Das Land feiert Geburtstag, es muss sich mit Mut neu erfinden, sagt Rundschau-Chefredakteur Jens Meifert

80. GeburtstagWarum NRW sich selbstbewusster zeigen sollte

Fallschirmspringern und -springerinnen gratulieren dem Land zum Geburtstag.
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Vor wenigen Tagen hat das Statistische Landesamt Nordrhein-Westfalen Daten über die Menschen an Rhein und Ruhr veröffentlicht. Neugeborene haben heute eine Lebenserwartung, die im Schnitt 20 Jahre höher liegt als bei der Landesgründung vor 80 Jahren. Ein Mädchen, das 2026 zur Welt kommt, schaut auf fast 83 Lebensjahre. 1946 lebten 11,6 Millionen Menschen im Land, heute sind es 18 Millionen – so viel wie in den Niederlanden. Man darf also sagen, Rheinländer und Westfalen vertragen sich doch ganz gut.
Auch Vernunftehen können gut funktionieren. 1946 wurden die ehemaligen preußischen Provinzen Nordrhein und Westfalen zu einem neuen Land zusammengelegt. Freiwillig geschah das nicht. Erst nachdem die Entscheidung gefallen war, hat die britische Militärregierung über die „Operation Marriage“ informiert. Das Bindestrich-Land NRW war geboren. Die CDU mit ihrem rheinischen Vorsitzenden Konrad Adenauer hatte keine Einwände, die SPD war dagegen, an der Gründung des Landes änderte das nichts. Lippe trat ein Jahr später bei.
„Es ist furchtbar, aber es geht.“ Mit diesen launigen Worten haben die Kabarettisten Jürgen Becker und Rüdiger Hoffmann ein abendfüllendes Programm über die Gegensätze von Rheinländern und Westfalen geschrieben: Alaaf oder Helau, Karneval oder Schützenfest, Rievkooche oder Currywurst: Das taugt immer für ein paar Schmunzler. In gewisser Weise sind gerade die Gegensätze im Land identitätsstiftend. NRW versteht sich vor allem aus seinen Widersprüchen, weniger aus seiner Einheit. Das ist in Baden-Württemberg („Wir können alles. Außer Hochdeutsch“) und erst recht in Bayern ganz anders – und das ist durchaus ein Problem.„Mia san mia“, dafür gibt es an Rhein und Ruhr keine Entsprechung.
Spitzenwerte in der Wissenschaft
Dabei hat das bevölkerungsreichste Bundesland Grund, auf sich stolz zu sein und eigene Errungenschaften selbstbewusst zu zeigen. Fast 80 Hochschulen gibt es, davon 18 Universitäten. Die Dichte in der Spitzenforschung ist einzigartig, NRW ist der größte Wissenschaftsstandort in Europa. Ebenfalls einmalig auf dem Kontinent ist die Fülle von Museen – auch wenn in Köln das ein oder andere saniert werden muss. Mit den Sportangeboten bewerben sich Köln und 17 andere Bewerberstädte gerade um die Austragung der olympischen Spiele, die Wettkampfstätten sind fast fertig. Und doch wirkt das Auftreten der NRW-Städte oft seltsam gehemmt, die Konkurrenz untereinander verhindert bisweilen das große Ganze. Im Werben um den Standort für ein Außenzentrum vom israelischen Gedenkort Yad Vashem bewarben sich neben Köln, auch Düsseldorf und Dortmund. Ausgewählt wurde München.
Mit einer Stimme muss NRW auch mit Blick auf die eigene Wirtschaft sprechen. Die Umbrüche und Herausforderungen sind gigantisch. Die Industrieproduktion im Land ist gegenüber der Vor-Corona-Zeit um mehr als ein Fünftel eingebrochen. Jeden Monat gehen laut Unternehmerverband in der Industrie 3000 Arbeitsplätze verloren. Das hat massive Auswirkungen auch in anderen Wirtschaftsbereichen. Über die marode Infrastruktur, bröckelige Brücken und kaputte Straßen ist viel geklagt worden. Das drückt auf die Wirtschaftskraft im Land.
Aber wenn ein Leitsatz im Land gilt, dann ist es der: Lamentieren hilft nicht. NRW muss sich 80 Jahre nach seiner Gründung ein Stück neu erfinden: auf neue Technologien setzen wie im Innovationspark Erneuerbare Energien in Garzweiler. „Wir dürfen nie aufhören, neu anfangen“ hat der Ministerpräsident dazu gesagt. Die Botschaft muss überall im Land ankommmen. Und mit Mut gelebt werden. Da ist noch Luft nach oben.
