Das Kölner Sommerblut-Festival startet mit berührenden Einblicken in die Welt ukrainischer Kriegsversehrter, die in Deutschland behandelt werden.
Sommerblut-FestivalUnd dann explodiert der Geländewagen

Ein ukrainischer Frauenchor gibt dem verwundeten Kämpfer Kraft.
Copyright: Nathan Dreessen
Ein Bild vom Krieg: Wir sehen Dashcam-Aufnahmen aus dem geschützten Fahrzeug von Serhii. Der Soldat mit dem Armee-Rufnamen „Schumacher“ – wie „Michael“, nicht wie „Toni“, präzisiert er – rast über eine unasphaltierte Straße durchs offene Gelände, irgendwo im ukrainischen Kampfgebiet. Dann verfolgen wir seinen Wagen aus erhöhter Perspektive. Sehen, wie er hinter einem Haus verschwindet, wie er wieder im Bild auftaucht, wie plötzlich eine heftige Explosion das Fahrzeug erschüttert. Kollektives Aufstöhnen im Orangerie-Theater. War es eine Mine, eine Panzerfaust? Als Nächstes kann es den schwer verwundeten Serhii dabei zuschauen, wie er sich aus dem zerstörten Auto hinter einen Baum in Deckung rollt.
Drei Stunden habe er auf die Rettungssanitäter gewartet, erzählt Schumacher auf der Kölner Bühne, über ihm schwirrten Drohnen. Beide Beine müssen amputiert werden, eröffnen ihm die ukrainischen Ärzte. Die Verletzungen übersteigen ihre Möglichkeiten. Dank des MedEvac-Programms kann Serhii in Deutschland behandelt werden. Ein Bein wird gerettet. Das Hilfsprogramm, lernt das Publikum, ist nicht völlig uneigennützig, es gibt hier viel zu lernen für die deutschen Mediziner. Und dass sich die Krankenhäuser hier auch auf kommende Konflikte vorbereiten, denkt man sich dazu.
Experten des Kriegsalltags
Serhii ist einer von sieben Kriegsversehrten, die im Orangerie-Theater an André Erlens Stück „Un/Zerbrechlich“ teilnehmen, mit dem am Mittwochabend das Sommerblut eröffnet wurde, das von Rolf Emmerich gegründete und bis heute geleitete Kölner Kulturfestival feiert dieses Jahr sein 25-jähriges Bestehen. Am Anfang stellen sich die Experten des Kriegsalltags mit ihren Kampfnamen vor: Apostel heißen sie, Dreckskerl, Zahnarzt, Querschläger, Schnapsglas. „Sparkle“, „Funke“, nennt sich die einzige Frau der Gruppe. Sie alle hatten sich freiwillig zur Armee gemeldet. Jetzt schmerzen sie nicht nur die Wunden, sondern auch das – irrationale, aber deshalb nicht weniger reale – schlechte Gewissen, ihre Kameraden im Stich gelassen zu haben.
Er könne nicht aufhören, sich Sorgen um seine „brothers in arms“ zu machen, erklärt ein junger, an Krebs erkrankter Soldat. Jedes Opfer erlebe er als persönlichen Verlust. Nach und nach erfahren wir die Geschichten der Invaliden, in Spielszenen von holzschnittartiger Einfachheit und in Rap-Tracks, in Deutsch, Ukrainisch, Russisch und Englisch, in vorsichtig vorantastenden Gesprächen mit den beiden Profi-Akteuren des Ensembles, Anja Jazeschann und Bernd Rehse, oder unterstützt vom deutsch-ukrainischen Chor Rai. „In der Ukraine glauben Frauen bis heute, dass man mit Gesang Böses bannen kann“, hatte Mariana Sadovska im Vorfeld erklärt. Die in Köln lebende Sängerin aus Lwiw ist zuständig für die Musik des tief bewegenden Abends.
Der müsste, mit seinen Berichten von 60-prozentigen Verbrennungen, von Bakterien in gebrochenen Knochen, von der existenziellen Verlorenheit in deutschen Klinikfluren, von Verwundungen, die viel tiefer sitzen als im Fleisch, eigentlich ein zutiefst deprimierendes Erlebnis sein. Aber dafür sind die Veteranen viel zu gewitzt, zu lebenslustig – trotz des andauernden Kriegs, sagt einer, lebe man ja immer noch im Hier und Jetzt –, dafür ist auch ihr Traum von der Freiheit viel zu stark.
