Zum Auftakt ihrer 23. Ausgabe widmet die lit.COLOGNE am Mittwoch den Protesten im Iran einen Abend, an dem auch Asal Dardan teilnimmt. Im Interview spricht die Autorin und Journalistin über das Land, in dem sie geboren wurde, und darüber, was getan werden muss, damit Iranerinnen und Iraner frei leben können.
Interview mit Asal Dardan vor lit.COLOGNE„Der Frauenhass ist der stabilisierende Faktor des Regimes“

Kurdische Frauen in Beirut schwenken Kopftücher, während sie Bilder von Mahsa Amini in die Höhe halten (Archivbild).
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Wie stark ist Ihre Bindung zum Iran, den Sie als Kind verlassen haben?
Dadurch dass mein Farsi recht verkümmert ist und ich keine Familienmitglieder oder Freundinnen oder Freunde dort habe, ist es eine verkopfte und auf vielen Projektionen und Emotionen aufbauende Verbindung.
Hat sich das jetzt verändert?
Durch die neue revolutionäre Bewegung bin ich gezielt in Kontakt mit anderen Iranerinnen und Iranern getreten, die aber hauptsächlich im Exil leben. Ich habe auch einige iranische Menschen kennengelernt, die erst vor einiger Zeit gegangen sind und zumindest ihre Kindheit dort verbracht haben. Und ich habe gemerkt, dass wir ganz anders geprägt sind und ganz anders über das Land nachdenken. Dessen muss man sich sehr stark bewusst sein, wenn man hier in Deutschland über den Iran spricht: Dass ich als Deutsche, die durch Geburt eine Verbindung zu dem Land hat, spreche.
Waren Sie später einmal dort?
Nein, das geht aus unterschiedlichen Gründen nicht. Zum einen, weil meine Eltern politische Flüchtlinge waren. Zum anderen steht in meinem deutschen Ausweis, dass ich in Teheran geboren bin. Weil der Iran niemanden aus der Staatsangehörigkeit entlässt, müsste mein Vater für mich in der Botschaft einen iranischen Pass beantragen und ich dorthin als Iranerin reisen. Wenn man sieht, was jetzt mit Jamshid Sharmahd geschehen ist, der zum Tode verurteilt wurde, fehlt mir natürlich der Abenteuer-Wille in dieses Land zu reisen.
Warum wird seit so langer Zeit an den strengen Kleidervorschriften für Frauen festgehalten?
Der Frauenhass ist der stabilisierende Faktor des Regimes. Es bricht zusammen, wenn es anfängt, die Kleiderordnungen aufzugeben und Frauen freier leben lassen. Denn dann fragen die Menschen nach weiteren Freiheiten.
Wie haben Sie von Jina Mahsa Aminis Tod erfahren?
Ich habe auf Twitter das Bild mit den Schläuchen in ihrem Mund gesehen. Mich hat dann überwältig, wie groß das wurde. Ich habe in der gesamten Woche kaum geschlafen, die Geschehnisse auf Twitter und Instagram verfolgt, eine Whatsapp-Gruppe gegründet. In den ersten Tagen hatte ich das Gefühl, mein Gott, ich kann bald ins Land. Aber man ist dann ziemlich schnell wieder in der Realität aufgewacht.
War Jina Mahsa Aminis Tod der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat?
Ja. Doch auch wenn wir es in dieser Intensität nicht mitbekommen haben: Seit das islamische Regime an der Macht ist, arbeiten die Menschen daran, es loszuwerden. Es gab immer wieder Bewegungen und Proteste. Es gab immer wieder Frauen, die an öffentlichen Orten ihre Kopftücher abgenommen haben. Als Jina Aminis Tod publik wurde, ist etwas zusammengekommen – sodass viele unterschiedliche Bevölkerungsschichten gesagt haben, jetzt reicht’s!
Fühlt man sich hilflos, weil man aus der Ferne zuschauen muss?
Selbstverständlich. Ich habe auch ein stechendes Gefühl der Bequemlichkeit, weil mir das alles erspart geblieben ist und erspart bleibt. Gleichzeitig kann ich nicht so tun, als wäre ich Iranerin. Ich kann nichts anderes machen, als in meinem Land, in Deutschland, die Aufmerksamkeit aufrechtzuerhalten – und sie auf die Menschen und die Proteste zu lenken. Ganz wichtig ist es, dass man im Ausland solidarisch ist. Gerade bei solchen Todesurteilen zählt jede Berichterstattung.
Welche Aufgabe hat die Diaspora?
Sie sollte nicht vorgeben, was im Land zu passieren hat. Wir können den Kontakt im Land zu den Menschen halten und zu übermitteln, was dort gesagt und getan wird.
Auch in unserer Zeitung wurde zuletzt über Reza Pahlavi, den in den USA lebenden Sohn des letzten Schahs, berichtet: Er bietet sich an, die Opposition im Land zu einigen.
Ich sehe dieses Bündnis sehr zwiespältig. Das sind Figuren aus der Diaspora, die sagen, wir legen jetzt unsere Differenzen bei, weil wir dieses Regime loswerden wollen. Meines Erachtens geht es um mehr als nur einige Differenzen. Pahlavi ist der Nachkomme eines Monarchen, der auch eine Diktatur im Iran zu verantworten hat. Bei der Revolution 1978 war auch der Gedanke, wir verbünden uns mit dem kleineren Übel, um das größere loszuwerden – und dann ist die islamische Regierung an die Macht gekommen.
Reza Pahlavi wäre also heute, für Sie ein solches „kleineres Übel“?
Es gibt einige, die ihn für ein Versprechen halten. Meines Wissens hat er sich nie kritisch mit der Rolle seines Vaters auseinandergesetzt und sich recht häufig nationalistisch geäußert. In meinen Augen ist er kein vertrauensvoller Bündnispartner. Es ist Zeit für etwas Neues!
Ein kompletter Regimewechsel und nicht nur Reformen?
Reformen bringen nichts, das haben wir schon gesehen. Wir in der Diaspora – und da sehe ich mich auch selbst kritisch– haben viel zu lange die „Möhre“ der Reformer vor uns baumeln lassen. Zuletzt wurde der Regisseur Jafar Panahi freigelassen, und zwei Wochen später wird Jamshid Sharmahd zum Tode verurteilt – das ist ein Regime der Willkür!
Was für ein System sollte kommen?
Es ist zwingend, dass die iranischen Menschen das für sich entwickeln. Demokratisierungsprozesse sind extrem schwer, wie wir nach dem Arabischen Frühling gesehen haben. Aber ich glaube, dass die Menschen zu wenig Geduld haben und nicht etwas gescheitert ist, weil nicht nach ein paar Wochen ein stabiles Parlament da sitzt. Wir haben hier in Deutschland selbst die Erfahrung gemacht, wie lange das dauert.
Was kann Deutschland tun?
Es ist etwa unheimlich wichtig, wenn, wie jetzt geschehen, Mitarbeiter der Botschaft als unerwünschte Personen bezeichnet werden. Und ich bin froh, dass die deutsche Regierung ihrem Staatsangehörigen Jamshid Sharmahd den Rücken stärkt. Insgesamt hängt der Prozess im Iran ganz stark von Aufmerksamkeit ab. Denn sobald niemand mehr hinguckt, niemand mehr berichtet, kann das Regime mit den Menschen umgehen, wie es ihm beliebt.
Was bedeutet es, eine Veranstaltung wie „Jin, Jiyan, Azadi“ auf einem Literaturfestival zu machen?
Es ist ein starkes Zeichen, dass die lit.COLOGNE diesem Thema ihren Eröffnungsabend widmet. Abgesehen von den Menschen selber, sind die Kultur und die Kunst die ersten Opfer solcher Regime. Es ist ein Zeichen, das an die iranischen Autorinnen und Autoren, an die gesamte Kulturszene geht. Eine solche Veranstaltung kann auch zeigen, wie Solidarität funktioniert: Dass man solchen Stimmen eine Bühne bietet, wenn Eva Mattes literarische Texte von iranischen und aus dem Iran stammenden Menschen liest.
