Der Kölner Künstler Nikolas Müller malt leuchtende Aquarelle, die es jetzt in der Artothek zu entdecken gibt.
Nikolas Müller in der ArtothekEine Liebeserklärung an das Anderssein

Nikolas Müller, "My friend", 2026, Aquarell und Buntstift auf Papier, Titelbild der Ausstellung "My friend, The Unknown Artist" in der Kölner Artothek
Copyright: Nikolas Müller
Auf den ersten Blick sind da nur strahlende Farben: vor allem Rot, Gelb, Blau, flüchtig aufgetragen, ineinanderfließend, als könnte das Wasser sie vielleicht doch wieder vom Bildrand schwemmen. Auf den zweiten Blick erzählen alle geschwungenen, nur scheinbar abstrakten Formen dieser Aquarelle mindestens eine Geschichte.
Ob mit kleineren oder für das Medium ungewöhnlich großen Formaten – der Kölner Künstler Nikolas Müller zieht einen sofort hinein in seine fantastischen Bildwelten, in denen man sich schnell verlieren, bald auch wiederfinden kann. Der leuchtend rote Strudel in der Mitte eines seiner großen Werke enttarnt sich etwa als riesige Erdbeertorte, darauf eine Weltraumrakete, die wiederum eine kleinere Rakete (vielleicht ein Tischfeuerwerk) in der Hand hält, daneben sitzen ein Bär und ein Angler. Die Einladung zur Geburtstagsparty von Müllers kleiner Tochter hängt neben dem Werk, das, wie bei Müller üblich, eng mit seiner Biografie verknüpft ist. Dabei ist nicht alles so fröhlich wie die Torte, denn hinter den leuchtend bunten Pinselstrichen verbirgt sich so mancher Abgrund.
Gut und Böse, Idylle und Horror
Gut und Böse, Idylle und Horror verlaufen ineinander wie die leuchtenden Farben. In den schimmernden Zwischentönen, die dabei entstehen, scheinen sie sich aber eher zu ergänzen als zu bekämpfen. Müllers Wahrnehmung ist durch eine Krankheit verändert; seine inneren Bilder bringt er auf schönste Weise zu Papier. Das hat durchaus Tagebuchcharakter, für den das Medium Aquarell überraschend gut geeignet ist: Um die markanten Farbverläufe zu erzeugen, muss Müller nass in nass, also sehr zügig, arbeiten. Die Titel schreibt er mit Buntstiften direkt ins Bild, auf dem sich kindlich-naive Motive, Computerspielästhetik und Comichaftes ganz selbstverständlich begegnen. Viele der fantastischen Figuren, die in diesem Kosmos aus Farben immer wieder auftauchen, sind, wie der Künstler erklärt, seine Alter Egos: ein Krieger, der Angler oder ein Kappenträger.
Auf dem Hochformat einer freundlich dreinblickenden Eule lesen wir in der oberen Bildhälfte „Fear“ und im rechten unteren Eck ein zögerliches „No“ – der Künstler führt ein ständiges Selbstgespräch auf Papier, von dem man nicht jedes Wort verstehen muss, um daran teilzuhaben. Es erzählt von Ängsten, Sorgen und Hoffnungen, fragt nach Zugehörigkeit und danach, was es heißt, nicht in gesellschaftliche Normen zu passen. Der bunte Haufen hübscher Formen aus Aquarell und Buntstiften des kleinen Titelbildes „My friend“ etwa, ist ein Fremder mit auffälligen Kleidern und Hut, der dem Künstler zufällig in der Stadt entgegenkommt, vollgepackt mit Einkaufstüten und einem E-Roller.
Nikolas Müllers Kunst ist nicht zuletzt eine Liebeserklärung an das Anderssein – und lässt sich konsequenterweise selbst in keine Schublade stecken. Auch nicht in die der „Outsider Art“, auch wenn es Parallelen geben mag. Denn Müller studierte erst Kommunikationsdesign und später Mediale Künste an der Kunsthochschule für Medien in Köln, gestaltete preisgekrönte Musikvideos und arbeitet als 3-D-Designer. Wenn er also Aquarelle im Großformat malt, mit Buntstiften hineinschreibt und auch einmal einen Sticker seines Kölner Lieblingscafés aufs Papier klebt, dann vielmehr, um die Grenzen des Akademischen bewusst zu durchkreuzen, sie spielerisch zu erweitern. Sein großes technisches Können sieht man dieser Malerei genauso an wie den Zufall, der nie ausbleibt in diesem hinreißenden Farbenspiel.
Nikolas Müller – My Friend, The Unknown Artist, Artothek, Am Hof 50, Köln, Di – Fr 13–19 Uhr, Sa 13–16 Uhr, bis 22. August.
