Tony Leung zählt zu den meistdekorierten Filmschauspielern. Der in Marburg gedrehte Film „Silent Friend“ der ungarischen Regisseurin Ildiko Enyedi ist Leungs erste europäische Produktion.
Neuer Film „Silent Friend“Für Tony Leung ist Schauspielern wie Therapie

Schauspieler Tony Leung in Köln
Copyright: Daniel Kothenschulte
Tony Leung, als wir uns vor 19 Jahren schon einmal ein Interview gaben, sagten Sie, Sie seien nur aus Traurigkeit Schauspieler geworden.
Das stimmt.
Sind Sie in der Zwischenzeit wenigstens etwas glücklicher geworden?
Das Spielen ist wirklich eine Therapie für mich. Es hilft mir, meine unterdrückten Gefühle und Empfindungen auszudrücken. Sogar jetzt.
Dieser Film wirkt auch auf das Publikum geradezu therapeutisch. Sie spielen einen Neurowissenschaftler, der die Empfindungen von Pflanzen erforscht – und dabei selbst eine betörende Ruhe ausstrahlt.
Die Erfahrung des Spielens war wie das, was ich im Film darstelle: Ein Rückzug. Die ruhige Umgebung am Drehort in Marburg! Und ich genoss das Alleinsein. Ich fühlte mich die ganze Zeit entspannt. Die Regisseurin Ildiko Enyedi machte niemals Druck. Sie schickte mir vorher all diese Bücher über Neurowissenschaft, die ich durcharbeitete. Als ich dann am Set ankam, fragte ich, was ich jetzt noch machen sollte. Sie sagte: Gar nichts. Sei einfach nur da.
In Marburg habe ich mich verliebt. So friedlich, keine Touristen, freundliche Leute. Ich ging jeden Nachmittag in das gleiche Restaurant, gibt ja nicht viele da, und sehe dieselben Leute täglich dreimal.
Das muss man allerdings erst einmal können als Schauspieler.
Ich glaube, sie wollte meine authentischen Gefühle und gar kein Spiel. Ich habe mich also vorher sechs Monate lang auf die Rolle vorbereitet und mir eingeredet, ein Neurowissenschaftler zu sein. Ich habe verschiedene Universitäten in Hongkong besucht und mich mit Wissenschaftlern getroffen. Und durch diese Vorbereitung habe ich meine Perspektive auf die Welt geändert.
Jeden Morgen joggte ich den Berg hinauf, und da gibt es viele Pflanzen und Bäume. Bisher waren das für mich nur Pflanzen, aber nun sind sie für mich Lebewesen mit einer Empfindungswahrnehmung. Plötzlich war da jemand. So hat sich meine Perspektive wirklich verändert.
Kann es sein, dass dies nach über hundert Rollen, die Sie in Asien spielten, Ihr erster Film ist, bei dem eine Frau Regie führte?
(Überlegt) Ja, das ist wohl so. Ich habe nie mit einer Regisseurin zusammengearbeitet. Aber da sehe ich keinen Unterschied.
Ich komme darauf, weil Sie in unserem letzten Gespräch sagten, Sie könnten sich nicht mit den maskulinen Männern identifizieren, die Sie in Ihren frühen Actionfilmen spielten. Vielleicht sah Ildiko Enyedi etwas anderes in Ihnen.
Im wirklichen Leben sehe ich mich eher wie meine Rolle in „In the Mood for Love“, als nicht sehr maskulinen Mann. Ich bin nicht so männlich wie Clint Eastwood. Ildiko sagte, sie sähe da etwas in mir, und ich weiß nicht, was es ist. Etwas sehr Reines, Unschuldiges, den Eindruck hatte sie in einigen Interviews von mir bekommen. Ich glaube, man selbst zu sein, bedeutet echt, authentisch zu sein, allein seinen Gefühlen zu folgen und nichts Künstliches, mit Techniken Generiertes.
Sie haben als Schauspieler alle wichtigen Preise gewonnen, und doch scheint Ihnen das Lernen noch immer das Wichtigste.
Weil ich mich nicht für einen talentierten Schauspieler halte. Ich arbeite nur hart und glaube daran, dass viel Arbeit auch viel bewirkt. Es war wirklich interessant, sich in die Wissenschaft einzulesen. In einem der Bücher, die ich gelesen hatte, stand: Wir halluzinieren ständig, und wenn wir uns über die Halluzination einig sind, nennen wir es Realität.
Das wiederum erinnert mich an die delirierende Stimmung ihrer frühen Hongkong-Filme von Wong Kar-wai. Dieses Hongkong, in dem alles so rasend schnell geschah und wo eine Deadline herbei raste, die Übergabe an China. Erkennen Sie die Stadt heute noch wieder?
Es ist nicht mehr dasselbe Hongkong. Weniger Leute, der Rhythmus ist viel langsamer. Friedlicher.
Das muss Ihnen ja gefallen, wenn Sie die Einsamkeit lieben.
Allerdings. Ich bin immer noch gerne allein. Und in diesem Film spielen Sie ja sogar die meisten Szenen allein. Ich hätte nie gedacht, eine solche Figur spielen zu können. Wie hätte ich denken können, in einem deutschen Film zu spielen, ohne Deutsch zu können? Und in Marburg habe ich mich verliebt. So friedlich, keine Touristen, freundliche Leute. Ich ging jeden Nachmittag in das gleiche Restaurant, gibt ja nicht viele da, und sehe dieselben Leute täglich dreimal. Ich liebe so eine Umgebung.
Ich behandele mich immer wie einen Anfänger, auch in der Karriere.
Wie kamen Sie mit Ihrem Perfektionismus früher im schnell gedrehten Hongkong-Kino nur zurecht?
Ich habe mir immer die größte Mühe gegeben. Aber ich war nie mit mir zufrieden. Bis heute habe ich Angst, mich in Filmen zu sehen.
Dann sind Sie sich immer treu geblieben?
Ich sehe mich immer noch als Kind. Und ich habe immer noch das kindliche Staunen über alles. Ich behandele mich immer wie einen Anfänger, auch in der Karriere. Es gibt so viel für mich zu lernen, da ist so viel, das ich nicht weiß.
Finden Sie sich je vollkommen in Ihrer Arbeit?
Nein, nie. Es gibt keine Vollkommenheit. Ich habe meine ganze Karriere versucht, nach Vollkommenheit zu suchen. Aber jetzt denke ich, nur das Unvollkommene ist vollkommen.

