„Tsunami des Klangs“Neuer Kölner Intendant Hein Mulders spricht über „Les Troyens“

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Köln – Die Trojaner, bekannt für ihre harten Kämpfer, stellen auch auf dem Opernparkett höchste Ansprüche. „Die Trojaner sind ja ein Stück, das nicht jeden Tag irgendwo gespielt wird“, erläutert Hein Mulders, der in Rekordzeit den gesamten Kader für das prall besetzte Werk rekrutieren musste; darunter auch wahre Spitzenkräfte. „Denn hier kommt es tatsächlich sehr auf die drei Hauptrollen an. Und wir mussten von Null anfangen.“

Vergil und Shakespeare in der Oper vereint

Frei nach Vergils Aeneis schrieb Hector Berlioz Mitte des 19. Jahrhunderts das Libretto für die zweiteilige Oper selbst. Darin integrierte er den Text der Liebesszene von Jessica und Lorenzo aus Shakespeares „Der Kaufmann von Venedig“. Berlioz orientierte sich in Formsprache und Konzeption an älteren Vorbildern wie Gluck oder Spontini. Das Werk wurde lange Zeit nur in gekürzten und stark bearbeiteten Fassungen gespielt. Erst am 6. Februar 1920 gab es in Rouen eine Aufführung beider Teile an einem Abend, mit nur wenigen Streichungen. Bis heute ist die Oper mit großem Chor und antiken Flöten oder Oboen eine Herausforderung. (jan)

Premiere am 24. September, 17 Uhr, im Staatenhaus.

Wobei dem Intendanten natürlich entgegenkam, dass er sich langjährig als Castingmanager profilieren konnte. „Ich bin sehr dankbar“, kommentiert Generalmusikdirektor François-Xavier Roth, „dass Hein in so knapper Zeit wirklich ein Wunder vollbracht hat. Es ist eine Freude, auf höchstem Niveau so professionell arbeiten zu dürfen.“

Berüchtigte, vierstündige Oper

Berüchtigt ist in dieser allein zeitlich mit vier Stunden reiner Musik intensiven Oper die Rolle des Aeneas. „Das kann man vergleichen mit einem Siegfried à la française“, meint Mulders zur Tatsache, dass zwei Tenöre im Wechsel singen. „Beide Sänger liegen uns gleichermaßen am Herzen, obwohl sie sehr unterschiedlich sind, sind sie beide wirklich fantastisch.“ Enea Scala, der Name ist bereits Programm, stammt aus Sizilien, Mirko Roschkowski aus Dortmund.

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Scala, der die Premiere singen wird, steht am Wendepunkt vom lyrischen Fach zu großen romantischen Partien. Ihn hat Mulders entdeckt: „Das ist jetzt der perfekte Moment für ihn. Und es bekräftigt unser Anliegen, die Stars von morgen zu präsentieren, die wir uns noch leisten können und die wirklich noch frisch sind und Neues zu bieten haben.“

Kapellmeister schwärmt über Musiker

Die Kölner Oper pflegt eine besondere Tradition in Doppelbesetzungen, die auch bei einer Erkrankung schnell die Möglichkeit für Ersatz bietet. Der Aufwand für diese Mega-Produktion ist personell riesig. „Die Trojaner sind schon neunzig Chorstimmen, das Orchester ist groß und wird noch größer durch zahlreiche Bühnenmusiken“, schwärmt der Kapellmeister über seine Truppe Musiker.

Und Hein Mulders ergänzt: „Hinzu kommt eine große Anzahl von Kleindarstellern, individueller genutzt als die übliche Statisterie, denn Regisseur Johannes Erath hat die Götterwelt im Stück sehr klar dargestellt. Nicht zu vergessen die Riesenbesetzung an Sängerinnen und Sängern.“

Im eigentlichen Stück erheben sich die Menschen zu Göttern, göttliche Weisung lenkt aus dem Verborgenen. Berlioz, der auch ein großer Literat war, orientiert sich an der „Aeneis“ des römischen Dichters Vergil. Sein Aeneas opfert aus bedingungslosem Pflichtbewusstsein sogar seine legendäre Liebe zu Dido.

„Für das Publikum ein unglaubliches Erlebnis“

„Die Musik zu den Trojanern klingt heute frisch und neu. Auf den Proben haben wir wunderbare emotionale Momente erlebt“, erzählt der Maestro bewegt. „Und auch die Freiheit mit dem Raum im Staatenhaus inspiriert die Regie und lässt Außergewöhnliches möglich werden.“ Da schließt sich der Intendant begeistert an: „Johannes Erath hat es geschafft, dass die Zeit verfliegt. Spätestens im berühmten Liebesduett von Dido und Aeneas heben wir alle gemeinsam ab.“ Roth nimmt den Gedanken auf: „Das wird für das Publikum ein unglaubliches Erlebnis, auch akustisch. Jemand hat mir gesagt, das ist großes Kino. Das Publikum wird einen Tsunami-Klang von Orchester und Chor erleben, das wird einzigartig.“

Berlioz hat sein ganzes Leben davon geträumt, dieses Stück zu schreiben. Und er wollte die Opernform in Teilen neu erfinden. „Es gibt eine Szene, da fühlt sich der Operngast gar nicht mehr im Theater“, so Roth, und der Berlioz-Spezialist schwärmt kurz von der historischen Position des französischen Tondichters: „Er war der ultimative Romantiker, der Gefühle vertonte. Gleichzeitig hat er Musik erfunden, die für seine Zeit zu kompliziert war. Und das war für die Franzosen zu viel.“

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