Bonn – Das befestigte Legionskastell der Römer ist auch 1600 Jahre, nachdem es aufgegeben wurde, in seinen Umrissen im Bonner Stadtbild noch gut erkennbar. Es war eine riesige Anlage, hinter deren Mauern und Toren die Bevölkerung einer Stadt Platz fand. Rosental, Rheindorfer Straße und Augustusring markieren seine Grenzen. Mit 528 Metern Länge und 524 Metern Breite gilt es als das größte seiner Art nördlich der Alpen, wenn nicht überhaupt im Römischen Weltreich. Bis zu 10 000 Soldaten haben hier ihren Dienst gleichzeitig versehen und die römische Außengrenze am Rhein bewacht, wie in 49 anderen Kastellen zwischen Rheinbrohl und Nordsee.
Wie sich die alten Römer ernährten
Von den neuen Prospektionstechniken (also der Erkundung und Erfassung von archäologischen Stätten in einem bestimmten Gebiet) verspricht sich die Wissenschaft nicht nur neue Erkenntnisse über die Bau- und Siedlungsstruktur.
Neue naturwissenschaftliche Analysemethoden erlauben beispielsweise auch Einblicke in die Ernährungsgewohnheiten, zur Gesundheit oder Mobilität der Bewohner.
Neben der Fernerkundung wollen die Wissenschaftler aber auch alle in der Vergangenheit gemachten Funde aus den vier Legionslagern noch einmal sichten und in Beziehung zueinander setzen. In den vergangenen 150 Jahren ist dabei durch Antikensammler und professionelle Ausgrabungen einiges zusammengekommen. Zum ersten Mal sollen alle diese Artefakte vollständig wissenschaftlich analysiert werden. Das Akademienprogramm der acht deutschen Wissenschaftsakademien und der nationalen Akademie Leopoldina ist aktuell das größte geistes- und sozialwissenschaftliche Forschungsprogramm Deutschlands und international einzigartig.
Seit 1979 wird es von Bund und Ländern gemeinsam finanziert. Das Akademienprogramm soll das kulturelle Erbe der Welt erschließen, sichern und sichtbar machen.
Mit einem Finanzvolumen von 72,9 Millionen Euro werden im Jahr 2022 insgesamt 128 Vorhaben mit rund 188 Arbeitsstellen finanziert. Dazu gehören vor allem 108 Editionen und 18 Wörterbücher. Das Vorhaben im Rheinland ist eines von zwei Projekten aus der sozial- und kulturwissenschaftlichen Grundlagenforschung. (wmr)
„Auch wenn die Forschung nicht bei null beginnt, lässt sich bislang etliches nur erahnen“, sagt der Bonner Archäologie-Professor Jan Bemmann. Ein neues Querschnittsprojekt soll deshalb die vier zentralen Militärstützpunkte Bonn, Neuss, Xanten und Nijmegen am Niedergermanischen Limes und ihre vielschichtige Binnenstruktur mit modernsten Methoden noch besser erfassen und für künftige Forschergenerationen erhalten.
Zehn Millionen Euro für das Projekt
Initiiert vom LVR-Landesmuseum Bonn engagieren sich dabei neben Bonner Archäologen auch Experten der niederländischen Universität Nijmegen und der Ludwig-Maximilians-Universität München. Außerdem sind örtliche Museen und die Bodendenkmalpflege im Rheinland eingebunden. Aus dem gemeinsamen Forschungsprogramm der deutschen Wissenschaftsakademien und finanziert mit Geldern von Bund und Ländern erhält das Projekt rund zehn Millionen Euro. Jedoch erstreckt sich die Förderphase über einen sehr langen Zeitraum von 18 Jahren. Damit wird eine kontinuierliche Arbeit erst möglich. Gerade in der Archäologie dauert es schließlich oft viele Jahre, bis beispielsweise alle Funde einer Grabungskampagne dokumentiert, ausgewertet und in Beziehungen zu früheren Erkenntnissen gesetzt sind.
„Das Vorhaben bewegt sich auf der spannenden Schnittstelle von hochmoderner digitaler Forschung und Kulturerhalt“, sagt Projektleiter Bemmann von der Abteilung Vor- und Frühgeschichtliche Archäologie der Universität Bonn. Legionslager waren nicht einfach nur Kasernen mit Wohn- und Verwaltungsbaracken und Exerzierplätzen. Das haben jüngst Ausgrabungen im Bonner Stadtteil Castell gezeigt, bei denen erstmalig nördlich der Alpen bunte Wandbemalungen in Wohnunterkünften gefunden wurden.
Die hier stationierten Truppen und Offiziere wohnten oft über Jahre an einem Standort und richteten sich häuslich ein. Sie stammten in der frühen Kaiserzeit – also im 1. Jahrhundert nach Christus – noch aus dem zentralen Mittelmeerraum rund um Rom. Sie brachten ihre Moden, religiösen Riten, Freizeitbeschäftigungen und Essgewohnheiten mit ins Rheinland.
Geprägt vom Mittelmeer
Über die gut ausgebauten Straßenverbindungen und über den Fluss brachten Händler Nachschub aus dem Kernreich. Oft genug kamen auch Frauen und Kinder mit, die in den Lagervorstädten mit ihren Schänken und Handwerksbetrieben wohnten. So wurden die Legionslager zu einer Art Mikrokosmos Roms. Außerdem gab es viele Kontakte mit der bereits ansässigen Bevölkerung, im Falle Bonns vom Stamm der Ubier. Zudem war auch die Rheingrenze kein undurchlässiges Bollwerk, sondern eher eine Zoll- und Kontrollschranke und für Handel und Wandel durchaus durchlässig. Das Legionslager wurde unweit der gegenüberliegenden Siegmündung bewusst an einem frühen Rheinübergang angelegt.
Man darf sich das Kastell also nicht als Insel der (römischen) Zivilisation in dichten germanischen Wäldern ausmalen. Im Gegenteil: „Dank moderner geophysikalischer Prospektionsverfahren und neuer Möglichkeiten der Fernerkundung stellen sich die in der älteren Forschung häufiger als Inseln betrachteten Legionslager inzwischen als Zentren eines dicht bebauten und intensiv genutzten Umlandes dar“, berichtet Bemmann.
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Das Rheinland war auch vor 2000 Jahren eine reiche Kulturlandschaft. So ertragreich, dass neben der Lagervorstadt auch etwas weiter südlich (im heutigen Bundesviertel) eine prosperierende Zivilsiedlung entstand.
Bu: Das Denkmal für Julius Cäsar am Schwarzrheindorfer Rheinufer gegenüber des Römerkastells wurde 1989 zum damals gefeierten 2000-Jahre-Jubiläum Bonns aufgestellt. Foto: Martin Wein



