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Zum 35. TodestagWie Beuys letzte Rede zu einem Vermächtnis wurde

4 min
Beuys 35. Todestag

Porträt des deutschen Künstlers und Kunstprofessors Joseph Beuys.

Hans Arp und Alberto Giacometti, Auguste Rodin und Pablo Picasso haben ihn letztlich nicht begeistern können. Nicht so wie deren Bildhauerkollege Wilhelm Lehmbruck, den „zweimaligen Jüngling“, wie Joseph Beuys ihn nennt. Zweimalig, weil er 19 Jahre im 19. Jahrhundert und 19 Jahre im 20. Jahrhundert gelebt habe. Beuys hatte für solche Konstellationen und Zeichen ein Faible. Ja, und er war aber nicht 19, sondern 17 Jahre alt, als ihm ein „ziemlich zerrupftes kleines Heftchen“ in die Hände fiel und er dort die Abbildung einer Lehmbruck-Figur fand. Beuys erste Reaktion: „Skulptur – mit der Skulptur ist etwas zu machen. Alles ist Skulptur.“ Die Geburtsstunde des Bildhauers Beuys.

Diese Gedanken kommen Beuys in den Sinn, als er am 12. Januar 1986 in Duisburg eine Rede hält, in der er sich für die Verleihung des Wilhelm-Lehmbruck-Preises bedankt. Er dankt in erster Linie „meinem Lehrer Wilhelm Lehmbruck“ und entwickelt dann aus Lehmbrucks Verständnis von Plastik und Raum in wenigen Minuten ein Gedankengebäude, das die zentralen Begriffe der Beuys‘schen Kunst beherbergt. Ein echtes, phasenweise schwer verdauliches Wort-Kunstwerk, das ungeplant zum Vermächtnis wird. Elf Tage nach der Duisburger Rede stirbt Beuys völlig unerwartet 64-jährig in seinem Düsseldorfer Atelier an Herzversagen.

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Der Schirmer/Mosel Verlag hat die Rede nun zum 35. Todestag – und weil wir in diesem Jahr 100 Jahre Beuys feiern – erweitert um Materialien und Texte erneut herausgebracht. Ein interessantes Zeitdokument, das die authentische Sprachfassung wiedergibt, einschließlich grammatikalischer Besonderheiten und Wortschöpfungen. Immer wieder erlebt man Beuys in freier Rede nach Gedanken und Worten tasten und suchen.

Theorie der „Sozialen Plastik“

Und man erlebt ihn begeistert von seinem Lehrer Lehmbruck. In dessen Werk er vieles vorformuliert findet, was bei Beuys unter dem Motto „Erweiterter Kunstbegriff“ erst nach dem Zweiten Weltkrieg zum Tragen kommt.Da ist das „plastische Prinzip“, das er als Gestaltungsprinzip für alle Bewegungsformen und das Denken des Menschen auffasst. Beuys erläutert das in Duisburg in einem ausufernden Bandwurmsatz, in dem sich der Meister mit dem Filzhut selbst verirrt: „Während meines Studiums, als ich mich also schon bereits auf den Weg gemacht hatte, mich mit weitergehenden, die an das Hörende in Wilhelm Lehmbrucks Plastiken anschließen und an das Denkende, an den Denksinn, der in ihnen liegt, mich befassen musste, und zu einer ganz neuen Theorie des zukünftigen plastischen Gestaltens dachte – an ein plastisches Gestalten dachte, das nicht nur physisches Material ergreift, sondern seelisches Material ergreifen kann, wurde ich zur Idee der ‚Sozialen Plastik‘ regelrecht getrieben.“

Denken ist Plastik

Buch: Joseph Beuys, „Mein Dank an Lehmbruck“, 80 S., 9.80 Euro, Schirmer/Mosel. Mit einem Nachwort von Eugen Blume.

Ausstellung: Das Verhältnis von Beuys zu Lehmbruch ist Thema einer Ausstellungskooperation zwischen der Bundeskunsthalle (ab 25. Juni) und dem Lehmbruck-Museum Duisburg (ab 26. Juni), die gemeinsam die Schau „Beuys – Denken ist Plastik“ erarbeitet haben.Lehmbruck. (t.k.)

Die von der Anthroposophie beeinflusste Theorie der „Sozialen Plastik“ besagt, dass jeder Mensch durch kreatives Handeln zum Wohl der Gemeinschaft beitragen kann. Auf diesem Gedanken basiert Beuys wohl missverständlichste These: „Jeder Mensch ist ein Künstler.“Beuys Rede endet mit einem rätselhaften Satz: „Ich möchte dem Wek von Wilhelm Lehmbruck seine Tragik nicht nehmen.“ Elf Tage später war Beuys tot. Es folgten viele Nachrufe, aus zweien zitieren wir.

Wieland Schmied schrieb: „Joseph Beuys ist tot. Alles ist gesagt. Nichts ist gesagt. Sein Leben gehörte der Utopie, sein Werk reflektierte die Passion. Zuletzt sprach er uns von Lehmbruck. Von ihm habe er die Flamme empfangen. Die Flamme galt es zu schützen, und dann weiterzugeben.“Und Klaus S taeck: „Beuys war ein Radikaler in des Wortes ursprünglicher Bedeutung, ein sanfter Revolutionär, der die Kunst in den Mittelpunkt des Lebens stellte. Nicht die traditionelle Kunst, sondern die mit dem Leben gleichgesetzte. Beuys hat die Kunst vom Sockel und aus dem Goldrahmen geholt – und ihr doch eine ganz neue Würde gegeben.“