stiftung Berliner Mauer“ und der „Landesschüler*innenvertretung NRW“ gesammelt und in weiteren Interviews beantwortet. Ausgewählte Jugendliche aus Ost- und Westdeutschland erhalten die Möglichkeit, ihre Fragen den Zeitzeugen persönlich zu stellen.
Insgesamt soll die App schrittweise bis 2029 weiterentwickelt werden. „Im ersten Kapitel haben wir uns entschieden, das ganz nah an diesem Ereignis in der Bernauer Straße zu erzählen“, sagt Brochhagen. „Das nächste Kapitel soll ‚Jungsein in Ost und West‘ heißen. Da ist dann auch die Westperspektive mit drin.“
Die App „OstWest Zeitzeugen – Mauerjahre in AR“ ist für Android und iOS in den Downloadstores verfügbar.
