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Country-LegendeDolly Parton – Die Größte von allen

6 min
Dolly Parton bei den Country Music Awards im Jahr 2022.

Dolly Parton bei den Country Music Awards im Jahr 2022.

Selten waren die USA zuletzt so vereint wie in der Trauer um Dolly Parton – im Alter von 80 Jahren ist der Countrystar gestorben.

Zum ersten Mal hörte Dolly Parton Whitney Houstons Version ihres Hits „I Will Always Love You“, als sie im Auto auf dem Heimweg nach Brentwood in Tennessee saß. Sie habe gewusst, dass er für den Liebesfilm „Bodyguard“ neu eingespielt werden sollte, erzählte sie in vielen Interviews, aber was daraus geworden war, war ihr neu. Zunächst hörte sie nur das a cappella gesungene „If I Should Stay …“, das ihr vage bekannt vorkam.

Als sie begriff, dass es ihr Lied war, das Houston da zum Welthit machte, musste sie rechts anfahren, so voller Adrenalin sei sie gewesen. Sie habe kaum glauben können, dass aus ihrem „kleinen Lied“ so etwas Großes geworden war. Houston habe so viel mehr daraus gemacht, als sie jemals für möglich gehalten hätte. Für sie sei das eine der überwältigendsten Erfahrungen als Songwriterin gewesen.

Es ist bezeichnend für Dolly Parton, dass sie das Talent einer anderen Sängerin so aufrichtig feiern konnte. Nur wer in sich ruht und weiß, was  er kann, muss andere nicht klein machen, um sich dadurch aufzuwerten. 

„I Will Always Love You“ ist der erfolgreichste Song, der jemals von einer Frau geschrieben wurde. Und auch der Text verrät viel über den Menschen Dolly Parton. Country-Star Porter Wagoner hatte die junge Sängerin in den 1960er Jahren in Nashville entdeckt und gefördert, doch irgendwann war sie beliebter und erfolgreicher als ihr Mentor geworden. Um ihre Solokarriere voranzutreiben, beendete sie die musikalische Partnerschaft, was in Streitigkeiten ums Geld endete.

Der Weg ins Licht war weit

Um dennoch ihre Dankbarkeit auszudrücken, schrieb sie diesen Song. Und statt nachzutreten, gab sie ihm nur die besten Wünsche mit auf den Weg: „Ich hoffe, das Leben meint es gut mit dir, und ich hoffe, dass all deine Träume in Erfüllung gehen.“ Die Größe muss man erst mal haben.

Nur in einem Satz des Songs hat sie dann doch nicht ganz die Wahrheit gesagt. „Wenn ich bleiben würde, würde ich dir nur im Weg stehen“, singt sie zu Beginn. Dabei wird sie gewusst haben, dass es genau andersherum war. Sie war nicht dafür gemacht, im Schatten eines anderen zu stehen, dafür leuchtete ihr Stern zu hell. 

Viel weiter hätte der Weg ins Licht für die 1946 geborene Musikerin allerdings kaum sein können. Als viertes von zwölf Kindern wuchs sie im ländlichen Tennessee auf. Die Familie lebte in einer Ein-Zimmer-Hütte, war bitterarm. Kein Strom, kein fließendes Wasser. Ihr Vater lernte nie lesen und schreiben. Musik und Religion prägten ihre Kindheit und Jugend, und sie taten es bis zuletzt. Nach dem Highschool-Abschluss ging sie noch im Teenager-Alter nach Nashville und trieb ihre Karriere zielstrebig voran.

Gleich ihre erste Single gab die vermeintliche Richtung vor: „Dumb Blonde“. Doch von ihrem Spiel mit Klischees sollte sich niemand täuschen lassen. Im Text heißt es dann nämlich: „this dumb blonde ain't nobody's fool“. Nein, diese vermeintlich dumme Blondine ließ sich von niemandem etwas vormachen. „Ich weiß ja selbst am besten, dass ich nicht dumm bin“, sagte sie einmal, „und nicht blond.“

Sie würden überrascht sein, wie teuer es ist, so billig auszusehen
Dolly Parton über Kritik an ihrem Aussehen

Ihren Look hatte sie sich bei einer Frau aus ihrem Dorf abgeschaut, die alle nur als „Trash“ verunglimpften. Ihr war das egal. Die Perücken wurden immer blonder und höher, die Nägel länger, die Brüste größer. „Sie würden überrascht sein, wie teuer es ist, so billig auszusehen“, war einer der legendären Sätze, mit denen sie Kritik an sich abprallen ließ. Sie erzählte auch gern die Geschichte, wie sie einmal bei einem Dolly-Parton-Lookalike-Wettbewerb antrat – und verlor: „Gegen einen Mann.“ So lässig und selbstironisch wie sie gehen die wenigsten mit Vorurteilen um.

Parton spielte stets mit dem männlichen Blick und der Sexualisierung von Frauen, die sich kleideten wie sie. Immer behielt sie die Fäden in der Hand. Schnell stieg sie zur Königin der Country-Musik auf. Insgesamt nahm Parton, die gut ein Dutzend Instrumente beherrschte, über 80 Alben auf, hatte mehr als zwei Dutzend Nummer-eins-Hits. Über 100 Millionen Alben verkaufte sie, wurde mit zehn Grammys und zahlreichen weiteren Auszeichnungen ausgezeichnet.

Songs wie „Jolene“, „9 to 5“ und das Duett mit Kenny Rogers, „Islands in the Stream“, gehören zum amerikanischen Kanon. Sie sang von schweren Themen wie Armut und Tod, aber auch von Selbstermächtigung und Mut, von der Liebe zur Heimat, zur Schönheit der Berge und zu denen, die wissen, was in dir vorgeht, auch ganz ohne Worte. Es ist ein Gefühl, das Menschen überall auf der Welt kennen: die Sehnsucht, irgendwo dazuzugehören, ohne etwas leisten zu müssen.

Doch Parton war nicht nur eine begnadete Songwriterin für sich und andere und eine exzellente Musikerin, sondern auch eine kluge Geschäftsfrau. Sie besaß Restaurants und schuf mit dem Vergnügungspark „Dollywood“ zahlreiche Arbeitsplätze in ihrer Heimat. Sie bewarb Mode, Bücher und Wein und die Show „My Songs in Symphony“, bei der sie selbst gar nicht auf der Bühne stand.

Ihr selbst erarbeiteter Reichtum war für sie immer auch Verpflichtung. Ein von ihr betriebenes Leseförderungsprogramm verteilte weltweit rund 100 Millionen Bücher an bedürftige Kinder. Die Entwicklung des Corona-Impfstoffs der Firma Moderna unterstützte sie mit einer Spende über eine Million Dollar (rund 830.000 Euro).

Eine Heilige mit platinblonder Perücke

Die tiefreligiöse Sängerin, die mehr als 60 Jahre mit ihrem im vergangenen Jahr verstorbenen Mann zusammen war, war eine lautstarke Unterstützerin der LGBTQ‑Gemeinschaft. „Wenn du der feine Christ bist, für den du dich hältst, warum verurteilst du dann andere Leute? Das ist Gottes Job. Wir sind nicht Gott, wir sind keine Richter. Wir sollen einander lieben“, sagte sie in einem Interview. Für viele ultrakonservative vermeintliche Christen im Bible Belt der USA eigentlich ein Skandal. Doch selbst von denen wurde sie geliebt. 

Eine Diva war sie nie, dafür war sie trotz ihres Auftretens viel zu bodenständig. Aber eine Ikone ist sie schon lange, eine Heilige mit platinblonder Perücke und operierten Brüsten. Bei ihr kein Widerspruch. 

Beweisen musste Dolly Parton schon lange niemandem mehr etwas. Sie wird heute von gesellschaftlichen Gruppen geliebt, die einander sonst unversöhnlich gegenüberstehen. Den Niedergang der Demokratie in ihrer Heimat konnte auch sie nicht aufhalten, aber nur wenige waren so wie sie in der Lage, die Hoffnung auf einen neuen, besseren Morgen in uns wachzuhalten. In diesen dunklen Zeiten strahlte ihr Licht heller denn je.

Und so wundert es auch nicht, dass Amerika nach Bekanntwerden ihres Todes kollektiv um sie trauert. Sogar in den Sozialen Netzwerken findet sich keine Häme, nur Liebe und Anerkennung. Von Mick Jagger bis Jane Fonda, von Hillary Clinton bis zu den Muppets: Alle rühmen ihr Talent als Musikerin und ihren Charakter. Auch wer mit Countrymusik vermutlich wenig anfangen kann, stimmt in das Loblied ein. So schrieb Eminem bei Instagram: „Sogar für ein Kind, das fast nur Rapmusik gehört hat, war sie eine Ikone. Ein Superstar in jeder Hinsicht. Ruhe sanft, Dolly.“

Sogar Donald Trump, der sonst nicht davor zurückschreckt, Verstorbene mit Dreck zu bewerfen, reagierte so, wie man es von einem Präsidenten erwarten würde. „Das ist ein wahrer Verlust für Millionen“, schrieb er bei Truth Social. Ihr zu Ehren ließ er anordnen, dass die amerikanischen Flaggen für eine Woche auf Halbmast gesetzt werden. „Ruhe in Frieden, Dolly! Die Welt liebt dich.“ Sogar den amerikanischen Präsidenten machte sie – zumindest für einen Moment – zu einem besseren Menschen. Sie maß vielleicht nur 1,52 Meter, aber sie war die Größte von allen.