Abo

phil.CologneDer Widerstand gegen die Macht

3 min
Ein Mann sitzt auf einer Bühne und spricht in ein Mikrofon.

Sprach bei der phil.Cologne über seinen Weggefährten Michel Foucault: Didier Eribon

Bei dem Festival der Philosophie sprachen Didier Eribon über Foucault und Carla Hinrichs über zivilen Ungehorsam.

Eine Biografie nochmals schreiben, weil neues Material aufgetaucht ist und Sichtweisen sich verändert haben – vielen Autoren ist so etwas nicht vergönnt. Dem französischen Starintellektuellen Didier Eribon schon. Im Gespräch mit Olga Mannheimer gab er jetzt im Rahmen der phil.Cologne in den Ehrenfelder Balloni-Hallen Auskunft über sein umfangreiches Lebensbild des Landsmannes Michel Foucault, der im Oktober hundert Jahre alt würde.

Das in Bälde bei Suhrkamp auf Deutsch erscheinende Buch ist nicht ganz und gar neu – eine erste Version erschien bereits 1989, fünf Jahre nach dem Tod des Philosophen. Aber jetzt wurden eben noch mal 150 Seiten draufgesattelt. Seinerzeit war Eribon für sein bei den Lesern erfolgreiches Werk auch geschmäht worden – weil er, selbst bekennender Schwuler, Foucaults Homosexualität zu einem erklärungsträchtigen Angelpunkt für dessen Leben, Denken und Schreiben gemacht hatte. Tatsächlich seien hier, wie Eribon jetzt noch einmal betonte, tiefsitzende persönliche Traumata produktiv geworden.

Eribon über die „Beichtvater“-Qualitäten Foucaults

Der Widerstand gegen die normative Macht von Institutionen, Foucaults Problematisierung von Ausschließungsdiskursen gegen Minderheiten, sein Interesse an (als Krankheit stigmatisiertem) abweichendem Verhalten (Wahnsinn, Kriminalität) seien darauf zurückzuführen, auch die Fokussierung auf Genealogie: „Was einmal entstanden ist, kann auch wieder abgeschafft werden.“

Eribon kannte Foucault seit 1980, musste sich, wie er amüsiert berichtete, anfänglicher Annäherungsversuche erwehren. Einprägsam beschrieb er freilich auch die Großzügigkeit, die Unterstützungsbereitschaft, den Humor und die „Beichtvater“-Qualitäten des anderen. Bemerkenswert eindeutig situiert Eribon Foucault aufseiten der französischen Linken nach 1968. Bemerkenswert deshalb, weil ja gerade in Deutschland Foucaults große Stunde in den 1970er und 80er Jahren schlug, als die Impulse marxistischer Veränderungsutopien erlahmten. Das Nicht-Verhältnis Foucaults zu Jürgen Habermas etwa hätte in diesem Sinne durchaus noch eine intensivere Erörterung verdient.

Carla Hinrichs über zivilen Ungehorsam

Wie repressiv ein Staat reagieren kann, wenn seine Bürger versuchen, sich der normativen Macht zu widersetzen, wusste Carla Hinrichs zu berichten. Die ehemalige Sprecherin der mittlerweile aufgelösten Klimabewegung „Letzte Generation“ war drei Stunden später in den Balloni-Hallen zu Gast, um über ihre Protesterfahrungen und ihr Buch „Meine verletzte Generation“ zu sprechen.

Eine Frau sitzt auf einer Bühne in einem Sessel und spricht.

Die ehemalige Sprecherin der mittlerweile aufgelösten Klimabewegung „Letzte Generation“: Carla Hinrichs bei der phil.Cologne

Die Generalstaatsanwaltschaft München hat die heute 29-Jährige und vier weitere Aktivisten wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung angeklagt. Zuvor hatten Einsatzkommandos 2023 die Wohnung von Hinrichs gestürmt und ihr Zimmer durchsucht. Hinrichs schreibt: „Ein ohrenbetäubender Knall lässt meine Fensterscheiben vibrieren. Er dröhnt durch das Haus, als wäre ein Blitz eingeschlagen. Das Blut in meinen Adern gefriert.“ Kurz darauf habe sie in den Lauf einer Waffe geblickt.

Hinrichs sieht Prozess als politisch motiviert an

Hinrichs, die Jura studierte ohne das Studium abzuschließen, erzählte in Köln, ihr sei während der Zeit, als sie sich mit ihren Mitstreiterinnen und Mitstreitern regelmäßig auf die Straßen der Republik klebte, bewusst gewesen, dass dieses Verhalten juristische Konsequenzen nach sich ziehen könne. „Das halte ich auch in einem Rechtsstaat für ziemlich wichtig“, betonte Hinrichs. Ein Rechtsstaat müsse überprüfen, ob das Verhalten seiner Bürgerinnen und Bürger einen Straftatbestand erfülle oder nicht. „Das kann ich selbst nicht bewerten, im Rechtsstaat macht das die Judikative.“

Mit solch einem schwerwiegenden Tatvorwurf habe sie aber nicht gerechnet, sagte Hinrichs. Ob das Verhalten der „Letzten Generation“ unter die Voraussetzungen zur Bildung einer kriminellen Vereinigung fällt, ist umstritten. Bewertungsmaßstab ist vor allem, ob von der Gruppe eine erhebliche Gefahr für die öffentliche Sicherheit ausgegangen ist. Hinrichs bestreite das. Für sie sei der Prozess ein politischer.

Umso glücklicher sei sie über die zahlreichen Solidaritätsbekundungen gewesen: „1400 Menschen haben sich bei der Staatsanwaltschaft selbst angezeigt und gesagt: ‚Also, wenn die eine kriminelle Vereinigung sind, come on, dann bin ich auch Teil davon.‘ Das hat sich so krass gegen die zurückgedreht. Ich empfinde das als einen revolutionären Moment.“