Marie Jacquot tritt zur Spielzeit 2026/27 ihren neuen Posten als Chefdirigentin des WDR Sinfonieorchesters an. Das sind ihre Pläne für die Saison.
Bühne frei für Marie Jacquot

Die neue Chefdirigentin des WDR Sinfonieorchesters Marie Jacquot, mit WDR-Intendantin Katrin Vernau (l.) und Orchester-Manager Sebastian König (r.) im WDR Funkhaus
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Es „klingelte“ – nach übereinstimmender Bezeugung von Beteiligten – schon sehr früh, eigentlich gleich beim ersten Kölner Auftritt von Marie Jacquot mit dem WDR Sinfonieorchester im Dezember 2022. Damals dirigierte die Französin in der Philharmonie unter anderem Wagners „Tristan“-Vorspiel, und er sei, so erinnert sich Orchester-Manager Sebastian König, danach sofort gefragt worden, ob da vorne „die neue Chefin“ stehe. „Man weiß als Orchestermusiker nach ein paar Minuten, woran man ist“, gab die Cellistin Christine Penckwitt anlässlich der Saisonvorstellung für 2026/27 im WDR-Funkhaus zu Protokoll. Und in diesem Fall stimmte es eben – da stellte sich jenes Fluidum ein, das genau zu beschreiben allerdings „sehr schwer“ sei.
Auf jeden Fall zeige Jacquot „ganz genau, was sie will“. Sie hole, lobte König, „aus dem Orchester ein Maximum an Klang heraus – und das springt auch unmittelbar auf das Publikum über.“ Die Anwesenden konnten diesen Befund dank der per Video zugespielten Schlussstrecke der Bruckner’schen Siebten unmittelbar nachvollziehen. Sich selbst sieht Jacquot übrigens keineswegs als autoritäre Dompteuse mit Taktstock. Als gelernte Orchester-Posaunistin habe sie es zu schätzen gelernt, wenn ein Dirigent den Musikern in die eigene Verantwortung gestellte Freiräume lasse.
Jacquot will ihren Musikern auch Freiräume lassen
Anlässlich des bevorstehenden Vertragsstarts der Neuen hatte sich der WDR nicht lumpen lassen und einen angemessen breiten roten Teppich ausgerollt. Senderintendantin Katrin Vernau war gekommen, und im Zentrum einer moderierten Podiumsrunde konnte Jacquot dezidiert über Selbstverständnis und Ambitionen Auskunft geben – was sie dann auch so zugewandt wie unprätentiös tat.
Wagner, Bruckner – wie bitte? Üblicherweise erwartet man von einer französischen Dirigentin die forcierte Pflege der musikalischen Kultur ihres Heimatlandes. Diese Perspektive bedient die 36-Jährige aber nur sehr bedingt: „Ich habe Frankreich mit 19 verlassen, habe in Weimar und Wien studiert, wurde tief in der Tradition der deutsch-österreichischen Romantik sozialisiert.“ Reicht das, die Frage liegt zumal aus Senderperspektive nahe, für den Chefdirigentenposten beim WDR Sinfonieorchester, dessen Inhaber qua Stellenprofil seit jeher ein Faible gerade für neue Musik haben soll? Jacquot gibt souverän-unbefangen zu, dass sie früher Avantgarde-Konzerte mit dem Vorsatz besucht habe, dort ausgiebig zu „buhen“. Das änderte sich dann aber gründlich während ihrer Ausbildung in Wien: „Da hatte ich die Chance, etliche Ensembles mit neuer Musik zu dirigieren. Die habe ich gerne ergriffen – und davon etwa für mein Hörvermögen enorm profitiert.“
Künstlerin, die Unterschiedliches nebeneinanderstellt
Als Spezialistin versteht sich Jacquot so oder so nicht, sondern als Künstlerin, die ganz unterschiedliche Zeiten, Genres, Nationalstile nebeneinanderstellt – und zugleich auf die Herausstellung werkübergreifender Bezüge Wert legt. Wie das aussehen kann, zeigt exemplarisch ihr Einstiegskonzert am 18. September, das nun in der Tat eine Pariser Schlagseite hat. Da folgen auf das „Lohengrin“-Vorspiel Chopins zweites Klavierkonzert (mit Yulianna Avdeeva als Solistin), die Sinfonische Dichtung „Andromède“ der französischen Komponistin Augusta Holmès (1847–1903) sowie Skrjabins „Le poème de l’extase“. Zwei Charakteristika von Jacquots Programmgestaltung werden hier erkennbar: die Neigung zu Raritäten (Holmès) und diejenige zum Musikdrama („Lohengrin“). Letzteres verwundert nicht: Seit Beginn ihrer Dirigierkarriere und aktuell als Chefdirigentin der Königlich Dänischen Oper in Kopenhagen hat sie eine starke Beziehung zur Bühne. Die zeigt sich auch im Oktoberkonzert, das mit Wagners „Tannhäuser“-Ouvertüre beginnt (gefolgt von Thierry Escaichs Bratschenkonzert mit Antoine Tamestit und Saint-Saëns‘ „Orgelsinfonie“ mit Iveta Apkalna).
Die folgenden Jacquot-Programme ziehen diese Linien aus: Elgars Cellokonzert (mit Gautier Capuçon) und Bruckners Sechste kommen im Januar dran; Webers „Oberon“-Ouvertüre, Magnus Lindbergs nagelneues Konzert für zwei Klaviere (mit den Jussen-Brüdern) und Prokofjews „Cinderella“ im April; erneut Prokofjew, Poulenc („Gloria“ mit dem WDR Rundfunkchor und dem NDR Vokalensemble) und Ravel im Juli.
Viele alte Bekannte
Ansonsten beackern viele gute alte Bekannte eine auf das 19. und 20. Jahrhundert fokussierte Agenda: Eine letzte Kölner Vorstellung im Rahmen der Abschiedstournee mit seinen Lieblingsorchestern gibt der 88 Jahre alte Marek Janowski im November – Wagners „Siegfried-Idyll“ und Bruckners Neunte, eine von Janowskis Favoriten, gelangen zur Aufführung. Mit Cristian Măcelaru (Strauss, Webern und Wagner im Dezember) und Jukka-Pekka Saraste (Thomas Adès und Mahlers Neunte) geben sich zwei frühere WDR-Chefdirigenten die Ehre. Andris Poga kommt im November wieder mit Prokofjew und Skrjabin, Juraj Valčuha im Januar mit Kodály, Dvořák (Violinkonzert mit James Ehnes) und Prokofjew, Adam Fischer im März mit Haydns 103. Sinfonie und Bartóks „Blaubart“-Oper, Manfred Honeck im Mai mit einem neuen Werk von Thomas Daniel Schlee, Rachmaninows Paganini-Rhapsodie (Solist ist Seong-Jin Cho) und Beethovens „Pastorale“, Edward Gardner im Juni 2027 mit Schreker und Strauss.
Neue Akzente mit queerem Programm und „Herr der Ringe“
Sein Debüt am Pult des Orchesters gibt im Februar Robin Ticciati mit Mahlers „Auferstehungssinfonie“. Ein Ausreißer ist im Dezember Händels „Messias“ unter der Leitung des britischen Alte-Musik-Experten Jonathan Cohen. Stanislav Kochanovsky leitet das Silvesterkonzert mit Korngold/Zemlinskys Pantomime „Der Schneemann“, Strauss‘ „Rosenkavalier“-Suite sowie Glière und Tschaikowsky.
Die Programmgestaltung setzt auch – nicht zuletzt im Interesse der Aktivierung neuer Publikumsschichten – gezielt neue Akzente: etwa im Vorfeld des Christopher Street Day mit einem von Agenda und Ausführenden her queer akzentuierten Konzert im Juni 2027 und einem besonderen Live-Erlebnis in der Lanxess-Arena (und der Arena Oberhausen) im Dezember: Anlässlich von 25 Jahren „Herr der Ringe“ spielt das Orchester Howard Shores originale Filmmusik, während auf einer großdimensionierten Leinwand der Film gezeigt wird.
