In „Sonnenberg“ nimmt uns die Kölner Bestseller-Autorin Brigitte Glaser mit ins Baden-Württemberg der 1970er Jahre mitten in die Aufbruchsstimmung der Anti-AKW-Bewegung.
Neuer Roman von Brigitte GlaserAufgeben? Nein, danke!

Demonstration Ostern 1975 in Wyhl
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Alt und Jung, Weinbauern und Studierende, linke APO-Aktivisten und CDU-Wähler - alle vereint im Protest gegen die Regierung, die ihnen ein Atomkraftwerk vor die Nase setzen möchte. Das klingt zu schön um wahr zu sein. Gerade in Zeiten, in denen mehr als 80 Prozent die deutsche Gesellschaft als gespalten empfinden - angetrieben durch Krisen wie die Corona-Pandemie, den Ukraine-Krieg oder Debatten über Migration und Klimaschutz.
Aber es ist wahr: Mitte der 1970er überwanden die Menschen gesellschaftliche Gräben - in Wyhl, nahe der französischen Grenze in Baden-Württemberg. Und vereinten sich, mit Erfolg, im Kampf gegen ein geplantes AKW. Der Konflikt war damals ein Wendepunkt der deutschen Anti-Atomkraft-Bewegung. Eine Geschichte, die Mut macht, findet Brigitte Glaser. Mut, den wir in Zeiten des Hasses und der Hysterie brauchen können. „Dort hat sich plötzlich der Gemeinsinn gezeigt, den wir heute immer fordern und vermissen.“
In ihrem Roman „Sonnenberg“ erzählt die Kölner Bestseller-Autorin vom Anfang des Jahres 1975. Und von den beiden ungleichen Freundinnen Luzie und Johanna. Luzie, wild und rebellisch, stammt aus gutbürgerlichem Haus, wo die Eltern Wert darauf legen, französisch mit „Maman und Papa“ angesprochen zu werden. Johanna, eher ruhig und besonnen, muss nach dem Tod ihres Vaters früh den Weinbau-Betrieb ihrer Eltern übernehmen. Beide engagieren sich im Protest gegen das Atomkraftwerk. Luzie mittendrin im Getümmel, bei der Besetzung des Bauplatzes. Johanna sammelt Unterschriften und unterstützt die Besetzer mit Essen und warmen Decken – als Mutter eines Kleinkindes und junge Weinbäuerin hat sie keine Zeit, sich die Nächte in Zelten und Bauwagen um die Ohren zu schlagen.
Brigitte Glaser ist ein Stück nördlich von Whyl aufgewachsen. Und auch mit ihrem letzten Roman - „Kaiserstuhl“ – war sie geographisch schon ziemlich nah dran. Bei den Lesungen in der Region habe das Publkikum immer wieder gefordert: „Schreib’ doch mal was über Whyl!“. Das habe sie aber abgewehrt, erzählt sie: „Schließlich war ich nicht selbst dabei. Und außerdem ist es ein komplexes Thema.“

Ein Klassiker des politischen Plakats.
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Doch dann kam der Ukraine-Krieg. Die Öl- und Gas-Preise explodierten. Und plötzlich galten Atomkraftwerke wieder als perfekte, klimafreundliche Lösung, sich unabhängig von russischem Gas und arabischem Öl zu machen. Brigitte Glaser kam das aus den 1970ern alles sehr bekannt vor. Sie erinnerte sich an Whyl. Und wühlte sich durch Fotos und Zeitungsartikel, schaute Dokumentationen, sprach mit Zeitzeugen- und Zeitzeuginnen.
Nach mehreren historischen Romanen hat sie Recherche-Routine: „Mein Anspruch ist immer, den politischen oder historischen Hintergrund so korrekt wie möglich wiederzugeben. Ich würde jetzt also nicht behaupten, die Räumung des besetzten Platzes in Whyl sei im Herbst statt im Februar gewesen, weil mir das Wetter vielleicht für die Szene besser passen würde.“ Und doch müsse sich die Historie irgendwann der Fiktion unterordnen - schließlich steht ja Roman auf dem Cover.

Brigitte Glaser
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Apropos Cover – das sieht bei diesem Buch ganz anders aus als die letzten, die seit ihrem Bestseller „Bühlerhöhe“ zu einer Art Markenzeichen geworden waren."Ich hatte jetzt genügend Frauen vor blauen Bergen, und das Motiv ist ja auch oft kopiert worden”, sagt Brigitte Glaser. Ihre Bücher werden übrigens auch von Männern gelesen – was nicht selbstverständlich ist, weil meist weibliche Figuren im Zentrum ihrer Romane stehen. Und weil Frauen generell mehr Belletristik lesen. „Ich hatte öfter das Erlebnis, dass bei Lesungen Frauen zu mir kommen und sagten: 'Sie haben meinen Mann ans Lesen gebracht'. Ich denke, auf der historischen Schiene kann ich auch ein männliches Publikum packen.“
In „Sonnenberg“ könnten die Leser mal aus weiblicher Perspektive auf die Geschichte des zivilen Widerstands blicken. Auf - im Gegensatz zu Monologen über den Vietnam-Krieg- völlig unterschätzte Aspekte wie die Verpflegung zum Beispiel: „Alle nahmen es als selbstverständlich hin, wie dies bei vielen Frauenarbeiten der Fall war. Dabei konnte man eine gute Verpflegung nicht hoch genug einschätzen, ein knurrender Magen demoralisierte, der ließ nicht nur jede Truppe, wie alle Feldherren wussten, sondern auch jeden Besetzer schlappmachen“, heißt es dazu im Buch.
Die Boomer waren besser als ihr Ruf
Nicht nur ein männliches, auch ein junges Publikum wäre diesem Roman zu wünschen. Das könnte den ziemlich angeschlagenen Ruf der Boomer retten. Denn Whyl beweist, dass nicht allen in dieser Generation die Zukunft des Planeten komplett egal war. „Die Gründung der Grünen, der BUND, des Freiburger Öko-Instituts - das alles hat seine Wurzeln in Wyhl“, so Brigitte Glaser.
Beim Schreiben habe sie vor allem das veränderte Demokratieverständnis, die Selbstermächtigung der Leute damals interessiert. Jenseits des Politischen wollte sie aber auch schon immer eine Geschichte über eine Mädchenfreundschaft schreiben: „Weil ich selbst dadurch sehr geprägt bin. Es gibt vier Freundinnen, die mich im Prinzip mein Leben lang begleiten – eine davon kenne ich jetzt sogar schon 60 Jahre“, erzählt sie: „Ich erlebe das als so eine große Bereicherung, dass ich das auch mal zum Thema machen wollte“.
Ich denke, auf der historischen Schiene kann ich auch ein männliches Publikum packen
Eine gute Freundschaft, wie die zwischen Luzie und Johanna, hält bisweilen länger als die große Liebe, die in so vielen Romanen als das Nonplusultra beschrieben wird. Die Erfahrung muss zumindest Johanna machen, deren Freund schneller weg ist als sie „ich bin schwanger“ sagen kann. Was nicht heißt, dass es bei den ungleichen Freundinnen Johanna und Luzie keine Konflikte gäbe. Zum Beispiel verheimlicht Luzie der Freundin Verbindungen zum Staatsschutz. Eine Tatsache, die beim Lesen kaum auszuhalten ist - so sehr wünscht man ihr (und auch Johanna), dass sie endlich mit der Wahrheit rausrückt, anstatt sich immer weiter in Lügen zu verstricken. „Ich komme ja vom Krimi. Und jeder Roman braucht Spannung“, findet Brigitte Glaser, die vor 30 Jahren ihr erstes Buch „Kölsch für eine Leiche“ veröffentlichte. Aber ganz davon abgesehen seien Spitzel auf dem besetzten Platz historische Realität gewesen - „man darf nicht vergesen, dass das die Hoch-Zeit der RAF war.“
Unterhaltsam, ganz nah an den Menschen und mit viel Lokal-Kolorit nimmt Brigitte Glaser ihre Leser und Leserinnen mit ins Badische und auf den besetzten Platz. Wo die Landfrauen Stullen an die Besetzenden verteilen, Luftballons mit dem Slogan „Nai hammer g'sait“ in die Luft steigen und die Weinbauern die erhöhte Nebelbildung durch die Kühltürme fürchten - der Super-Gau für die Rebenernte. „Sonnenberg“ verklärt dabei nichts, aber verbreitet Aufbruchsstimmung in Zeiten viel zu vieler Krisen. Aufgeben? Nein Danke!
Brigitte Glaser wurde 1955 in Offenburg geboren und studierte Sozialpädagogik in Freiburg und Köln. Ihre schriftstellerische Arbeit begann sie unter anderem mit einer Kurzkrimi Serie für den Kölner-Stadtanzeiger von 2001 bis 2008. 2016 erschien „Bühlerhöhe“, ihr erster Roman mit historisch-gesellschaftlichem Bezug, der wochenlang auf der Spiegel-Bestsellerliste stand, es folgten Rheinblick (2019) und Kaiserstuhl (2022).
Am Sonntag, 6. September, liest Brigitte Glaser um 13 Uhr auf dem Kölner Bücherfest im Bürgerhaus Stollwerk. Neben einem Lesungsprogramm präsentieren dort Buchhandlungen und Verlage aus Köln ihr Sortiment. Der Eintritt ist frei.
Außerdem liest Brigitte Glaser noch am Freitag, 11. September in der Buchhandlung Löffelholz in Neunkirchen-Seelscheid und am Donnerstag, 17. September um 19 Uhr in der Buchhandlung am Markt in Hennef.
Sonnenberg, 448 Seiten, List, 23,99 Euro

Cover „Sonnenberg“
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