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Sommerblut in KölnFestival startet mit Theaterstück in der JVA Köln

2 min
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Szene aus „Schweigen – ein Chorstück“ in der Justizvollzugsanstalt in Köln-Ossendorf

Häftlinge der Justizvollzugsanstalten in Ossendorf und Willich riefen in ihrer Performance zur Solidarität gegen Frauengewalt auf.

Im Kellersaal der Justizvollzugsanstalt herrscht dichtes, dunkles Licht. Still schweben Schattenwesen links- und rechtsseits die Treppen hinab. 13 zögernde Gestalten verirren sich auf eine nackte Bühne, ziehen Runden durch das Nichts. Sie achten auf Abstände, tunken den Raum in Skepsis – einem Synonym für Vorsicht. Vertrauen ist hier ein Fremdwort. Die Schatten offenbaren ihre Menschlichkeit, ihre Weiblichkeit, ihre Vergangenheit und Gegenwart. Aus den Schemen formen sich in den kommenden 90 Minuten individuelle Persönlichkeiten mit einer Geschichte: der Gewalt an Frauen.

Zum Auftakt des 25. Sommerblut-Festivals zeigen Frauen aus den Gefängnissen in Ossendorf und Willich einmalig ihre Gemeinschaftsproduktion „Schweigen – ein Chorstück“ in der voll besetzten Spielstätte der JVA Köln. Dazu erarbeiteten die Laiendarstellerinnen unter der Regie von Elisabeth Pleß eigene Texte, die choreografisch und musikalisch in multiple Szenen transferiert wurden. Für die Umsetzung konnten die Projektleiterinnen Hanna Beer und Anja Federle Gesangs-Coach Lilian Laval gewinnen. Als Gebärdendolmetscherin des inklusiven Events fungierte Antje Scheidig. Darüber hinaus konnten die Besucherinnen und Besucher eine Audiodeskription sowie die Übersetzung in leichter Sprache nutzen.

Wir sind Überlebende.
(aus "Schweigen ...")

Mit dem Stück gelingt dem Sommerblut auf unkonventionelle Art das erste Ausrufezeichen des Festivals. Nicht schreiend, sondern mittels unüberhörbarer Stille füllen die Aktricen charismatisch den beklemmenden Ort. Angesichts einer toxischen bis mörderischen männlichen Willkür, der täglich Frauen in den eigenen vier Wänden zum Opfer fallen, erhebt sich der lautlose Chor des Ensembles zur unvergesslichen Symphonie der Sprachlosigkeit. Hier sind Worte fehl am Platz. Die Performerinnen machen klar, dass sie von der Gesellschaft Taten erwarten. Wer schweigt, mästet Schuld – so eine mögliche Interpretation.

Die Solidarisierung mit den Betroffenen zeigt sich im neuen „Wir!“ des entstandenen Kollektivs, das nun harmonisch agiert und zunehmend mit dem Publikum Kontakt sucht. „Wir werden euch den Spiegel vorhalten“, versprechen (und halten) die Protagonistinnen. Dabei werden zum Ende eines aufwühlenden Akts blendende Scheinwerfer ins Auditorium gerichtet. „Wir sind Überlebende“, erinnern die wegen verschiedenster Delikte Verurteilten an ihre eigene Tragödie, die dennoch eine Wendung erfahren kann. Das berührt.

So pädagogisch wertvoll die Inszenierung im Geiste eines tragenden Kollektivs erscheint, mehr biografische Einblicke anstatt Generalisierungen hätten dem Stück zusätzlichen persönlichen Ausdruck verleihen können. Dennoch sollten Mut und Botschaft aller Darstellerinnen genügen, um selbst Gefängnismauern zu überwinden. Nach der Vorstellung bestand für Zuschauerinnen und Zuschauer die Möglichkeit zum Gespräch mit einem Teil des Ensembles.