Junge Musiker werden in der Orchesterakademie des WDR zwei Jahre lang betreut und gecoacht. Jan Sting sprach mit Michael Geismann, Kontrabassist des Rundfunkorchesters und Vorsitzender des Fördervereins, über sein Ehrenamt im Konzertbetrieb.
Orchesterakademie in Köln„Die Ansprüche sind höher geworden“

Der Vorsitzende des Fördervereins, Michael Geismann, zur Orchesterakademie des WDR.
Copyright: Hyou Vielz
Freunde und Förderer des WDR Sinfonieorchesters feiern zehnten Geburtstag. Was war der Auslöser, die damit verbundene Orchesterakademie zu gründen?
Tatsächlich bekommen wir sehr gut ausgebildete Instrumentalisten von der Hochschule. Aber gerade bei den großen Streichergruppen halten die instrumentalen Fähigkeiten nicht Schritt mit den Fähigkeiten, die im Orchester zusätzlich noch gefragt sind – zumal beim Zusammenspiel in der Gruppe. Das ist doch ganz anders, als wenn man solistisch spielt.
Haben Absolventen heute nicht mehr so viel Orchestererfahrung?
Ich glaube, es lässt nicht nach. Aber die Ansprüche der Orchester sind höher geworden. Diese Zeit, die es in den 70er oder 80er Jahren gab, dass man erst mal so anfängt, Learning bei Doing unter dem Radar, das gibt es heute fast nicht mehr. Sondern es wird erwartet, dass sie alles schon mitbringen. Auch im Alter von manchmal erst 22. Das ist ein bisschen unfair. Genau an dieser Schnittstelle sehen wir uns. Dass man tolle Instrumentalisten bekommt, und ihnen dann im Dienst, aber auch drumherum Dinge beibringt, damit sie auch in der Gruppe ihr volles Potential ausschöpfen.
Wie lange sind die Stipendiaten dabei?
Immer für zwei Jahre, ein recht langer Zeitraum. Wir fanden, dass jeder sich entwickeln darf. Wenn man sich umstellen muss, soll man die Zeit dafür haben.
Wie viel Stipendiaten gibt es im Schnitt?
Wir haben mit fünf Streichern angefangen. Dann kam die Harfe dazu, dann das Schlagzeug und im letzten Jahr konnten wir deutlich vergrößern auf jetzt 14 Stipendiaten. Damit sind wir fast am langfristigen Ziel angekommen. Wir streben an, in der Kammermusik ein breites Repertoire bieten zu können. Die Konzerte dort sind für die Freunde und Förderer.
Gibt es persönliches Coaching?
Die Akademie hat verschiedene Aspekte: Einerseits das Orchesterspiel. Kammermusik ist ein wichtiger Bestandteil, deswegen machen wir hier und auswärts Konzerte. Und dann gibt es Coachings zu verschiedenen Themen wie den Auftritten auf der Bühne. Wie reagiere ich in Situationen, in den ich unter Stress gerate? Vor allem bei den Vorspielterminen, wenn es um eine Neueinstellung geht. Wir haben Dozenten aus den verschiedensten Bereichen unter anderen von der Sporthochschule und vom Theater.
Was vermitteln die?
Bei der Sporthochschule merkt man, dass die Tätigkeiten oft sehr ähnlich sind. Hochdiffizile Abläufe zum Beispiel. Die Sportler sind wissenschaftlich aber viel weiter als wir. Wir machen das durch einfache Wiederholung und hoffen, dass wir es irgendwann können. Ohne zu wissen, was da eigentlich passiert. In der Sportwissenschaft zeigen sie, worauf man sich einstellen, worauf man achten muss. Die Erkenntnisse lassen sich oft eins zu eins umsetzen.
Also wie man zum Beispiel bei Stress reagiert.
Genau. Stress ist evolutionsgeschichtlich nichts Negatives. Sondern was Notwendiges. Aber er führt manchmal zu Situationen, wie etwa dem Bogenzittern. Es wird zu viel Adrenalin ausgeschüttet. Das kann man aber auch nutzen, wenn es positiv läuft.
Was gab es in zehn Jahren für Meilensteine?
Das Größte war ein großes Konzert in der Philharmonie in der Zusammenarbeit mit der Sparda-Stiftung. Wir als Freunde und Förderer waren Mitveranstalter. Die Akademie war der begünstigte Verein, an den die kompletten Einnahmen gingen. Was uns zu dem frühen Zeitpunkt 2015 enorm weitergebracht hat. Denn gerade der Anfang ist immer zäh. Man muss die Leute überzeugen.
Sie werden bestimmt öfter gefragt, warum ein öffentlich-rechtlicher Sender einen Förderverein braucht.
Man sieht immer die Summen. Gleichzeitig muss man auch sagen, dass nicht alles Geld, das der WDR hat, bei uns ankommt. Es verteilt sich auf sehr, sehr viele, auch oft sehr teure Bereiche, Sportrechte oder die großen Filmproduktionen. Auch wir müssen gucken, wie wir mit dem Geld zurechtkommen. Es ist in den letzten Jahren nicht mehr geworden, sondern deutlich weniger. Als wir Förderverein und Akademie gegründet haben, fand man die Idee sehr gut, signalisierte aber, dass der Sender das nicht allein tragen kann. Das heißt nicht, dass er nichts gibt. Aber die ganze Verwaltung ist ehrenamtlich. Dieses Vereinsmodell ist steuerbegünstigt, die Stipendiaten sind steuerfrei, wir müssen keine Sozialabgaben bezahlen.
Wieviel Mitglieder hat der Förderverein?
Etwa 170. Der Förderverein ist seit Gründung stetig gewachsen. Auch in der Coronazeit sind wir nicht kleiner geworden, die Mitglieder haben uns die Treue gehalten. Viele Freunde und Förderer sind zeitgleich Abonnenten und geben 80 oder 120 Euro im Jahr extra.
Sind auch Orchestermusiker Fördermitglieder?
Gleich acht Gründungsmitglieder der beiden Vereine kommen aus dem Orchester. Danach kamen weitere dazu. Mittlerweile haben wir die meisten Neuzugänge von außen. Aber eine hohe Identifikation in der Sache ist im Orchester da. Die Kollegen spielen ehrenamtlich für die Akademie. Es ist es nie ein Problem, jemanden zu finden. Das lässt die Mühen der Organisation vergessen.
Ein Mitglied der Wiener Philharmoniker schrieb ein Buch unter dem Titel „Dafür wird man auch noch bezahlt“. Lässt sich das gewerkschaftlich halten, auch wenn es ein wunderschöner Beruf ist?
Bei fast allen Orchestermusikern, wie allen Musikern, ist immer eine Berufung dabei. Mit allen positiven und auch negativen Seiten, die es hat. Insofern ist da auch was dran. Und trotzdem ist es berechtigt, dass man für seine harte Arbeit auch entlohnt wird. Ich finde es schon großartig, wenn man seine Berufung zum Beruf machen kann.
Und wie sehen die Perspektiven für Orchestermusiker generell aus?
In den letzten zwanzig, dreißig Jahre gab es insgesamt weniger Stellen in der Summe. Die vielen gut ausgebildeten Musiker treffen auf immer weniger Stellen. Das muss man einfach wissen. Und es trotzdem keinem ausreden, der das unbedingt machen will. Dafür ist einfach der Beruf zu schön.
