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TV-Persiflage im Depot„Du musst dich entscheiden“ scheitert im Schauspiel Köln

3 min
Elias Eilinghoff, Anke Zillich und Georg Vogler in „Du musst dich entscheiden“. Schauspiel Köln

Laut und krawallig: Elias Eilinghoff, Anke Zillich und Georg Vogler in „Du musst dich entscheiden“.

Die Bühnenproduktion „Du musst dich entscheiden“ parodiert Trash-TV, enttäuscht jedoch mit oberflächlicher Behandlung gesellschaftlicher Themen.

Die Idee, im Theater die Gepflogenheiten des Fernsehens aufs Korn zu nehmen, ist so neu nicht. „Du musst dich entscheiden - Die Gameshow für Köln“, die neueste Premiere am Schauspiel Köln, spielt mit den Elementen des Unterhaltungs- und des Trash-TV, allerdings im Resultat nicht überzeugend.

Die aufgekratzten Moderatoren Michelle und Tommy (Anke Zillich und Elias Eilinghoff) führen durch einen Abend, an dem Kandidaten auf der Bühne raten müssen, wie das Publikum im Saal des Depot 1 sich zu bestimmten Fragen äußert. Abgestimmt wird live über das Smartphone. „Die Show ist für unsere Demokratie der letzte Strohhalm“, verspricht Michelle.

Bunte Kandidatenschar

Die Kandidatenschar ist bunt: ein Sachse (Uwe Schmieder) und seine iranische Ehefrau (Hasti Malovian), ein schwules Pärchen aus Ehrenfeld (Fabian Reichenbach und Frank Genser), die nicht-binäre Person Layla (Paula Carbonell Spörk), ein grantelnder österreichischer Landwirt (Günther Wiederschwinger) und eine koreanische Musikerin (Kaoko Amano).

Wie bei der Kindershow „1, 2 oder 3“ müssen sie auf beleuchtete Felder springen, jedes davon steht für eine der drei Antwortmöglichkeiten, unter denen das Publikum auswählen kann. Punkte erhalten die Kandidaten, wenn sie erraten, wofür sich die Mehrheit im Saal entschieden hat. Angeblich zu gewinnen sind zwei Millionen Euro, die der Produzent der Show (Andreas Beck) und seine Assistentinnen (Rebekka Biener und Louisa Beck) hinter der Bühne bereithalten.

Fragwürdige Antwortmöglichkeiten

Zwischen den Fragerunden werden Showacts präsentiert, die wie schon beim seligen „Wetten, dass“ das Tempo drosseln, hat der Abend erst einmal Fahrt aufgenommen. Da gibt's dann Peking-Oper, techno-affine Teufel oder Franz und Sisi, die sich antisemitischen und reaktionär gerieren dürfen. Diese Nummern fungieren dann als mehr oder weniger schlüssige Ausgangsposition für den nächsten Rateblock.

Und da wird vieles abgefragt, wofür sich leicht Mehrheiten finden lassen: Medikamente auch für alte Leute, Brandmauer gegen rechts oder Deutschlands Verhältnis zu China - hier antwortet der gesunde Menschenverstand. Manche Fragestellungen sind heikel, die Antwortschwerpunkte des Publikums fragwürdig. Etwa wenn 42 Prozent die Frage „Hat Putin den Tod verdient?“ mit „Ja, jederzeit“ beantworten und 22 Prozent die Möglichkeit „Nur, wenn wir uns die Gangster von der NATO auch vorknöpfen“ wählen, und 35 Prozent finden „Nein, das Recht auf Leben ist universell“, läuft dieser Abend in die Irre: Ist das hier eine Online-Stammtischabstimmung? Oder soll das lustig sein, mal aus dem Dunkel des Saals heraus mit dem Kriegsverbrecher Putin kurzen Prozess machen zu wollen, statt ihn vor ein internationales Gericht zu stellen?

Inhaltlich grenzwertig, formell misslungen

Und ebenfalls 22 Prozent befürworten, dass ein von einem Schüler wegen angeblichem sexuellen Fehlverhalten beschuldigter Schulleiter „gefoltert“ werden sollte, um die Wahrheit aus ihm herauszubekommen. Auch wenn sich die Mehrheit (56 Prozent) gegen eine Untersuchungshaft und 22 Prozent dafür entschieden haben: An dieser Stelle fragt man sich, was die Autoren Johan Frederik Hartle und Kay Voges (der auch Regie geführt hat) bewogen hat, eine solche Antwortmöglichkeit vorzugeben.

Klar, hier werden gesellschaftliche Probleme und Themen behandelt, aber das im Eiltempo, ohne irgendetwas zu vertiefen. Irgendwann gerät es in die Beliebigkeit, was hier verhandelt wird - und ob sich auch immer alle und vor allem dann auch ernsthaft an den Abstimmungen beteiligt haben, sei dahingestellt.

Während der Abend inhaltlich also grenzwertig ist, ist er formell misslungen. Die Parodie der TV-Show ist klischeehaft, enervierend und wenig zielführend. Das alles soll chaotisch rüberkommen, und das tut es auch, ist dabei aber nicht erhellend, sondern nur ermüdend. Was improvisiert wirken soll, bleibt fahrig und unkonzentriert. Kein Fernsehsender würde eine zweite Staffel ordern. Die Mehrheit am Premierenabend zeigte sich begeistert.

135 Minuten (keine Pause), wieder am 18. und 27.1. sowie 1. und 28.2.