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Teure FahrzeugeWarum NRW-Städte für die Feuerwehr richtig Geld verbrennen

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Ein neues Feuerwehr-Drehleiter-Fahrzeug der Firma Rosenbauer steht in der Messehalle auf der Interschutz 2026, der Weltleitmesse für Feuerwehren.

Heiß begehrt und richtig teuer: Leiterwagen der Firma Rosenbauer. 

Deutschlands Brandbekämpfer brauchen neue Fahrzeuge – doch jede Kommune kauft anders ein. Es ließen sich Millionen sparen.

Als der römische Spitzenbeamte Florian von Lorch im Zuge einer der großen Christenverfolgungen des Römischen Reichs am 4. Mai 304 bei lebendigem Leib verbrannt werden sollte, da drohte er den Legionären, er werde mit Christi Hilfe aus den Flammen zum Himmel aufsteigen und verschwinden. Da bekamen es seine Häscher mit der Angst zu tun und warfen ihn stattdessen mit einem Stein um den Hals in die reißenden Fluten des Flusses Enns.

Niemand konnte damals ahnen, welch große Karriere dem mutigen Mann noch bevorstehen würde. Bis heute funken rund 1,3 Millionen deutsche Feuerwehrleute unter seinem Namen, wenn es irgendwo brennt oder anderweitig Not an Mann, Frau oder Umwelt ist: „Florian eins an Florian zwei.“ Außerdem gibt es ein berüchtigtes politisches Prinzip, das seinen Namen trägt: „Sankt Florian, Sankt Florian, verschon mein Haus, zünd andere an.“

Es steht dafür, Probleme nicht zu lösen, sondern zu verschieben. Womit wir mitten in dieser spezifisch deutschen Sankt-Florians-Geschichte wären: Gilt doch das deutsche Feuerwehrsystem als eines der am besten ausgestatteten der Welt. Für die hohe Qualität der Lösch- und Rettungsdienste stehen neben den Berufsfeuerwehren der Großstädte gut eine Million Freiwillige, die einen Fuhrpark von schätzungsweise fast 100.000 Feuerwehrfahrzeugen in etwa 31.000 Feuerwehrhäusern unterhalten. Aber wer trägt die Verantwortung für die Kosten, die dieses gewaltige System verursacht? Brandschutz ist, wie so vieles im zerklüfteten System der politischen Entscheidungsfindung hierzulande, kompliziert.

Brandschutzgesetz ist Ländersache

Jedes der 16 Bundesländer hat ein eigenes Brandschutzgesetz. Für dieses gilt wie für so viele andere Normen: Das Gesetz kommt vom Land, für die Folgen sind aber die Kommunen als Träger des Brandschutzes verantwortlich. Und so bleiben an ihnen auch die Kosten hängen, und zwar eigentlich alle. Da auch die Beschaffung von Feuerwehrautos in die Verantwortung der Kommune fällt, hat das System Feuerwehr fatale Folgen. Fast jede Gemeinde und jede Stadt unterhält einen eigenen Feuerwehrausschuss, in dem die „Fachleute“ sitzen und entscheiden.

Kaum ein Stadtrat, kaum ein Bürgermeister würde es wagen, seinem Feuerwehrhauptmann die im Ausschuss für notwendig erachtete Anschaffung eines neuen Fahrzeugs zu verweigern. Sonderwünsche inklusive. Das Ergebnis lässt sich in den Haushalten der ohnehin klammen Kommunen ablesen.

Eine Drehleiter für 1,2 Millionen

„Iserlohn – 6,38 Millionen Euro für neue Feuerwehrfahrzeuge bewilligt“, meldet die Iserlohner Kreiszeitung vor wenigen Tagen und erklärt ihren Lesern, warum diese Anschaffung „trotz knapper Kassen“ dringend notwendig sei. Wobei „knappe Kassen“ eigentlich gelogen ist. Wie mehr als jede dritte Kommune in NRW, so steckt auch Iserlohn in einem Haushaltssicherungskonzept. Auf der Stadt lastet eine Schuldenlast von weit über 500 Millionen Euro, jeder Bürger steht hier mit 5400 Euro pro Kopf in der kommunalen Kreide. Und trotzdem müssen die neuen, teuren Feuerwehrautos her.

„Wir müssen unter anderem zwei neue Drehleiter-Fahrzeuge und einen Einsatzleitwagen ausschreiben“, sagt Klaus Knust, bei der Iserlohner Feuerwehr für das Beschaffungswesen zuständig. Die alten Fahrzeuge hätten ausgedient, die Ersatzteilbeschaffung sei schwierig bis unmöglich. Drei Monate habe man zuletzt gebraucht, um ein neues Zündschloss für einen der „Oldtimer“ zu beschaffen. Im „Brandschutzbedarfsplan“ der Stadt seien deshalb die Anschaffungen fest eingeplant, im entsprechenden Feuerwehrausschuss habe es keinen Widerstand gegeben. Kostenpunkt pro Drehleiter: 1,2 Millionen Euro.

Das Oligopol der Hersteller

Das ist ungefähr der Normalpreis, den eine Kommune heute für ein solches Fahrzeug auf den Tisch legen muss. In der jüngeren Vergangenheit sind die Preise stark gestiegen, laut Experten war ein vergleichbares Fahrzeug vor fünf Jahren für deutlich unter einer Million zu haben. Der zersplitterten Nachfrage auf Seiten der Kommunen steht ein Oligopol von heute genau vier spezialisierten Anbietern gegenüber. Weltmarktführer ist die Firma Rosenbauer. Deren Stammsitz liegt keine 20 Kilometer von der Stelle entfernt, wo Sankt Florian einst ins Wasser gestürzt wurde, im oberösterreichischen Leonding.

Die Österreicher erwirtschafteten im vergangenen Jahr knapp 1,43 Milliarden Euro und gelten als Weltmarktführer. Sie gehören seit vorigem Jahr einem Investorenkonsortium, das Mark Mateschitz anführt, der Sohn von Red-Bull-Magnat Dietrich Mateschitz. Mateschitz junior gilt als reichster Mann Österreichs, auch die Rosenbauer-Geschäfte laufen vielversprechend – der Auftragsbestand beträgt 2,36 Milliarden Euro und sichert die Auslastung weit über das kommende Jahr hinaus.

Die Hersteller æ ein schwieriges Terrain

„Die Hersteller, das ist ein schwieriges Terrain“, sagt der leitende Feuerwehrmann einer rheinischen Kommune, der nicht namentlich genannt werden will. Er erinnert an das Feuerwehr-Kartell, das das Bundeskartellamt 2011 öffentlich machte. Es gilt als eines der Paradebeispiele für organisierte Wirtschaftskriminalität in Deutschland. Fast zehn Jahre lang hatten sich die führenden Fahrzeuganbieter zuvor, vermittelt über einen Schweizer Wirtschaftsprüfer, am Flughafen von Zürich über Marktquoten und Preise verständigt.

Wie teuer die Absprachen für den Steuerzahler letztlich waren, ist nie geklärt worden. 2013 einigten sich die kommunalen Spitzenverbände mit den Kartellsündern auf einen außergerichtlichen Vergleich, die Hersteller zahlten rund 6,7 Millionen Euro in einen Fonds ein, die Schadenssumme dürfte um ein Vielfaches höher gelegen haben.

DIN-Normen für kleinste Details

Denn der deutsche Beschaffungsmarkt ist pro Jahr größer als 1,5 Milliarden Euro, die Feuerwehren müssen jährlich zwei bis drei Prozent ihres Gesamtbestands an Fahrzeugen erneuern. Die Details sind haarklein geregelt, DIN-Normen des Normenausschusses Feuerwehrwesen (FNFW) dokumentieren bis aufs letzte Komma, wie ein Hubrettungsfahrzeug (DIN 14701) oder ein Löschfahrzeug (DIN 14530) auszusehen hat.

Hinzu kommen Normierungen, die man gar nicht für möglich hält: So schafft das deutsche Baurecht, etwa durch Paragraph 33 der nordrhein-westfälischen Bauordnung, florianisch Fakten: „Gebäude, deren zweiter Rettungsweg über Rettungsgeräte der Feuerwehr führt und bei denen die Oberkante der Brüstung von zum Anleitern bestimmten Fenstern oder Stellen mehr als 8 Meter über der Geländeoberfläche liegt, dürfen nur errichtet werden, wenn die Feuerwehr über die erforderlichen Rettungsgeräte wie Hubrettungsfahrzeuge verfügt.“ Auf gut Deutsch: Es braucht eine Drehleiter.

Nonplusultra für Königswinter

Doch das ist noch immer nicht alles in puncto Regulierung. Jede Kommune braucht einen dem Landesgesetz entsprechenden Brandschutzbedarfsplan, dessen Schutzziel sich an der sogenannten AGBF-Norm orientiert: Innerhalb von acht Minuten soll demnach die Wehr bei einem kritischen Wohnungsbrand mit mindestens zehn Einsatzkräften vor Ort sein.

Die Folgen sind mitunter kurios. Die Stadt Königswinter mit ihren gut 40.000 Einwohnern unterhält gleich zwei Drehleiter-Fahrzeuge, eines für die Tal- und eines für die Berglage. „Ein Hingucker“, ließ sich der damalige Bürgermeister bei der Vorstellung des zweiten Autos zitieren. Das war 2018, da kostete ein solcher Augenschmaus noch keine 700.000 Euro, trotz der 32 Meter hohen Leiter und eines Korbes, der natürlich auch von Rollstuhlfahrern genutzt werden kann. „Das Nonplusultra für jeden Feuerwehrmann“, freute sich der Wehrchef zur Einweihung.

Eine Art Schönheitswettbewerb

Womit ein weiterer Aspekt in der Feuerwehr-Saga hinzukommt: Denn eine Drehleiter ist in der Regel mehr als nur eine Drehleiter, die im ganzen Land beliebten „Tage der Feuerwehr“ sind stets auch eine Art Schönheitswettbewerb, auf dem benachbarte oder befreundete Wehren darum ringen, wer etwa das attraktivste Modell im Segment DIN 14701 im Sortiment hat.

So ist auch der Stolz der Wache in Königswinter-Uthweiler bei Weitem nicht die einzige Drehleiter im schönen südlichsten Zipfel unseres Bundeslandes. Die benachbarten Städte Bad Honnef und Hennef betreiben ebenfalls ihre Drehleitern – Hennef ist dabei, die dritte zu kaufen kommendes Jahr. Bad Honnef hat derzeit immerhin eine am Start, macht zusammen immerhin schon sechs oder ein Bestellvolumen von, nach heutigen Marktpreisen, geschätzt mindestens 7,2 Millionen Euro – wenn das überhaupt reicht.

Pilotversuch in Baden-Württemberg

Doch aus dem grün-schwarz regierten Südwesten strahlt ein Hoffnungsschimmer nach Norden. Das Innenministerium von Baden-Württemberg hat 2025 einen Pilotversuch initiiert, um 69 Löschgruppenfahrzeuge des Typs LF 10 – so etwas wie der VW-Golf unter den Feuerwehrautos – standardisiert und per Sammelbestellung zu beschaffen.

57 Städte und Gemeinden sowie eine Werksfeuerwehr machten mit, das Land spendierte je Auto eine Förderung von 182.000 Euro, die beteiligten Kämmerer hatten Grund zu jubeln. Das LF 10 der Albert Ziegler GmbH aus Giengen an der Brenz ging zum Schnäppchenpreis über die Theke. Wobei Badener und Schwaben damit gar nicht die echten Vorreiter waren. „Ex oriente lux“, im Osten der Republik sitzen die wahren Reformer.

„Zukunftsfähige Feuerwehr“ heißt das Programm, für das das Land Mecklenburg-Vorpommern seit gut fünf Jahren insgesamt 50 Millionen Euro bereitstellte, um erstmals landesweit zentral einzukaufen. Mehr als 300 Fahrzeuge wurden seither beschafft, zuletzt 71 Exemplare des schon bekannten Typs LF 10. Pro Stück sparten die beteiligten Kommunen mehr als 60.000 Euro, ein Landesamt koordiniert und beschleunigt die Bestellungen.

Ein Haus von der Stange

Das Modell hat Furore gemacht, Brandenburg und Thüringen haben sich an einer neuen Ausschreibung für jetzt 103 Fahrzeuge beteiligt. Auch im Wetterau-Kreis in Hessen geht es voran. Dort haben sich seit mehr als vier Jahren 20 Städte und Gemeinden sowie der Kreis zu einer „interkommunalen Beratungsstelle‘“ für den Kauf von feuerwehrtechnischem Bedarf zusammengeschlossen.

Inzwischen ist das dritte große Beschaffungsvorhaben gelaufen, der gemeinsame Kauf von Schutz- und Dienstkleidung für 21 Wetterauer Kommunen. Überhaupt die Hessen: Kurz vor Weihnachten hat das Innenministerium für alle Feuerwehren einen Leitfaden „Musterfeuerwehrhaus“ herausgegeben. Damit können alle Kommunen im Land ihre neuen Garagen nach einem einheitlichen Masterplan bauen, die Einsparungen werden beträchtlich sein.

Die Zukunft heißt Standardprodukt

„Die Zukunft heißt Standardprodukt“, gibt auch Brandrat Knust aus Iserlohn zu Protokoll. Zwar sei dies in NRW angesichts der jetzigen Rechtslage noch schwierig, angesichts der prekären kommunalen Finanzlage aber unausweichlich: „Wir müssen da hin, um den ganzen Prozess von der Ausschreibung bis zur Beschaffung schneller und vor allem günstiger zu machen.“

Brandrat Klaus Knust und seinen etwa 93.499 Kollegen im Land kann an dieser Stelle zumindest ein klein wenig Hoffnung gemacht werden: „Das Standardprodukt steckt bei uns noch in den Kinderschuhen. Aber wir sind dazu in einem intensiven Dialog mit dem Innenministerium und den kommunalen Spitzenverbänden“, berichtet Christoph Schöneborn, Vorsitzender des Verbands der Feuerwehren in NRW. Vielleicht schon kommendes Jahr könne es auch bei uns so weit sein.