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Sommerblut-FestivalDie Hoffnung der Frauen

3 min

Szene aus „Hope“, Premiere beim Sommerblut-Festival 2026

Die Kölner Choreografin Julia Riera alias MIRA mit „Hope“, einer Performance zu Hoffnung.

Die drei Tänzerinnen versuchen, ihr Gleichgewicht zu halten. Die eine tanzt auf einer kleinen schwarzen Scheibe, meist auf einem Bein, die andere liegt bäuchlings auf einem einzelnen Tischbock, die dritte häuft sich zu viele solcher leichtmetallenen Tischstützen auf Arm und Schulter. „Risiko!“, ruft die stille Szene. Die Tanzperformance heißt aber „Hope“, meint Hoffnung. Also beschaut man hier die Erwartung, der Tänzerinnen und der Zuschauer, dass niemand stürzt. Dann poltern die kleinen Gerüste.

Die Kölner Choreografin Julia Riera mit ihrem Label MIRA ist bekannt für ihre feinfühligen, nie spektakulären Tänze mit Objekten oder ohne, oft an ungewöhnlichen Orten. Diesmal nimmt sie Sprache hinzu. In „Hope“, das im Rahmen des Sommerblut-Festivals in der Halle der Alten Feuerwache Premiere feierte, wird viel gesprochen. Erst denkt man, Stichwort Erwartung: Wie schade. Wie konventionell. Der Tanz verarmt. Aber es fügt sich alles zusammen; und weil das Stück die Zuschauer direkter tangieren möchte als eine Vorführung, die man betrachtet, lädt das Sprechen zur mehr Beteiligung ein. Niemand wird auf offener Bühne befragt, aber der Epilog ist ein Zusammensitzen an einer inzwischen aus lauter Platten auf Stützen zusammengebauten langen Tafel mitten auf der Bühnenfläche. Reden, Zuhören.

Die Zukunft ist der Tod

Es ist auch Zeit, über Hoffnung zu sprechen. Nach der stillen Eingangsszene reiht Odile Foehl mit neutraler Stimme, fast wie eine KI, Aussagen zu Hoffnung aneinander. Sie stammen, folgert man bald, von mehreren Personen: ganz jungen, die „Jungs aus meiner Klasse“ erwähnen (die Frauen an den Herd wünschen), und älteren, die von „Angst“ und „die Zukunft ist der Tod“ und „nur Leben leben“ sprechen. Später im Stück kehren einige dieser eindringlichen Sätze in ihrem Originalton aus den Lautsprechern wieder. Dazu andere.

Riera hatte in Köln Frauen dazu aufgerufen, ihr Audioaufnahmen über Hoffnung zu schicken, anhand eines Mini-Fragebogens. Es kamen viel mehr als erwartet, in mehreren Sprachen. Eine Auswahl wird hier abgespielt, über- und nacheinander: Erlebnisse gefühlter Machtlosigkeit, von erwachendem Protest, von Vergangenheit, Dazwischensein, Generationen, Tragen. Stützen.

Die Tänzerinnen, Foehl, Joy Kammin und Luara Ferreira Sampaio, lehnen sich in Mauernischen, später aneinander. Die Hände berühren Wand, Boden, Stirn, Fuß, finden andere Hände. Das Schwere oder die Schwere wird körperlich ins Leichte verwandelt: eine Grundlage des modernen Tanzes. Und der Hoffnung? Eine fröhliche Unisono-Choreo der drei mit weit ausgreifenden Gliedern, geschmeidig, wendig, bündelt diese Transformation. Videoprojektionen der Filmerin Julia Franken zeigen die Tänzerinnen im grünen Wald, Haut an Blatt, Augen, Haare, Gesichter ohne Eile. Hoffnung hat auch mit Wachsen zu tun, Weite, mit Nähe, mit Einfühlen, Mitfühlen.

„Eine Superpower wäre die Empathie-Telepathie“, hatte eine Frau gesagt. Soll man das hoffen? Gibt es falsche Hoffnungen? Die Stimmen unterscheiden sich wie die einzelnen Erfahrungen, auf die sich das Hoffen stützt. „Hope“ belehrt und bedrängt nicht, therapiert nicht. Hofft auf Kunst. Stellt die richtige Frage.