Tom Hanks, der gute Mensch von Hollywood, wird 70 Jahre alt. Über einen Schauspieler, der zu nett ist, um böse sein zu können.
Tom Hanks wird 70Mit ihm wachsen wir über uns hinaus

Tom Hanks in der Robinsonade „Cast Away“
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Als Tom Hanks in ein gewisses Alter kam, kaufte er sich weder schnelle Autos noch suchte er sich eine jüngere Ehefrau. Stattdessen tat er etwas, was man von ihm noch weniger erwartet hätte: Er flirtete mit dem Bösen, jedenfalls auf der Leinwand. Erst sah man ihn in „Road to Perdition“ als harten Mafiakerl, dann als Anführer der „Ladykillers“, die allerdings lieber einander meucheln, als einer lieben Großmutter etwas anzutun.
Wir werden wohl nie erfahren, ob Tom Hanks mit Mitte 40 wirklich durch eine Lebenskrise ging, aber wir wissen, dass er sich rasch von ihr erholte. Aus dem gedungenen Mörder wurde wieder der liebenswürdige Jedermann, der gute Mensch von Hollywood, in dessen Gestalt wir alle immer wieder über uns hinauswachsen. Sei es als moderner Robinson in „Cast Away“, als lebendige Spielzeugfigur in der Pixar-Trickfilmreihe „Toy Story“ oder als Witwer, der in „Schlaflos in Seattle“ wieder lernt, ans eigene Glück zu glauben.
Man hat Tom Hanks den James Stewart unserer Zeit genannt
Man hat Tom Hanks den James Stewart unserer Zeit genannt, was schon deswegen stimmt, weil er wie dieser verlässlich in Rollen brilliert, die aus der reinen Menschenfreundlichkeit eine moralische Autorität ableiten. Wie Stewart wurde Hanks immer wieder zum Helden wider Willen, weil ihn die Verhältnisse dazu zwangen und er sich selbst im Schlachtgetümmel des Weltkriegs weigerte, den Glauben an das Gute zu verlieren. Anders als Stewart hat er jedoch niemals das moralische Zwielicht gesucht, vielleicht, weil er vor dem zurückschreckte, was er dort finden könnte, vielleicht aber auch nur, weil er sich das Abgründige nicht zutraute, es nirgendwo in sich fand.
Diese Zurückhaltung hat aus Tom Hanks einen berechenbaren Darsteller gemacht – oder eben einen verlässlichen. Man kann sich sicher sein, dass er uns nicht enttäuscht, auch wenn uns seine Treue zu zweitrangigen Regisseuren mitunter auf die Probe stellt. Aber auf jede enttäuschende Dan-Brown-Verfilmung kommt bei ihm ein Wohlfühlfilm mit Steven Spielberg, für den er für das unbestechliche Gute steht, zuletzt als Ben Bradlee, legendärer Chefredakteur der „Washington Post“. Bei Spielberg ist Hanks das Gesicht des wahren, liberalen Amerika, eine im Grunde unmögliche Rolle, die vieles unterschlägt, was eben auch zum guten Amerika gehört. Soll man Hanks deswegen vorwerfen, dass man ihm diese geschönten Figuren dankbar abkauft?
Wie James Stewart begann auch Hanks seine Karriere als Komödiant – und manchmal als großer Kindskopf wie in „Big“, einem Film, in dem ein Junge im Körper eines Erwachsenen aufwacht. Für die Rolle in „Fegefeuer der Eitelkeiten“, der Adaption von Tom Wolfes grimmiger Kapitalismus-Satire, war er wohl einfach zu nett, ein Handicap, das sich in Romanzen wie „E-Mail für Dich“ in einen unschätzbaren Vorteil verwandelte. Er spielte jetzt nationale Helden, brachte die Apollo-13-Mission sicher zur Erde und gab den Opfern der Aids-Epidemie in „Philadelphia“ ein freundliches Allerweltsgesicht; keine geringe Leistung im christlich-fundamentalistischen Amerika.
Als Simpel vom Dienst machte Hanks hingegen eine schlechte Figur; aber selbst bei „Forrest Gump“ fällt es schwer, einfach weiterzuschalten, wenn er auf dem heimischen Fernseher auftaucht. Ansonsten bleibt man bei seinen Filmen gerne hängen, und sei es nur, um Hanks dabei zuzusehen, Tom Hanks zu sein. Dabei ist er niemand, der die Leinwand für sich allein beansprucht: Er war ein gütiger Ersatzvater für Leonardo DiCaprio in „Catch Me if You Can“ und der beste Freund, den man Wilson in „Cast Away“ nur wünschen kann. Als Verschollener schaute er in den Abgrund der Verzweiflung, um die Augen danach an das Porträt seiner Verlobten zu heften. Selbst in dunkelster Nacht sieht Tom Hanks ein Licht, das Leben rettet. An diesem Donnerstag wird er 70 Jahre alt.
