Die renommierte Kölner Choreografin und Leiterin der mixed-abled Tanzcompany DIN A 13, Gerda König, lässt in ihrem neuen Stück Gewissheiten zerfließen.
Tanzcompany DIN A13Tanz ohne Zweck, aber mit Sinn

Narumi Saso und Míriam Aguilera der Tanzcompany DIN A13 in „conSequence in space“
Copyright: Oliver Stroemer
Schwarz auf Weiß, heißt es, das sei verlässlich. „Kann man getrost nach Hause tragen“, schrieb Goethe im „Faust“. Gerda König, die renommierte Kölner Choreografin und seit 1995 Leiterin der Tanzcompany DIN A 13, lässt diese Gewissheit ganz langsam zerfließen: Was drauf ist und drunter. Was da steht. Sie hat mit ihrem neuen Werk „conSequence in space“, diesmal für zwei Tänzerinnen, eine erholsam poetische Reflexion übers Verändern geschaffen. Oder übers Leben, seine Wege ins Neue, Wege ins Bekannte, über Schritte und Gebiet. Über Schönheit, im empathischen Sinne.
In Barnes Crossing in der Wachsfabrik macht sich der Bühnenraum groß, ohne Podest. Das Publikum sitzt zu vier Seiten um ein riesiges Bild am Boden: weißer Rand, innen Schwarz. Diese Fläche ist nicht glatt, sondern wirkt wie ein Flauschteppich. Narumi Saso und Míriam Aguilera gehen darauf herum wie auf einem fremden Planeten, setzen sacht einen Fuß vor den anderen, die Sohlen drücken sich ins Schwarz, hinterlassen Spuren. Der eine schwarze Orthesefuß von Aguilera knarzt.
Barnes Crossing vor 20 Jahren gegründet
Sie treten auch auf schon vorhandene Spuren, gehen gerade Linien und Bögen, begegnen einander nie. Fuß vor Fuß, langsam. Das Bild wird durchkreuzt. Das erinnert an den Namen „Barnes Crossing“, den diesem Kunst-Ort vor zwanzig Jahren fünf Choreografinnen als Kollektiv auf Vorschlag von Dyane Neiman gaben: eine Referenz an die Art Straßenkreuzung, bei der alle Fußgänger gleichzeitig Grün haben. Zwei von ihnen, Neiman und Suna Göncü, wechselten bald die Tätigkeiten oder zogen weg. Die Mitgründerinnen Gerda König mit ihrer mixed-abled Company DIN A 13, Ilona Pászthy mit ipTanz und Barbara Fuchs sind noch da oder anderswo in der Stadt und aktiv. Neue kamen hinzu. Barnes Crossing hat sich immer wieder behutsam verändert, musste zuweilen um den Erhalt der zwei Studios plus Büro bangen. Zum Glück sind sie noch da. Lieber ein kleines Haus und nebenan das herrlich uncoole Café von Ringo – als keins. Wenn auch weitab vom Zentrum.
Die zwei Geherinnen schieben sich allmählich aus der Aufrechtposition, der „normalen“. Schultern, Hände streben kurz woandershin. Füße schaben am Untergrund, der ein Fleckchen Weiß freigibt. Leere. Der Teppich ist keiner. Aus Fleckchen werden Striche, wie negatives Pinseln, gerade und in Kurven, mit Verbindungen und Lücken. Wie Zeichen, könnte man sie lesen. Weiß auf Schwarz.
Die Tänzerinnen übernehmen das Kurven, die Linien, das Zurückkehren in die eigenen Körper, werden bewegter, schneller, rollen auch, tippeln, wenden sitzend, wischen im Knien, rutschen auf Rücken, sogar im Unisono. Die Spurenlandschaft wird chaotischer. Im feinen Licht von Marco Wehrspann sieht man eine Flussregion, kahle Berge mit Schneetälern, Wüste. Sägezähne.
Dass die zwei Protagonistinnen nicht direkt interagieren, überrascht, doch bleibt das Geschehen damit abstrakt genug, um ihm als Ganzem, dem veränderlichen Bild und Raum, einfach zuzuhören – Frank Schulte verstärkt die Bodengeräusche, fügt leider später Süßlich-Elektronisches hinzu. Und zuzuschauen. Einem Tanz ohne Zweck.
Das Jubiläumsprogramm von Barnes Crossing wird fortgesetzt: Am 9. Oktober um 19 Uhr wird dort der großartige Langzeit-Dokumentarfilm über DIN A 13 gezeigt: „Movement Unbound“. „conSequence in space“ kommt am 22. November um 16 Uhr ins Rautenstrauch-Joest-Museum.
