Celonis gehört zum engeren Bewerberkreis für die neue Polizeisoftware. Der Auftrag könnte zeigen, wie leistungsfähig eine europäische Alternative ist.
Polizeisoftware in NRWEin deutscher Herausforderer für die US-Firma Palantir

Eine Kriminaloberkommissarin sitzt vor einem Auswertungscomputer bei Ermittlungen gegen Kinderpornografie und sexuellen Missbrauch. Auch hier kann eine intelligente Analyse- und Recherche-Software aus einer wochenlangen Arbeit Ergebnisse nach Minuten machen.
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In Düsseldorf greift die Polizei einen Mann mit Drogen auf. Ein einzelner Verdächtiger, zunächst ein einzelner Vorgang. Doch die Abfrage seiner Daten zeigt eine Verbindung zu einer kriminellen Gruppierung. Auf dem Bildschirm öffnet sich eine Stadtkarte. Weitere Rauschgiftdelikte dieser Gruppe lassen sich aufrufen, mögliche Zusammenhänge prüfen. Gehören die Fälle zusammen? Welche Personen tauchen mehrfach auf? Welche Fahrzeuge wurden dabei genutzt? Was Ermittler sonst mühsam aus verschiedenen Datenbanken zusammentragen müssten, soll hier mit wenigen Klicks sichtbar werden.
Es ist ein fiktiver Fall, mit dem das Münchner Softwareunternehmen Celonis sein neues Analyseprogramm vorführt. Doch die Aufgabe ist real – und in Nordrhein-Westfalen gerade Gegenstand eines wichtigen Wettbewerbs. Die Polizei hat den Vertrag für ihre interne Recherche- und Analyse-Software im April dieses Jahres europaweit ausgeschrieben. Wer den Zuschlag bei der Neuvergabe bekommt, soll sich in wenigen Wochen entscheiden. Bisher nutzen NRW und andere Bundeländer wie Hessen, Bayern und Baden-Württemberg die Programme des umstrittenen US-Unternehmens Palantir, das sich auch für den Folgeauftrag bewerben durfte. Ob dies geschehen ist, ist unklar. Das Unternehmen sowie das NRW-Innenministerium äußern sich nicht zu Berichten, nach denen der Tech-Konzern eine Bewerbung für die Neuvergabe abgelehnt haben soll.
Mehrere Bewerber, ein Auftrag mit Signalwirkung
Es ist eine dieser scheinbar nur technischen Fragen, die im Kern auch politisch sind. Palantir ist ein Unternehmen des Paypal-Gründers Peter Thiel. Der Milliardär ist ein entschiedener Gegner von Demokratie, propagiert autoritäre Strukturen, gilt als einer der Vordenker und Taktgeber der amerikanischen Ultrarechten und polarisiert als einer der einflussreichsten Unterstützer von US-Präsident Donald Trump. In Deutschland ist die Nutzung der Software auch deshalb längst zur Symbolfrage geworden: Wer Palantir beauftragt, importiert nicht nur Technik, sondern auch die Debatte über Werte, Macht und demokratische Kontrolle.
Celonis jedenfalls gehört nach Informationen des „Kölner Stadt-Anzeiger“ bei der NRW-Ausschreibung zum engeren Bewerberkreis und bringt etwas mit, das europäischen Herausforderern bislang häufig fehlte: langjährige Erfahrung mit der Verarbeitung gewaltiger Datenmengen bei einigen der größten Unternehmen der Welt. Das 2011 in München gegründete Startup gehört mit mittlerweile rund 3500 Mitarbeitern zu den großen deutschen Softwarefirmen. Auf der Kundenliste stehen unter anderem BMW, Mercedes-Benz, die Deutsche Telekom und Uniper. Nach Unternehmensangaben arbeiten drei Viertel der DAX-Konzerne mit der Plattform.
Erfahrung aus Fabriken und Lieferketten
Nach Informationen des „Kölner Stadt-Anzeiger“ kann der Tec-Aufsteiger auch auf zahlreiche Referenzen im öffentlichen Bereich verweisen. Beispielsweise wird die Migrationsverwaltung in den Niederlanden mit der Software abgewickelt, das Gesundheitssystem eines australischen Bundesstaates, die Auszahlung von Sozialleistungen in spanischen Kommunen, und der US-Bundesstaat Oklahoma hat sich damit Transparenz über die Beschaffungs- und Bestelldaten von über 29,4 Milliarden US-Dollar in 118 Behörden verschafft. Und was Sicherheitsbehörden betrifft, da hat Celonis spätestens jetzt seinen Hut öffentlich in den Ring geworfen: Bis 2029 will das Unternehmen mehr als 100 Millionen Euro in den neuen Geschäftsbereich investieren, lautet die Kampfansage. Die unter dem Projektnamen „Metropolis“ entwickelte Lösung für Ermittlungs- und Sicherheitsbehörden wurde am Donnerstag in Berlin vorgestellt.
Bekannt geworden ist Celonis mit der Analyse von Geschäftsabläufen. Die Software verfolgt beispielsweise eine Bestellung durch Einkauf, Produktion und Auslieferung. Sie zeigt, wo Material fehlt, eine Rechnung liegen bleibt oder ein Liefertermin gefährdet ist. Für die Polizei ist nicht die verspätete Bestellung interessant, wohl aber die Fähigkeit dahinter: große Datenmengen aus unterschiedlichen Systemen zusammenzuführen und ihre Beziehungen sichtbar zu machen. „Wir wollen durch Leistung überzeugen, nicht mit ‚made in Germany‘-Aufklebern“, sagt Geschäftsführer Florian Schewior.
Aus verstreuten Angaben wird ein Zusammenhang
Die Technik lässt sich am Beispiel eines Ermittlungsverfahrens erklären. Ein Name steht in einem Polizeivorgang, eine Telefonnummer in einer sichergestellten Nachricht, eine Adresse in einem Register. Diese Angaben liegen zunächst getrennt vor. Celonis bringt sie in ein gemeinsames Datenmodell. Darin werden Personen, Orte, Ereignisse und Dokumente einander zugeordnet. Die Software soll dann zeigen, wer mit wem verbunden ist und war und wann etwas geschehen ist. Welche Daten einbezogen werden dürfen, richtet sich nach den gesetzlichen Befugnissen und den Berechtigungen des jeweiligen Nutzers.
Das ist mehr als eine gemeinsame Suchmaske. Die Plattform soll dem Vernehmen nach auch den zeitlichen Ablauf sichtbar machen: Wann fand eine Kontrolle statt, wann ein Anruf, wann eine Festnahme? Ermittler können zusätzliche Erkenntnisse eintragen, Verbindungen ergänzen und ihren Arbeitsstand für berechtigte Kollegen speichern. So muss nicht jede Dienststelle dieselben Informationen erneut zusammensuchen. Eine sichtbare Verbindung ist allerdings noch kein Beweis. Ob zwei Angaben tatsächlich zusammengehören und was daraus folgt, müssen die Beamten prüfen.
Weniger Handarbeit, früher ermitteln
Besonders anschaulich wird der mögliche Nutzen bei Verdachtsmeldungen zu Geldwäsche, Wirtschaftskriminalität oder sexualisierter Gewalt gegen Kinder. Solche Hinweise erreichen Behörden teilweise als PDF-Dateien. Beschäftigte lesen sie und übertragen wichtige Angaben von Hand in Vorgangs- oder Fallbearbeitungssysteme. Anschließend suchen sie ergänzende Informationen zusammen. Celonis will diese Übertragung automatisieren und die Dokumente den passenden Personen und Fällen zuordnen. Weitere Datenquellen sollen nach Auswahl durch die Ermittler abgefragt werden können, soweit dies rechtlich zulässig ist.
Bei Geldwäscheverfahren kommt eine weitere Funktion hinzu. Zahlungen lassen sich als Ablauf darstellen: von welchem Konto Geld kam, wohin es ging und in welcher zeitlichen Reihenfolge. Statt sich ausschließlich durch Tabellen zu arbeiten, könnten Ermittler die Transaktionen gemeinsam betrachten. Auch die Aufbereitung für nachfolgende Arbeitsschritte, etwa die Übergabe an eine Staatsanwaltschaft, soll sich unterstützen lassen. Wie viel Arbeitszeit das im NRW-Alltag tatsächlich spart, ist bislang nicht beziffert. Eine Vorführung ersetzt noch keinen verlässlichen Betrieb unter realen Bedingungen. Und ob Celonis das besser kann als andere Bewerber, müssen die für die Ausschreibung verantwortlichen Experten des nordrhein-westfälischen Landesamtes für Zentrale Polizeiliche Dienste (LZPD) bewerten.
Warum Palantir so schwer zu ersetzen ist
Die Herausforderung für alle Bewerber besteht darin, dass Palantir kein unerprobtes Versprechen verkauft. Rund 1700 Polizisten hatten in NRW zuletzt Zugriff auf die interne Analyseplattform. Gerade bei schweren Straftaten, Terrorgefahren oder sexualisierter Gewalt gegen Kinder schätzen Ermittler diesen Zeitgewinn. „In menschlicher Einzelrecherche wäre das gar nicht leistbar – nicht mal ansatzweise“, sagt Patrick Schlüter, NRW-Vorsitzender der Gewerkschaft der Polizei.
Über Jahre hat Palantir zudem Wissen darüber gesammelt, wie Polizeiarbeit organisiert ist: Welche Begriffe werden verwendet, welche Daten passen zusammen, wer darf sie sehen? Dieses Wissen lässt sich nicht allein durch leistungsfähige Rechner ersetzen. Auch Celonis räumt einen Lernprozess ein. „Bei der Polizei wird in Lagen gedacht, nicht in Prozessen“, sagt Leander Hartenauer, Leiter des deutschen Geschäfts für Verteidigung und Sicherheit. Bei einer Geiselnahme etwa zählt, welche Informationen an einem bestimmten Ort zu einem bestimmten Zeitpunkt verfügbar sind.
Die neue Lage: NRW öffnet die Tür für KI und Datamining
Für die neue Polizeisoftware gelten andere rechtliche Voraussetzungen als bisher. Eine Änderung des nordrhein-westfälischen Polizeigesetzes hebt das bisherige KI-Verbot auf und eröffnet Möglichkeiten für das sogenannte Datamining. Dabei werden Informationen aus verschiedenen Quellen zusammengeführt und nach wiederkehrenden Mustern, ungewöhnlichen Abweichungen oder auffälligen Kombinationen durchsucht.
Solche Programme können mehr leisten, als eine konkrete Suchanfrage zu beantworten: Sie können Hinweise darauf liefern, welche Personen oder Zusammenhänge die Polizei näher untersuchen sollte. Darin liegt ihr Nutzen – zugleich entstehen zusätzliche Risiken für die Grundrechte. Denn wenn die Software aus umfangreichen Datenbeständen erst mögliche Verdachtsmomente ableitet, können auch Menschen in den Blick der Ermittler geraten, gegen die zuvor kein Verdacht bestand. Das betrifft etwa Zeugen, Opfer oder Kontaktpersonen, deren Angaben aufgrund statistischer Auffälligkeiten oder einzelner Verbindungen als relevant erscheinen.
Das ist mehr als ein Update im Kleingedruckten. Es verschiebt den Charakter solcher Systeme: von der schnellen, verfahrensübergreifenden Recherche hin zu Werkzeugen, die potenziell automatisiert verdichten, priorisieren, vielleicht auch prognostizieren könnten.

